Theaterkostüm-Ausstellung Auf den Leib geschneidert

In Kritiken werden sie kaum erwähnt, im Pausentalk spielen sie selten eine Rolle: Kostüme sind die ewigen Nebendarsteller des Theaters. Die Wiener Ausstellung "Verkleiden - Verwandeln - Verführen" rückt sie jetzt ins Rampenlicht.

Von Wolfgang Kralicek


Was bleibt vom Theater, wenn man den Text, den Raum und die Körper weglässt? Nichts. Oder war da noch was? Ach ja, die Kostüme. Obwohl man sie nicht übersehen kann, sind Kostüme jener Bestandteil des Gesamtkunstwerks Theater, der am wenigsten beachtet wird.

Im Österreichischen Theatermuseum dürfen die Kostüme jetzt endlich einmal im Mittelpunkt stehen. Von ein paar Aufführungsvideos abgesehen, gibt es in der Ausstellung "Verkleiden - Verwandeln - Verführen" nichts, was von den Textilien ablenkt. Die Schauspieler und Sängerinnen, die einst in diesen Kostümen steckten, sind entweder gestorben, oder sie spielen längst andere Rollen, in anderen Kostümen.

Ältestes Exponat der Schau ist jener abgetragene blaue Uniformrock, in dem das Wiener Komödiengenie Johann Nestroy vor mehr als 150 Jahren seine Paraderolle, den Soldaten Sansquartier, spielte. Ehrfurcht gebietet auch das mächtige Lohengrin-Kostüm, in den der Heldentenor Leo Slezak (1873-1946) sich auf den massigen Körper schneidern ließ; wer Slezak als Lohengrin haben wollte, musste auch sein Kostüm engagieren.

Oskar Werner und Klaus Maria Brandauer, Kirsten Dene und Anna Netrebko: Auch in Abwesenheit sind die Akteure hier die Stars. Unter Kostümbildnern hingegen gibt es keine Stars, allerdings arbeiten hin und wieder Stars als Kostümbildner. Zum Beispiel Karl Lagerfeld, der für Hugo von Hofmannsthals Komödie "Der Schwierige" (Burgtheater 1991, Regie: Jürgen Flimm) luftige Seidenkleidchen für die Damen und einen schicken Frack für Hauptdarsteller Karlheinz Hackl entwarf.

Die allermeisten Exponate der Ausstellung stammen aus Burgtheater und Wiener Staatsoper. Zu bestaunen gibt es unter anderem ein Paar kaputt getanzte Trainingsschlappen von Ballettstar Vladimir Malakhov, den schwarzen Reifrock mit der riesigen Schleppe, den Julia von Sell in Einar Schleefs legendärer Inszenierung von Elfriede Jelineks "Sportstück" (1998) trug, oder jene weiße Uniform, die Gert Voss als Othello in George Taboris Inszenierung von 1990 jeden Abend mit seiner Körperschminke schmutzig machte. 20 Jahre später sind die Spuren der Aufführung beseitigt; das Kostüm wurde blitzsauber geputzt.

Interessanterweise macht die sehr liebevoll inszenierte Ausstellung indirekt erst recht den prekären Status des Kostüms deutlich. Man sieht nur, was man weiß. Und zu "sprechen" beginnen nur jene Kostüme, die im Betrachter Erinnerungen an die damit verbundene Aufführung auslösen. Ohne Kostüme sind die Schauspieler zwar nackt, sie können aber immer noch Theater spielen. Umgekehrt sind Kostüme ohne Theater bloß Modeteile. So gesehen, ist diese Ausstellung eine ideale Ersatzdroge für geldknappe Fashion-Victims: Hier darf man nur schauen, aber nichts kaufen.


Ausstellung "Verkleiden - Verwandeln - Verführen". Bis 31. Oktober 2011 im Österreichischen Theatermuseum, Wien. Geöffnet täglich, außer Di, von 10 bis 18 Uhr.



insgesamt 2 Beiträge
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Jott, 01.01.2011
1. War da noch was?
Stimmt, im kreativen Dreieck Regie - Bühnenbild - Kostümbild wird letzteres -was die ausführenden Kräfte angeht- oft und gerne vernachlässigt. Das ist auch an den Gagen und den Arbeitsbedingungen zu erkennen. Das "tapfere Schneiderlein" wurde schon immer lausig bezahlt, während Stukkateure und Kunstmaler seinerzeit schon eher als Künstler wahrgenommen wurden.
hue_hh 01.01.2011
2. Hamburg grüßt Wien
Herzlichen Glückwunsch an die Wiener Museumsleute und viel Erfolg mit der Ausstellung! Ohne Kostüme stünden die Darsteller splitternackt im Regen. Theater und Film sind Gesamtkunstwerke mit vielen Beteiligten, vom Regisseur bis zum Beleuchter. Auch Kostümbildner gehören mal ins Rampenlicht. In Hamburg, der Stadt, deren schwarz-grüner Senat ernsthaft ein Museum mit 150-jähriger Geschichte schließen wollte, war das Thema schon 2007 aktuell. Das Museum der Arbeit widmete (in Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinemathek-Museum für Film und Fernsehen) der Kostümbildnerei die Ausstellung FILMKOSTÜME! Das Unternehmen Theaterkunst: http://www.museum-der-arbeit.de//Sonder/Filmkostueme/ Museen sind wichtig und, wie die beiden Sonderausstellungen zeigen, ganz bestimmt nicht muffig und verstaubt. Die Wiener wissen das längst. Viele Hamburger auch. Kulturbanausen sollten sich das hinter die Ohren schreiben. Sonst fällt bald der letzte Vorhang.
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