Weltpremiere in Hamburg Mit Chilly und Jarvis ins Chateau

Was wäre, wenn das Promi-Hotel Chateau Marmont über all die Skandale berichten könnte, deren Zeuge es war? Sänger Jarvis Cocker und Pianist Chilly Gonzales vertonen in Hamburg legendäre Hollywood-Eskapaden.

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Als Jarvis Cocker den schweren Koffer ins Zimmer Nr. 29 wuchtet, ertönen sehnsüchtige Klänge in Moll. "Welch angenehmer Ort für einen Nervenzusammenbruch", singt Cocker mit seinem distinguierten britischem Akzent, "so ungesund, so unfair, so unterhaltsam". Auf der Bühne schmiegt sich ein schwarzer Flügel an einen zierlichen Teetisch, darauf flackert ein rotes Schirmlämpchen neben einem altmodischen Telefon mit Wählscheibe. "Nehmt Euch eine Brezel, geht an die Minibar", begrüßt Cocker das Publikum: "Willkommen im Zimmer 29".

Die Suite, in die der ehemalige Sänger der Band Pulp und der kanadische Pianist Chilly Gonzales an diesem Abend auf Kampnagel in Hamburg eincheckten, gibt es wirklich. Gemeint ist Zimmer 29 im Hotel Chateau Marmont in Hollywood, das einzige in dem Künstler- und Promi-Hotel, in dem tatsächlich ein Stutzflügel steht. Eine Videoprojektion zeigt Cocker, wie er den Raum in dem schlossartigen weißen Gebäude am Sunset Boulevard bezieht.

Was wäre, wenn das Klavier stummer Zeuge der vielen Star-Eskapaden wäre, die sich in diesem Raum abgespielt haben? Wenn es davon berichten könnte?

Er liebe es, Geschichten zu erzählen, sagt der 52-Jährige aus Sheffield über sich, das sei die Urform der Kommunikation. Schon vor Jahren sei ihm die Idee gekommen, ein Klavier zum Mittelpunkt einer neuen Show zu machen, in der das Instrument zum Zeugen all jener Ereignisse wird, die in dem Raum jemals stattgefunden haben. "Dann rief ich Chilly Gonzales an, und wir vereinbarten, dass er die Musik, und ich die Texte schreiben würde."

Hinreißend und herablassend

Herausgekommen ist ein nostalgischer Liederzyklus über die goldenen Zeiten Hollywoods und der Hotellerie. Mit schlichten, melodiös-traurigen Songs, begleitet vom Hamburger Kaiser-Quartett, geben die zwei hochbegabten Pop-Nerds die Geschichtenonkel. Sie erzählen Anekdoten von Jean Harlow und Marlene Dietrich, philosophieren über Room Services und berichten von menschlichen Dramen, Gonzales im Bademantel, Cocker in Cordhose.

Aber halt, ein richtiges Konzert sei diese Weltpremiere eigentlich nicht, ließen die Künstler im Vorhinein mitteilen. Der Abend mit Musik, Theater und Kurzfilmen sei lediglich als eine Art Probe zu betrachten, unfertig noch, womöglich gar nicht reif zur Aufführung, weshalb sie Interviews und Fotos von dem Abend ablehnten.

Aber das ist selbstverständlich nur vornehmes Understatement. Cocker singt hinreißend traurige Zeilen über Mark Twains Tochter Clara Clemens, deren Ehemann den Flügel im Chateau Marmont hinterlassen haben soll - und rettet mit überzogener Theatralik seine Songs vor allzu cremigem Kitsch. Gonzales vertont virtuos den legendären Slapstick- Klaviertransport von Stan Laurel und Oliver Hardy. Snobistisch singen sie einen "Song for the Bell Boy" und zeigen Marlene Dietrich, wie sie um 1930 ihren Pianisten anherrscht.

Um Jarvis Cocker war es in den letzten Jahren ruhiger geworden. Der einstige Britpop-Bohèmien kehrte nach dem Hype um Pulp seiner Heimat Großbritannien den Rücken, zog nach Paris, komponierte für Nancy Sinatra und Charlotte Gainsbourg, veröffentlichte zwei Soloalben und lebte so zurückgezogen, wie es für einen Mann mit seiner Geschichte eben geht. Manchmal moderiert er Radiosendungen, zuletzt gab er eine Konzert-Performance über Schlaf und C.G.Jung in der Royal Albert Hall in London.

Chilly Gonzales, 43, der sich mit HipHop ebenso gut auskennt wie mit Johannes Brahms, widmet sich seit Jahren der klassischen Musik. Bekannt machten den Kanadier seine "Solo Piano"-Alben und Klavierabende, in denen er zu leicht konsumierbarer Neo-Klassik rappt, witzelt und über Halbtonschritte doziert. Er brachte ein Album mit poppiger Kammermusik heraus, bekam einen Grammy für die Mitwirkung an Daft Punks Erfolgsalbum "Random Access Memories" und realisierte zuletzt vor zwei Jahren ein musikalisches Schattenspiel für die Bühne.

"Lasst uns das System zerstören!"

Seit drei Jahren arbeiten die beiden Eigenbrötler an ihrem Hotel-Konzeptabend, ein Pianist, ein Songwriter und das analoge Instrument, das die Sehnsucht nach der übersichtlicheren Welt von gestern begleitet. Gemeinsam ist den Musikern ihre ironische Distanz zum eigenen Schaffen: "Zum einen bin ich musikalisch seriös und tief, zum anderen benutze ich auch den lächerlichen Namen 'Chilly Gonzales' und trage Hausschuhe auf der Bühne", beschrieb Gonzales einmal diesen Spagat.

"Lasst uns das System zerstören! Zurück zu den goldenen Tagen", ruft Cocker und scheint im Begriff, einen Fernseher zerstören zu wollen. "Halt, wir brauchen den Fernseher noch, wir spielen noch zwei Shows", merkt Gonzales an und entschuldigt sich beim Publikum: "Das ist der Teil, der noch in Arbeit ist."

Von den echten Skandalen, die im Chateau Marmont passiert sind, hört man an diesem Abend allerdings nichts. Weder davon, wie Filmstar John Belushi nach einer Überdosis tot aufgefunden wurde, noch darüber, wie Star-Fotograf Helmut Newton starb, als er mit seinem Cadillac gegen die Mauer der Hoteleinfahrt raste. Kein Wort davon, dass James Dean dort einmal aus dem Fenster sprang und Jim Morrison vom Dach, dass Led Zeppelin mit ihren Motorrädern durch die Lobby fuhren, Britney Spears Hausverbot bekam und Lindsay Lohan die Zeche prellte.

"You are such a jerk", haucht Cocker am Ende des Abends in sein Mikrophon, er singt über Einsamkeit in Hotelzimmern, und nur er kann eine so hässliche Zeile so sehnsuchtsvoll und doch ironisch singen. Es bleibt unklar, ob er unbekannte Hotelgäste oder sich selbst meint. "Du brauchst keine Freundin, du brauchst einen Sozialarbeiter. Du bist ein Narr, yeah."

Room 29 [Work in Progress]. Kampnagel Hamburg.
Nächste Vorstellungen am 23. und 24. Januar. www.kampnagel.de

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