Theaterexperiment in Frankfurt Ich liebe dich, ich liebe dich

Wer wünscht sich das nicht? Einmal Mäuschen zu spielen auf einer Hollywood-Party. Einmal eine Filmdiva zu treffen. Einmal selbst in einem Film mitzuspielen. Der Regisseur Bernhard Mikeska macht das möglich - mit einem irritierenden Theater-Experiment, das jetzt in Frankfurt am Main Uraufführung hat.

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Es war einer der Frankfurter Theaterhits des Jahres 2009: die szenische Installation "Remake::Rosemarie" im Bockenheimer Depot. Der Regisseur Bernhard Mikeska und der Autor Lothar Kittstein schickten die Besucher per Funk-Kopfhörer durch eine verwinkelte Fünfziger-Jahre-Wohnung, in der sie auf mehrere Schauspieler trafen, durch ein Erinnerungs-Labyrinth, in dem sie die Geschichte der in den Wirtschaftswunder-Jahren ermordeten Edelhure Rosemarie Nitribitt nacherlebten - und das hautnah. Wer ein wenig Glück hatte und wenig Scham, der konnte Valery Tscheplanowa küssen, die Darstellerin der Nitribitt.

Zur Eröffnung der Theatersaison am Schauspiel Frankfurt setzt das Duo Mikeska/ Kittstein nun zu einem neuen Streich an: In "Je t'aime :: Je t'aime" nutzen sie das Theater als Traumfabrik und inszenieren eine Hollywood-Party im Bockenheimer Depot. Gefeiert wird der Geburtstag einer alternden Filmdiva, eingeladen sind pro Abend 75 Besucher. Die Premiere am Donnerstag, 25. August, ist längst ausverkauft. Wer Karten für eine der weiteren Vorstellungen will, sollte sich beeilen.

Mikeska hat einst eine Doktorarbeit in theoretischer Physik geschrieben, über komplexe Systeme - einen Namen gemacht aber hat er sich als Regisseur, der in szenischen Installationen das konventionelle Verhältnis zwischen aktivem Schauspieler und passivem Zuschauer aufbricht. Und den Zuschauer zum Teil der Fiktion macht. Das Theaterformat liegt im Trend: Mit Mikeskas Arbeiten verwandt sind vor allem jene des dänisch-österreichischen Performance-Duos Signa, mehr oder weniger deutliche Schnittstellen aber gibt es auch mit der Hamburger Radiokunst-Gruppe Ligna, dem deutsch-britischen Performance-Kollektivs Gob Squad, der Performance-Gruppe Showcase Beat Le Mot und der integrativen Theatertruppe "Back to back Theatre" aus Australien.

Anders als bei ihrem Nitribitt-Abend widmen sich Mikeska und Kittstein dieses Mal einer rein fiktiven Geschichte. Formal inspiriert hat sie der Science-Fiction-Film "Je t'aime, je t'aime" aus dem Jahr 1968, mit dem der französische Regisseur Alain Resnais ein kompliziertes Spiel mit Zeit- und Realitätsebenen trieb.

Affäre mit blutjunger Schauspielerin

Der Plot: Die Filmdiva Cathérine ist weltbekannt geworden durch den Kultfilm "Je t'aime", der vom tragischen Ende einer Frau erzählt. Nun feiert sie ihren 50. Geburtstag in ihrer mondänen Hollywood-Villa. Doch unter der glänzenden Oberfläche lauert das Unglück: Cathérines Produzentin wendet sich von ihr ab; ihr Mann hat eine Affäre mit der blutjungen Schauspielerin Olga, die just am selben Tag Geburtstag hat; die Gäste tuscheln. Am Ende fällt ein Schuss - und Cathérine ist tot. In den folgenden Jahren erobert Olga nicht nur Cathérines Mann, sondern Cathérines Leben: Sie kauft ihre Villa und spielt ihre Rolle im Remake von "Je t'aime". Bald fällt es ihr immer schwerer, Wirklichkeit und Filmwelt zu unterscheiden.

Die Besucher des Schauspiel Frankfurt können das Geschehen aus unmittelbarer Nähe verfolgen. Sie müssen nicht im Parkett sitzen, sondern können sich frei zwischen den Schauspielern bewegen, wie Partygäste. Wirklich eingreifen hingegen können sie nicht; die Schauspieler, unter ihnen erneut Valery Tscheplanowa, haben einen festen Text. "Wir produzieren kein Mitmachtheater wie Signa", sagt Mikeska. "Das Irritierende unserer Arbeiten liegt eher darin, dass sie zunächst aussehen wie Mitmachtheater, dass man aber nicht wirklich mitmachen kann."

Alle Besucher tragen Kopfhörer, über die die Gespräche der Schauspieler und andere Geräusche übertragen werden. Akustisch gelenkt, können sie sich die Bilder zu den Tönen suchen, sich gewissermaßen an sie heranzoomen, und so ihren eigenen Film montieren. Zwei Dinge dürften dabei für Irritationen sorgen: "Nicht alles, was geredet wird, ist wichtig", sagt Mikeska. "Wie das auf Partys eben so ist." Zudem hören die anderen Besucher nicht unbedingt das, was man selber hört; es gibt phasenweise bis zu drei Tonspuren parallel.

Das Theater wird nicht nur zur Traumfabrik - es folgt auch einer Traumlogik.


"Je t'aime :: Je t'aime". Uraufführung am 25. August, weitere Termine 26. und 28. August, 1., 3., 4., 7., 8., 10., 11., 22., 24. und 26. September, Produktion des Schauspiel Frankfurt im Bockenheimer Depot, Kartentelefon 069/21 24 94 94.



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neo von terra 24.08.2011
1. Die Welt ist eine Kugelbühne!
Im Theater steckt viel mehr, als unsere eingefahrene Art das Leben der anderen nur passiv von außen zu betrachten. Deshalb sind Experimente hier sehr sinnvoll. Wer träumt nicht davon, selbst einmal zum Schauspieler zu werden und selbst einmal an Romeos Stelle auf der Bühne zu stehen... Welch eine Ohnmacht ist es, an einem Stuhl "gebunden" oder durch eine TV-Glasscheibe getrennt nur der Zuschauer zu sein und von all den 1000 Möglichkeiten des Lebens, nur immer die einzige Rolle des eigenen Lebens zu spielen, das oft wie auf Schienen läuft. Da möchte man bei manch gutem Film oder Theaterstück an den Bildschirm trommeln und schreien: "Ich will da rein!" Wer sonst, wenn nicht die Kunst, hat die gesellschaftliche Aufgabe sich an Utopien zu wagen und zu behaupten: "Wir alle sind Schauspieler!" Das interdisziplinäre Theaterexperiment RealTheater.de will im Rahmen einer sozialpsychologischen Grundlagenforschung und Friedensforschung testen, ob es für jeden möglich sein könnte zum Schauspieler zu werden und seine Träume zu leben: http://www.realtheater.de
Arion's Voice, 24.08.2011
2. Einer nach dem Anderen!
Wow. Das Interesse an Theater ist ja überwältigend. Es gibt noch ein Leben ohne DAX.
neo von terra 24.08.2011
3. Theater versus Planet der Affen Film
Zitat von Arion's VoiceWow. Das Interesse an Theater ist ja überwältigend. Es gibt noch ein Leben ohne DAX.
...gerade deshalb sollte sich das Theater ja, wie in Frankfurt, mal etwas Neues einfallen lassen, um die Leute wieder anzulocken. Denn wenn die schon etwas ältere aktuelle Generation der Bildungsbürger wegstirbt, bleibt sonst kaum mehr etwas übrig außer Improtheater, Poetry Slam, Comedy Wettbewerbe und Schauspielunterricht. Die Jugend hat Smartphones, HD TV, Blockbuster Spielfilme und YouTube. Mit Theaterstücken, die schon Jahrhunderte auf dem Buckel haben kann man die kaum noch locken. Was zu Shakespeare oder Schillers Zeiten revolutionär war, ist heute meist einverleibt und ohne Biss.
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