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Theaterhits 2013: Die besten neuen Stücke des Jahres

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Theaterhits 2013: Raunen, Rauschen, Schaudern Fotos
Arno Declair

Das Jahr ist zu Ende, das Theater geht weiter. Was wird von 2013 bleiben? Hier nennen Kritiker von SPIEGEL und KulturSPIEGEL die Inszenierungen, die sie in diesem Jahr am meisten beeindruckt haben. Streng subjektiv natürlich. Teil 1: Die besten neuen Stücke.

Hannover: Von den Beinen zu kurz

Dieser Text ist eine Zumutung. Denn er ist derbe im Ton, übervoll mit Bildern grotesker Körperlichkeit. Er ist ein Schock. Denn er transportiert Empathie mit einem Pädophilen. Er ist ein Graus. Denn eine missbrauchte Tochter verteidigt ihren Vater, ja mehr noch: Sie rechtfertigt sein Tun.

Dieser Text ist aber auch eine Sensation. Denn Katja Brunner hat ihn geschrieben, als sie 18 war, und mit ihm den Mülheimer Dramatikerpreis gewonnen, als sie 22 war - als jüngste Autorin aller Zeiten. Dieser Text ist auch ein ästhetisches Erlebnis. Denn er mischt realistische mit phantastischen Passagen: Protokolle von Arztbesuchen mit Moraldiskursen mit Märchen. Dieser Text ist auch eine Lektion. Denn er dämonisiert den Täter nicht, und so rückt er ihn nicht auf Distanz. Er zähmt die Tat nicht, indem er sie moralisiert, sondern er lässt sie als Rätsel im Raum stehen. Dieser Text ist auch ein Glück. Ein Glück fürs Theater. Denn für Texte wie diesen ist das Medium geeignet wie kein anderes: dafür, die Moral aufs Spiel zu setzen und mit ihr alle Gewissheiten. Für alles andere gibt es Leitartikel. Und die "Tatorte" am Sonntagabend.

Verstörend ist eine der Lieblingsvokabeln, wenn Regisseure, Dramaturgen, Kritiker über Theaterstücke sprechen. Selten passt der Begriff so gut wie zu Brunners Text "Von den Beinen zu kurz". Umso verstörender ist es, dass ihn nach der Regisseurin Heike Götze niemand mehr inszeniert hat. Ihre surreale Version ist bestechend gut, und doch schlummern in diesem Text noch Dutzende anderer Versionen. Traut euch! tob

Von den Beinen zu kurz. Von Katja Brunner, Regie Heike Götze, Cumberlandsche Bühne des Schauspiels Hannover, nächste Vorstellung am 6.2., Tel. 0511/99 99 11 11.

Hamburg: Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino

Der britische Stückeschreiber Martin Crimp ist ein braver Handwerksmann, der zwischen echten Neudichtungen antike Klassiker aufpoliert, hier die "Phönizierinnen" des Euripides. Die Griechen-Skandalstory um den armen König Ödipus, der sich die Augen aussticht, als er erkennt, dass er den Papa gemeuchelt und die Mama geschwängert hat, verlegt sein Stück samt des Bruderkampfs der Ödipus-Söhne Polyneikes und Eteokles in einen Terrorstaat. Man tobt und haut und redet in Flüchen und neumodischem Gossen-Slang. "Machen wir sie platt!" heißt es, wenn die Schlacht beginnt.

Zu großer Kunst wird Crimps Antikendrama-Update durch die Regisseurin Katie Mitchell. In einem Hamburger Fernsehstudio, einer Nebenspielstätte des Schauspielhauses, hat sich Mitchell ein Horrorhaus mit aufgerissener Fassade bauen lassen, das den Königspalast von Theben darstellt. Junge Frauen in blauschwarz uniformen Einheitskleidern führen in der Abbruchvilla Gefangene treppauf und treppab und lassen Türen zuknallen, sie bilden einen Chor aus martialischen Arbeitsbienen in einem Polizeistaat. Schauspieler wie Paul Herwig und Michael Wittenborn liefern knappe Rollenskizzen zu bedrohlicher Musik. Im Geist von klassisch-finsteren Zukunftsvisionen von "1984" bis "Gattaca" inszeniert Mitchell ein perfekt choreografiertes Alptraumspiel mit klarer Botschaft: Nicht das System, sondern das Individuum ist allen Unglücks Schmied. So ähnlich hat das schon Euripides gemeint. höb

Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino. Von Martin Crimp, Regie Katie Mitchell, Produktion des Schauspielhauses im Studio Hamburg, vorläufig keine weiteren Vorstellungen.

Oldenburg: Archiv des Unvollständigen

Die Spracharbeiterin Laura de Weck hat das sprachskeptischste Stück des Jahres geschrieben: "Archiv des Unvollständigen", eine Textcollage ohne klassische Handlung und ohne klare Figuren. Die Mitarbeiter eines Archivs sammeln Dialoge, Biografien und Situationen, in denen Menschen an die Grenzen der Sprache stoßen: Verliebtheit, Todestrauer, Amtsrücktritt. Es sind Situationen, in denen Menschen verzweifelt um Worte ringen, aber doch kaum Worte zu fassen kriegen. Situationen, in denen Menschen nur noch stottern und stammeln - oder gleich ganz schweigen und nach anderen Möglichkeiten der Kommunikation suchen. Musik zum Beispiel.

Der Uraufführungsregisseur Thom Luz stellt die Textcollage in ein Bühnenbild, das an Anna Viebrocks Räume für die Musikcollagen Christoph Marthalers erinnert. Es entsteht ein Sprachmusikabend, der ambitioniert ist, inhaltlich wie formal, und doch nicht spröde. Der Abend ist gewitzt und witzig. Dem "Archiv des Unvollständigen" fehlt es an nichts. tob

Archiv des Unvollständigen. Von Laura de Weck, Regie Thom Luz, Exerzierhalle des Oldenburgischen Staatstheaters, nächste Vorstellungen am 4., 11.,12. und 23.1., Tel. 0441/222 51 11.

Auf Tour: Situation Rooms

Die Dokumentartheatermacher des Kollektivs Rimini Protokoll erneuern in ihrem Projekt "Situation Rooms" die moralische Anstalt Theater mit den Mitteln der modernen Kriegsführung. Genauer: mit Hilfe der Fernsteuerung. Das Grundprinzip des Aufklärungsstücks, das vom Geschäft der Rüstungsindustrie im Libanon, in den USA, in Wales und in Deutschland erzählt, ist schlicht. 20 Zuschauer bekommen jeweils ein iPad in die Hand gedrückt und lassen sich von den per Gerät übermittelten Bildern und Anweisungen durch ein Gewirr von Zimmern, Fluren und Hinterhalten manövrieren. Sie sehen reale Menschen am Konferenztisch sitzen, auf Computer glotzen und mit schusssicheren Trenchcoats hantieren. Die Besucher erfahren eine Menge darüber, wer wo am Bombenknopf sitzt, wenn in den Bergen Nordpakistans eine ferngelenkte Rakete Terrorkämpfer und harmlose Zivilisten abmurkst. Und die Zuschauer werden in diesem mit logistischer Finesse bespielten Zimmerlabyrinth, während sie ihr iPad kaum je aus der Hand legen, selbst zu Akteuren: zu Tätern, Opfern, Rüstungsprofiteuren. Die Rimini-Protokoll-Erfinder Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel haben die modische Methode des "Videowalk" in diesem Erlebnisparcours hübsch perfide perfektioniert - zu einem großartigen politischen Lehrtheater über den Wahnsinn und die Allgegenwart des mörderischen Waffenkapitalismus. höb

Situation Rooms . Von Rimini Protokoll. 8.2.-23.2. Perth (Australien), International Arts Festival; 28.4.-3.5., Athen, Fast Forward Festival; 16.5. -25.5. Paris, Parc de la Vilette; 14.6.-29.6. Zürich, Schauspielhaus.

Berlin: Brandung

Ist Karla weggelaufen? Oder ist sie entführt worden? Hat Karla sich umgebracht? Oder ist sie ermordet worden? Und was könnte jeweils das Motiv dafür sein? Alles ist denkbar in "Brandung", fast bis zum Schluss, nichts ist sicher. Mal abgesehen davon, dass die 24 Jahre alte Studentin Karla weg ist und von ihren Freunden gesucht wird.

Maria Milisavljevic hat einen rätselhaft rauschenden und raunenden, emotional wuchtigen Text geschrieben, der das Thema Verlust verhandelt. Seine Stärke ist die Andeutung, die Ungreifbarkeit, die sich aus einer überstürzenden Fülle speist. Zum einen aus einer Fülle an Textformen: Erzählte Passagen und lyrische Splitter, Gedankenmonologe und Dialoge sprudeln durcheinander. Zum anderen aus einer Fülle an Genres: "Brandung" ist Krimi, Flüchtlingsdrama und Liebestragödie in einem.

Die Uraufführungsinszenierung von Regisseur Christopher Rüping macht daraus einen Theaterhit, der zum Triumph wird für Natalia Belitski, die Hauptdarstellerin. Nicht nur die Eiskacheln des Bühnenbildes schmelzen langsam, sondern auch die Herzen der Zuschauer. tob

Brandung. Von Maria Milisavljevic, Regie Christopher Rüping, Box des Deutschen Theaters Berlin, nächste Vorstellungen am 30.12. sowie 5., 13. und 18.1., Tel. 030/28 33 12 25.

Nächste Woche: Die besten Klassiker-Inszenierungen des Jahres 2013.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Na,
marty_gi 30.12.2013
klingt ja wieder mal nach intensivster manueller Beschaeftigung mit den eigenen Fortpflanzungsorganen. Und dem breiten Publikum, das sich durch diese Stuecke wenig angesprochen fuehlt, wird dann wieder "Dummheit" oder aehnliches vorgeworfen. Tut mir leid, aber in meinen Augen macht Theater etwas grundsaetzlich falsch, wenn sich das Publikum erst stundenlang vorher mit Sekundaerliteratur beschaeftigen muss und ohne den Kauf des Programmheftes ueberhaupt keinen Zugang zum Stueck hat. Eindeutiger Fall von Miskommunikation, den man dem Publikum nicht vorwerfen darf.
2. Kulturdinosaurier
hayakyu-ou 30.12.2013
Da man in der Regel ganz bequem am Tropf kommunaler, föderaler oder europäischer Kulturförderung hängt, kann es den übrig gebliebenen Häusern in der Regel egal sein, ob nur noch eine gesellschaftliche Nische von dem Schaffen auf unseren Theaterbühnen angesprochen wird. Ein gesellschaftlich relevanter wirksamer Diskurs findet nicht mehr statt. Bis auf wenige Ausnahmen sieht man ein eingleisiges und thematisch abstraktes Theater für Theaterleute und den Feulliton, das sonst verdientermaßen keine Beachtung findet.
3. Die Kritik der beiden Kommentatoren...
johanna.vonmerseburg 30.12.2013
... ist für sich nachvollziehbar, kann aber kaum auf die hier vorgestellten Stücke angewendet werden, die mir eine umsichtige, interessierte, kenntnisreiche - und wenig (pseudo-)elitäre zu sein SCHEINT. Es SCHEINT mir so, weil ich zwar ein Jahrzehnt für Staatstheater gearbeitet habe, mich aber seit drei Jahren davon abgewandt habe. Aus persönlichen Gründen, aber vor allem aus dem Grund, daß man dort wahnsinnig wenig Geld verdient (kein Witz: Hungerlöhne!), daß man 14 Stunden im Betrieb ist, daß die deutsche Theaterszene durchsetzt ist mit alten, absterbenden (Groß-)Bürger-Eliten, das Interesse am Neuen un Jungen sich allenfalls auf Skandale bezieht, wenig Kontinuität. Die besten werden vergrault... Es ist zum Davolaufen! Das europäische Theater hat keine Zukunft mehr.
4. anderswo
serenity2012 30.12.2013
Zitat von johanna.vonmerseburg... ist für sich nachvollziehbar, kann aber kaum auf die hier vorgestellten Stücke angewendet werden, die mir eine umsichtige, interessierte, kenntnisreiche - und wenig (pseudo-)elitäre zu sein SCHEINT. Es SCHEINT mir so, weil ich zwar ein Jahrzehnt für Staatstheater gearbeitet habe, mich aber seit drei Jahren davon abgewandt habe. Aus persönlichen Gründen, aber vor allem aus dem Grund, daß man dort wahnsinnig wenig Geld verdient (kein Witz: Hungerlöhne!), daß man 14 Stunden im Betrieb ist, daß die deutsche Theaterszene durchsetzt ist mit alten, absterbenden (Groß-)Bürger-Eliten, das Interesse am Neuen un Jungen sich allenfalls auf Skandale bezieht, wenig Kontinuität. Die besten werden vergrault... Es ist zum Davolaufen! Das europäische Theater hat keine Zukunft mehr.
Bitte nicht die unsägliche Situation in Deutschland auf ganz Europa übertragen. In anderen Ländern ist das Theater quicklebendig, spannend und publikumsnah. Berichte wie diese überzeugen mich nur wieder einmal mehr, meine Liveunterhaltung jenseits der Grenzen zu suchen, egal ob Sprechtheater, Oper oder Musical. Jenseits der Zwangsförderung über Subventionen und meine Steuern fördere ich diesen "Kulturbetrieb" schon seit Jahren nicht mehr.
5. @ serenity
marty_gi 30.12.2013
Stimme dem voll zu - im europaeischen Ausland gibt es, gerade im Hinblick auf Kulturpflege und neue Stuecke, eine ganz andere, viel publikumsnaehere Herangehensweise. Allein schon ein Begriff wie "Geschichtenerzaehler" koennte man dem deutsch-verkopften Theater hier in diesem Lande nicht mehr zugestehen, waehrend genau damit anderswo die Leute ins Theater gelockt werden und ueber ihr hier und jetzt nachdenken - ein Dialog ueber sich selbst, die Zeit, die Umstaende. Schlimm an der Zwangsfoerderung hier in Deutschland ist dann noch zusaetzlich, dass die oftmals interessanteren Produktionen von freien Gruppen (die also kein Stadt-, Landes- oder Staatstheater sind oder von einer "renommierten" Schule stammen, sondern es oft aus Lust und Ueberzeugung tun) nicht mal ansatzweise gefoerdert werden - gerade im Zuge von Schutzschirmen und aehnlichem. Waehrend an den "Staatsbetrieben" das Geld nur so zum Fenster rausgeworfen wird, zur eigenen Verwirklichung und ohne Ruecksicht auf die Zuschauerzahlen. Theater muss sich nicht anbiedern (das machen schon ARD und ZDF im Gefolge des Privatfernsehens), aber Dialog ermoeglichen. Dafuer muessten die meisten aber erst mal von ihrem hohen Ross runter kommen.
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