Theaterlegenden Paula Wessely ist tot

Die Grande Dame des deutschsprachigen Theaters starb am Donnerstag im Alter von 93 Jahren in ihrer Heimatstadt Wien. Bekannt wurde die mehrfach ausgezeichnete Schauspielerin durch ihre eindringliche Darstellung tragischer Frauenrollen. Auch im Kino der fünfziger Jahre feierte sie viele Erfolge.


Grande Dame der deutschsprachigen Bühnen: Paula Wessely
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Grande Dame der deutschsprachigen Bühnen: Paula Wessely

Wien - Selbst in Momenten größter Tragik hat sie ihren Figuren Poesie und Würde verliehen: Paula Wessely wurde mit ihrem eindringlichen Spiel und ihrer unvergleichlichen Sprachkunst schon zu Lebzeiten zu einer Legende auf allen Bühnen.

Die große Tragödien-Darstellerin und Grande Dame des deutschsprachigen Theaters ist am Donnerstag in ihrer Heimatstadt Wien im Alter von 93 Jahren gestorben. Schon vor Jahren hatte sich Paula Wessely in ein altes Winzerhaus zurückgezogen. Ihren Abschied von der Bühne nahm sie 1985 am Burgtheater, wo sie seit 1953 als Ensemblemitglied große Erfolge gefeiert hatte.

"Sie hält einen Platz in der kleinen Galerie der Frauen, die mir, meist ohne es zu wissen, das Herz bewegt haben", schrieb Thomas Mann über die junge Schauspielerin. 1932 war der Tochter eines Wiener Fleischers am Deutschen Theater in Berlin der Durchbruch gelungen. Als tragische Titelheldin in Hauptmanns "Rose Bernd" bewies sie ihre Stärke als Tragödin und entfachte mit ihrer Darstellung der verzweifelten Landarbeiterin wahre Begeisterungsstürme. Zuvor hatte sie bereits auf Wiener und Prager Bühnen das Publikum vor allem in Boulevardstücken für sich gewonnen.

Eine Gastspielreise durch ganz Deutschland machte die gefeierte Entdeckung bekannt. Die bald darauf folgende Einladung nach Salzburg als Gretchen in Max Reinhardts "Faust"-Inszenierung etablierte sie unter den Großen auf den deutschsprachigen Bühnen. Schlagartig wurde Paula Wessely mit ihrer Darstellung der Vorleserin Leopoldine Dur in dem Willy-Forst- Film "Maskerade" (1934) auch international bekannt.

Von der deutschen Filmindustrie zum Typus der "deutschen Frau" mit schlichtem Charme aufgebaut, gehörte die Darstellerin in den 30er und 40er Jahren zu den beliebtesten und bestbezahlten Stars. In ihrer raschen Karriere ließ sich die junge Schauspielerin von den Nationalsozialisten hofieren und wirkte an der Seite ihres Mannes Attila Hörbiger auch in dem NS-Propagandastreifen «Heimkehr» (1941) mit.

Später bedauerte sie, dass sie nicht den Mut aufgebracht hatte, sich der Vereinnahmung durch die Nazis zu widersetzen. Wegen ihrer Solidarität mit jüdischen Kollegen nach 1945 rasch rehabilitiert, setzte Paula Wessely ihre Filmkarriere mit "Der Engel mit der Posaune" (1948) fort. Auch "Maria Theresia" (1951), "Weg in die Vergangenheit" (1954) und "Der Bauer als Millionär" (1961) wurden zu großen Erfolgen.

Ihre eigentliche Domäne aber blieb die Bühne. 1953 feierte die Wienerin in der Titelrolle von Schillers "Maria Stuart" ihre Aufnahme in das Ensemble des Burgtheaters. Sie begeisterte das Publikum als vielseitige Darstellerin in Ibsen-Stücken, als Shaws Candida und Schnitzlers Gabriele in "Anatol", als Amanda Wingfield in Tennessee Williams "Glasmenagerie" oder als Mrs. Rafi in Edward Bonds "Die See". Eine triumphale Tournee führte sie 1959 mit Eugene O'Neills "Fast ein Poet" durch Deutschland.

In Raimunds "Der Diamant des Geisterkönigs" stand Paula Wessely 1985 zusammen mit Attila Hörbiger zum letzten Mal auf der Bühne. Mit eindrucksvollen und vom Publikum geschätzten Leseabenden nahm sie Abschied vom Theater und lebte nach dem Tod ihres Mannes 1987 zurückgezogen am Stadtrand von Wien. Die Bühnenleistungen der Schauspielerin wurden unter anderem mit dem Max-Reinhardt-Ring, der Josef-Kainz-Medaille und dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst gewürdigt. Die drei Töchter des Paares, Elisabeth Orth, Christiane Hörbiger und Maresa Hörbiger, sind der Leidenschaft der Eltern treu geblieben und als Schauspielerinnen erfolgreich.



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