Marius von Mayenburg am Schauspiel Frankfurt Mars macht mobil

Zwischen Shakespeare und "Planet der Affen": In Frankfurt präsentiert Marius von Mayenburg sein neues Stück - als Autor und Regisseur zugleich.

Luana Velis, Nils Kreutinger
Jessica Schäfer

Luana Velis, Nils Kreutinger


Dass die Erde so unbewohnbar ist wie der Mond, wusste vor 45 Jahren schon der Schriftsteller Gerhard Zwerenz. Seitdem hat sich nicht viel geändert, im Gegenteil: die Sehnsucht, dem blauen Planeten zu entfliehen, ist noch größer geworden. Der Mars macht mobil - die Anmeldelisten für Weltraummissionen zum roten Himmelskörper sind voll. Der Verlockung, das irdische Tohuwabohu hinter sich zu lassen und im relativ Ungewissen das Heil (und den Tod, denn für ein Zurück reicht die Lebenszeit nicht mehr) zu finden, konnten bislang 200.000 Kandidaten nicht widerstehen; nach einem Auswahlverfahren der "Mars One Ventures AG" sind jetzt noch knapp 30 im Rennen. 2032 soll mit denen die Besiedlung beginnen.

Der Dramatiker Marius von Mayenburg macht sich über dieses Szenario nicht lustig, auch wenn er es in seinem Stück "Mars", das am Samstagabend am Frankfurter Schauspielhaus in der Regie des Autors selbst uraufgeführt wurde, nicht unbedingt bierernst nimmt. Es ist für ihn Anlass darüber nachzudenken, was Menschen bewegen könnte, abzuhauen aus ihren Verhältnissen und welche Schwierigkeiten man ihnen in den Weg legt, wenn sie einen Neuanfang wagen wollen. Am meisten, man ahnt es, stehen sie sich selber im Weg: Sie stolpern über ihre Ansprüche und scheitern am Geringsten.

Flucht vor der eigenen Existenz

Vier Personen suchen einen Planeten, das ist die Ausgangslage dieses Stückes. Mayenburg spricht nicht von Umweltkatastrophen oder despotischen Herrschaftsformen - es sind ihre eigenen Ängste und Sehnsüchte, die die Menschen zur Flucht von der Erde bewegen.

Vater Achim (Michael Schütz) und Tochter Johanna (Luana Velis) fliehen vor den Lügen, mit denen sie ihr wackliges Familiengerüst nicht mehr stützen können; die beiden Brüder Edgar und Oskar (Nils Kreutinger und André Meyer) vornehmlich vor ihrer lebensverbitternden Zwangsgemeinschaft. Jeder einzelne der vier steht bei Mayenburg für ein angeknackstes Existenz-Gefühl: Da ist der Zauderer, die Gebrochene, der Feige und der Draufgänger. Während der eine mit dem Leben abschließen will, sucht die andere den Neuanfang, und so sehr Edgar dem Abenteuer verfallen ist, so wenig weiß der psychisch labile Oskar, der lieber zuschlägt als nachfragt und wie die Inkarnation sämtlicher Nebenwirkungen seiner Psychopharmaka daherkommt, wo es überhaupt langgehen soll.

Dabei befinden sie sich doch erst am Anfang ihrer langen Reise ins ungewisse All und treffen aufeinander beim Eignungstest. Bei Mayenburg lappen die Überlebensfragen schnell ins Philosophische: Auf die Probe gestellt werden mehr die mentalen Fähigkeiten der Kandidaten, ihre seelische Schwerelosigkeit, als die banale physische Tauglichkeit.

Das liegt vor allem an dem ganz in unschuldiges Weiß gekleideten Yannik (Torsten Flassig), der wie ein aus dem Universum importierter Guru wirkt. Er wird sich später als ein Wesen aus Drähten und Platinen herausstellen, zuvor allerdings agiert er listig und auch schon mal poetisch-weise wie Shakespeares Puck: Verführerisch macht er sich seinen Reim auf die Liebe der Menschen, denn auch auf dem Mars soll es schließlich Fortpflanzung geben.

Kruder Mix an Stimmungen

Spätestens ab dieser Szene, in der sich Edgar versucht erotisch aufzumandeln, Johanna aber partout von Sex im All nichts wissen will, kapiert man nicht mehr so recht, was Mayenburg eigentlich will mit seiner Versuchsanordnung. Sprachlich springt der Text zwischen sehnsüchtiger Lyrik und feiner Absurdität, derweil die Inszenierung mal dreist mit Elementen der romantischen Komödie à la Sommernachtstraum spielt, mal bilderreich den Planet der Affen herbeizitiert, mal spannungsgeladen sich an Science Fiction und Actionfilm orientiert und ungeniert auch auf Dschungelcamp-Atmosphäre setzt - ein irgendwie kruder Mix, dem alsbald die innere Logik abhanden kommt.

In Marius von Mayenburgs Text gibt es lange erzählerische Passagen, in denen die Orte, an denen sich das alles zauberhaft ereignet, beschrieben werden. Da atmet etwa "der Wald tief durch, verändert chamäleonartig seine Farbe, weil oben Wolken vor der Sonne entlangfahren und das Licht verdecken und wieder freigeben, so dass es durch die Aste und Zweige fahrt, wie eine Hand durch ein Fell." Das liest sich ganz nett, allein: Auf der Bühne kann der Autor seine eigene Poesie nicht umsetzen. Auf der Rückseite eines nüchtern nackten Raums mit dem Ambiente eines Finanzamt-Büros gibt es eine breite Videowand, auf der sich ein wenig Waldeszauber ereignet, sich die Stimmungen in Landschaften kunstvoll ändern und die Darsteller im Film erscheinen, bevor sie von rechts leibhaftig die Bühne betreten. Aber sie kommen nur ins Leere und wissen nicht so recht wohin.

Nur einer der vier, ausgerechnet der tumb-brutale Oskar, erweist sich schließlich für die Mission als tauglich und entschwebt auf einer glitzernden Leiter gen Himmel. Für die Zurückgebliebenen hält Mayenburg eine Botschaft bereit, die so kitschig wie seltsam hoffnungssalbend ist: "Wir sind weit weg und machen weiter, was ihr begonnen habt, und heiter sehn wir herab aus Weltenraumen auf unsre Schopfer in den Baumen. Die Erde flackert blau durchs All. Ich sehe Schonheit, uberall", röchelt Yannik, bevor seine Batterie schlapp macht. Und über der Szene funkeln die Sterne - warum also immer gleich Mars, wenn's doch Milky Way auch schon tut?


"Mars". Kammerspiele des Schauspiels Frankfurt, nächste Vorstellungen am 30. und 31.5. sowie 7., 15. und 18.6., www.schauspielfrankfurt.de

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