"Theaterbiennale vom Verlieren" Siegen gewinnt

Eine Provinzstadt veranstaltet ihr eigenes Theatertreffen: Im südwestfälischen Siegen messen sich bei der "Biennale vom Verlieren" die Aufführungen deutscher Regiegrößen. Zu gewinnen: Aktien einer Krisenbank.

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Die Vorfreude in Südwestfalen muss riesig sein: Siegen werde zum "Mekka der deutschsprachigen Theaterlandschaft", jubelte ein Lokalblatt. Was übertrieben ist, klar, aber nur ein klitzekleines bisschen. Denn wo gibt es das schon: Inszenierungen der Regiegrößen Jürgen Gosch, Johan Simons, Luk Perceval, Karin Beier und David Bösch an einem Ort, innerhalb von 23 Tagen, besetzt mit Schauspielstars wie Constanze Becker, Ulrich Matthes, Jens Harzer, Thomas Thieme, Bruno Cathomas, Maria Schrader und Manfred Zapatka? In Siegen war das bislang undenkbar.


Doch nun kommen all die großen Gastspiele vom Deutschen Theater Berlin, den Münchner Kammerspielen, dem Schauspiel Köln und so weiter zwischen dem 10. April und dem 2. Mai zur "1. Siegener Biennale vom Verlieren", was ein hübsch-selbstironisches Spiel mit dem Stadtnamen und einer vor Ort geflügelten Scherzfrage ist: "Was ist schlimmer als Verlieren? Siegen". Vor Jahren einmal hatte das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" ein abschätziges Stadtporträt so überschrieben - und damit für viel Aufregung unter den Bewohnern gesorgt. Diesmal, das ist sicher, kann Siegen nur gewinnen.

Möglich ist das, weil in der einstigen Kulturwüste inzwischen nicht nur ein sehenswertes Museum für Gegenwartskunst steht, sondern auch ein schmuckes Schauspielhaus mit gut 500 Plätzen, das Ende August 2007 hinter der historischen Fassade eines ehemaligen Kinos eröffnete. Das Apollo-Theater ist zwar nur ein Bespieltheater mit einigen wenigen Eigenproduktionen und ohne eigenes Ensemble, doch in den Jahrzehnten zuvor hatte die Universitätsstadt eventuellen Gastspielen die schäbige Schulaula des Löhrtor-Gymnasiums zugemutet.

Ein Qualitätssprung, keine Frage, und so kamen bereits in der ersten Spielzeit ein paar Gastspiele renommierter Häuser ins Siegener Theater, zudem etwa 80.000 Besucher, bei einer Auslastung von mehr als 90 Prozent. "Die Hochkaräter sorgen für unser Profil", sagt Intendant Magnus Reitschuster. "Dank ihnen sind die Menschen stolz auf ihr Theater, auch wenn manchen die Art des Theaters gar nicht unbedingt gefällt."

Einziger Wermutstropfen: Akustik und Bühnentechnik des Neubaus bewährten sich nicht, so dass sich die klamme Stadt Ende vergangenen Jahres dazu durchringen musste, noch einmal rund 700.000 Euro draufzulegen. Ein Teil der Nachbesserungen ist bereits umgesetzt, ein Teil folgt im Sommer. "Für normale Tourneetheater hätte die Ausstattung locker gereicht", sagt Reitschuster, "aber die großen Bühnen stellen andere Anforderungen."

Große Bühnen, wie sie nun geballt auftauchen: etwa die Münchner Kammerspiele, die die Biennale am Karfreitag mit der "Hiob"-Inszenierung ihres künftigen Intendanten Johan Simons eröffnen. Oder das Deutsche Theater Berlin, das mit Jürgen Goschs gefeiertem "Onkel Wanja" teilnimmt - der Inszenierung des Jahres mit den Schauspielern des Jahres. Oder die Berliner Schaubühne, die Luk Percevals Umsetzung des kapitalismuskritischen Trauerstücks "Tod eines Handlungsreisenden" im Dschungel-Bühnenbild Katrin Bracks nach Siegen schickt.

Ferner auf der Biennale-Bühne: "Das goldene Vlies" vom Schauspiel Köln, "Frühlings Erwachen" vom Schauspiel Hannover, "Woyzeck" vom Schauspiel Essen, "Carmen" vom Landestheater Salzburg, sowie "Faust" und der Martin-Luther-King-Abend "Ich habe einen Traum" vom gastgebenden Apollo-Theater. Im Rahmenprogramm gibt es unter anderem eine Podiumsdiskussion mit dem Titel "Rettet den Kapitalismus!?", bei der Attac-Mitgründer Sven Giegold auf Siegens CDU-Bürgermeister Steffen Mues und den früheren Chefredakteur einer Lokalzeitung trifft.

"Festivals neigen zur Eventkultur", sagt Intendant Reitschuster, "das wollte ich vermeiden." Der Titel "Siegener Biennale vom Verlieren" sei daher noch weit mehr als ein Spiel mit dem Stadtnamen: Er signalisiere den substantiellen Anspruch der Veranstaltung, die die "großen Scheiternden der dramatischen Weltliteratur" versammele. Das klingt als Motto natürlich erst mal schmissig, gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise. Andererseits ist es natürlich konstruiert und arg beliebig - wie die meisten Theatermotti: Es dürfte schwerer sein, ein großes Drama ohne großen Scheiternden zu finden als eins mit.

Egal: Für sich betrachtet, ist jedes der Gastspiele ein Gewinn für jeden Besucher. Und der ausgelobte Preis reißt auch das Motto wieder raus: Zwei Jurys - eine gebildet aus Schülern, die andere aus Studierenden und Dozenten der örtlichen Uni - bestimmen gemeinsam mit dem Publikum das Theater mit der besten Aufführung. Es gewinnt 1000 Aktien der Krisenbank Hypo Real Estate, die in einem Depot angelegt und in zwei Jahren zur nächsten Biennale ausgezahlt werden.

Den aktuellen Kurswert von etwa 1,20 Euro pro Aktie garantieren die Siegener. Sollte der Kurs aber steigen, steigt auch der Gewinn des ausgezeichneten Theaters. Eine hübsche Idee.


Siegener Biennale vom Verlieren. Apollo-Theater Siegen. 10./11.4. Hiob, 12./13.4. Tod eines Handlungsreisenden, 16./17./18.4. Frühlings Erwachen, 20./21.4. Das goldene Vlies, 22.4. Carmen, 24./25.4. Woyzeck, 1./2.5. Onkel Wanja. Komplettes Programm auf den Internetseiten. Karten: Tel. 0271/770 27 72.



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