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"Früchte des Zorns"-Premiere in Hamburg: Leben und Sterben unter der Plane

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Luk Perceval bringt am Hamburger Thalia Theater John Steinbecks Romanklassiker "Früchte des Zorns" auf die Bühne. Der Regisseur sucht darin nach zeitlosen Weisheiten über Migration und Heimatlosigkeit - und verliert sich im Allgemeinen.

"Früchte des Zorns"-Premiere: Proletarier aller Länder, verständigt euch Fotos
Armin Smailovic

Warum holt man im Jahr 2016 den mehr als 75 Jahre alten Roman "Früchte des Zorns" von John Steinbeck auf die Theaterbühne? Nun ja, es ist eine Migrationsgeschichte, wenn auch eine inneramerikanische: Der Literaturklassiker handelt vom Schicksal der zwölfköpfigen Großfamilie Joad, die in den Dreißigerjahren, zur Zeit der Großen Depression wie viele hunderttausende Andere ins angeblich gelobte Land Kalifornien flieht. Auf ihrem gepachteten Land in der "Dust Bowl" von Oklahoma ist kein Auskommen mehr. Sie sind also das, was man heute Wirtschaftsflüchtlinge nennt. Steinbecks Werk wurde vor allem für seinen sozialen Realismus gepriesen, seine genau recherchierte Schilderung der damaligen Umstände, von Dreck und Staub, den klapprigen Lastwagen auf der Route 66, der Verzweiflung der guten Besitzlosen und der Ausbeutermentalität der bösen Besitzenden.

Der Regisseur Luk Perceval hat "Früchte des Zorns" jetzt zum Auftakt der Internationalen Lessingtage als Koproduktion mit dem NT Gent am Hamburger Thalia Theater herausgebracht. Den Realismus treibt der Theatermann dieser Geschichte gründlich aus - zugunsten einer vermeintlichen Allgemeingültigkeit und behaupteten Zeitlosigkeit. Sein auf sechs Personen reduziertes Ensemble ist ein internationaler Club der Mühseligen und Beladenen: Rafael Stachowiak ist gebürtiger Pole, Marina Galic hat einen bosnisch-kroatischen Hintergrund, Mariia Shulga ist Russin, Kristof van Boven Belgier (wie der Regisseur), Nick Monu stammt aus Nigeria, und Bert Luppes kommt aus den Niederlanden. Die meisten sprechen mit Akzent, gelegentlich auch in ihrer Muttersprache. Galic sagt statt "Ich" konsequent "Ick" - ein Zeichen der Solidarität mit dem Niederländer? Proletarier aller Länder, verständigt euch.

Als Rumpffamilie Joad sind diese sechs unterwegs durch ein kahles Niemandsland, das bei der Bühnenbildnerin Annette Kurz ein bis zur Brandmauer aufgerissenes schwarzes Loch ist, lediglich von einer großen Plane und Herbstlaub bedeckt. Die ganze Zeit fallen weitere Blätter vom Bühnenhimmel herab. Kein ganz neues, aber immer wieder schön anzusehendes Bild für das Vergehen der (Lebens-)Zeit.

Alle unter einer Decke

Die Plane, eine Segeltuchplane, wie sie die "Okies" auf ihrem Treck gen Westen vor ihren Autos aufspannten, ist das zentrale Spiel-Element in diesem bewusst kargen Theater. Sie ist die Verbindung zwischen den Figuren: Wenn sie am Abend erschöpft nebeneinander sitzen und in den Zuschauerraum starren, stecken sie buchstäblich unter einer Decke; wenn sie die Plane gemeinsam festhalten und dabei stampfend im Kreis rennen, symbolisiert das die Weiterfahrt. Zusammengewickelt zu einem Knäuel wird der beige Stoff zum Leichnam des Großvaters, den auf der strapaziösen Reise schon bald der Schlag trifft. Und wenn die beiden Frauen mit der Plane eine Art Tauziehen veranstalten, steht das für die Geburt eines Babys.

Das ist von einer höheren Kunstfertigkeit, die - zusammen mit dem goldenen Licht und den farblich sehr geschmackvoll abgestimmten Erdtönen der Arme-Leute-Verkleidungen (Kostüme: Annelies Vanlaere) - das Ganze zur Elends-Folklore werden lässt. Die traurig schönen Gesänge von Shulga und Monu ("Summertime... when the living is easy") kommen als Zugabe obendrauf. Sie sind offenbar nicht als zynischer Kommentar gemeint, sondern sollen vom Langmut der Gebeutelten zeugen.

Vor allem Marina Galic als Mutter Joad verkörpert als gute Seele der Familie mit sanfter Stimme diesen tadellosen Durchhaltewillen und zwanghaften Optimismus; ihrem Mann, Nick Monu, werden dagegen genau getaktete Zornesausbrüche gestattet, in denen er seine mächtigen Muskeln spielen lassen darf. Für die Beziehung zwischen den beiden interessiert sich Perceval dabei allerdings kein bisschen.

Zur zentralen Figur wird bei ihm der ehemalige Wanderprediger Casy (Bert Luppes), der wie Jesus in der Wüste vom Glauben abgefallen ist und sich der Familie auf ihrem Weg gen Westen angeschlossen hat. Bei Luppes ist Casy ein seltsam eitler Kauz, der mit zerbeultem Zylinder auf dem Kopf holländisch fluchend über die Bühne stolziert, die Glieder verrenkt und dabei über das Wort "heilig" sinniert, ohne zu einem Punkt zu kommen.

Auch Rafael Stachowiak als Onkel John ist bei Perceval ein Clown in zu großen Hosen, der mit heiserer Stimme schlechte Witze wiederholt, die Zähne bleckt und sich in seinen extremsten Momenten so begriffsstutzig stellen muss, als spiele er einen Sketch von Dieter Hallervorden nach. Nur kein Pathos, scheint das Motto der Regie zu sein.

Aber was dann? Perceval interessiert sich wenig für die Motive der Flüchtenden, nicht für die konkrete Geschichte. Nur mit drei Szenen hält er sich länger auf, und in denen wird es grundsätzlich: Es geht um Anfang und Ende des Lebens. Ausführlich zeigt er die Beerdigung des Großvaters (Rituale ersetzen die Heimaterde), die der Großmutter (schon etwas routinierter, dafür aber im Gelobten Land) und die Geburt von Roses Kind, das tot zur Welt kommt und damit die Beschwörungsformel von Mutter Joad, "Wir sterben nicht aus", infrage stellt: Das Sterben in der Fremde als Inbegriff von Heimatlosigkeit.

Dass einem das so wenig zu Herzen geht an diesem Abend, muss man sich das selbst ankreiden? Nein, es liegt eher am Scheitern dieser Inszenierung.

"Früchte des Zorns": Thalia Theater Hamburg, nächste Vorstellungen am 24.1. sowie 5., 13., 23. und 25.2.; Tel. 040/32 81 44 44; www.thalia-theater.de

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insgesamt 3 Beiträge
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1. John Steinbeck Superstar
aeckermann 24.01.2016
In der Regel ist das Original besser als die Bearbeitung. Der S-W-Film mit Henry Fonda aus den Fünfzigern war so gut wie das Buch! Nun aus einer Romanvorlage ein Theaterstück zu machen, ist vom Prinzip her schon estrem schwer. Ein Roman ist kein Theaterstück, er ist anders strukturiert und das ist gut so. Die Idee, Steinbeck einer breiteren Öffentlichkeit wieder vorzustellen, ist gut. Steinbeck hat den Nobelpreis zu Recht ver- dient. Er versteht es wie kaum ein anderer, Not und Elend exakt zu beschreiben, aber auch Auswege aus diesem Zustand aufzuzeigen. Mein Lieblingsbuch ist "Von Mäusen und Menschen". Wie hier das Milieu der Wanderarbeiter geschildert wird und ein Behindertendrama eingebaut wird, ist großartig. Alleine die Darstellung der Samstagabend-Vergnügungen der Wanderarbeiter, die sich keine Ehefrauen leisten können und deshalb den Puff besuchen, ist ohne jeden Voyeurismus und ohne moralische Verurteilung. Wer dieses Buch noch nicht gelesen hat, sollte es unbedingt nachholen.
2. Keine Autoren mehr?
chuckal 24.01.2016
Gibt es wirklich keine Theaterstücke mehr? Müssen es immer und immer wieder Roman und Film Adaptionen sein?
3. Gut gemeint ist nicht ...
Lady Hesketh-Fortescue 26.01.2016
Ich erkenne die gute Absicht. Aber offenbar konnte der Regisseur überhaupt nichts mit dem Roman anfangen, außer mit dem eigenen Tod. Es geht nicht um Flüchtlinge, sondern um jeden, der auszieht, um woanders neu anzufangen. „Über das rote Land und einen Teil des grauen Landes von Oklahoma fiel sanft der Regen; aber er drang nicht in die rissige Erde ein.“ Selber lesen!
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