Theaterpremiere "Die Abschaffung der Arten" Aus dem Maul des Löwen

Wenn die Tiere die Welt beherrschen und sich mit Düften verständigen: Ausgerechnet mit seinem bizarren Roman "Die Abschaffung der Arten" gelang Dietmar Dath der kommerzielle Durchbruch. Jetzt setzt das Deutsche Theater in Berlin noch eine Überraschung drauf: Das Buch ist ein großartiger Bühnenstoff.

Von

Statt Kostümen tragen die Darsteller in "Die Abschaffung der Arten" Pappfassaden.
Arno Declair

Statt Kostümen tragen die Darsteller in "Die Abschaffung der Arten" Pappfassaden.


Nominierung für den Deutschen Buchpreis, Bühnenadaption vom Deutschen Theater Berlin - wenn man will, kann man den Erfolg von Dietmar Daths Roman "Die Abschaffung der Arten" als schnurgerades Ankommen im bildungsbürgerlichen Kanon verstehen. Jahrelang wurde Metal-Fan und Leninist Dath fast nur von Sympathisanten gelesen und besprochen, einem breiteren Publikum schien der ehemalige "Spex"-Chef und "FAZ"-Redakteur nicht erschließbar. Dann kam die Aufreihung zum Buchpreis neben Kandidaten wie Uwe Tellkamp. Und jetzt kann man "Die Abschaffung der Arten" wie schon "Feuchtgebiete" oder "Elementarteilchen" auch noch auf einer Theaterbühne sehen.

Dort schien der Stoff nicht hinzugehören: Wer es sich als Leser oder Kritiker zur Aufgabe gemacht hatte, Daths irren Output von ein bis drei Büchern pro Jahr zu bewältigen, blieb weitgehend unter sich, Theater mischte nicht mit. Was für ein Glück, dass Kevin Rittberger das geändert hat. Seine Adaption und Inszenierung von "Die Abschaffung der Arten", die am Sonntag in der Box des Deutschen Theaters in Berlin uraufgeführt wurde, ist die wahrscheinlich interessanteste Auseinandersetzung mit Dath, die es in den letzten Jahren gegeben hat. Auf jeden Fall ist es die unterhaltsamste.

Mit Pappaufstellern fängt der Abend an. Die tierähnlichen Figuren, die den Roman bevölkern, stehen als lebensgroße Cartoons in der ebenfalls auf Pappe aufgemalten Landschaft herum. Die Schauspieler (Elias Arens, Olivia Gräser, Judith Hofmann und Jörg Pose in wechselnden Rollen) machen Klappen in Höhe der Gesichter auf und sprechen durch die Löcher hindurch. Gente heißen diese Tierhaften bei Dath, sie bilden die nächste Evolutionsstufe nach den Menschen, indem sie keine Grenzen zwischen den Spezies mehr kennen.

Wo sich Dath aber bemüht, den Gente eine eigene Kommunikation, Philosophie und Körperlichkeit, zu geben, macht Rittberger gleich zu Beginn klar: Hier werden Tiere bemüht, um doch sehr menschliche Positionen zu verlautbaren. Bei all der flirrend schönen Sprache, die sich Dath für die Gente ausgedacht hat, scheint nämlich immer wieder sein eigener nörgeliger Wissensdurst durch. Hier hat sich jemand Gedanken zu Evolution, sozialistischen Gesellschaftsformen und Duftbotenstoffen gemacht und möchte die jetzt auch ganz dringend loswerden. Wenn es sein muss, dann halt auch durch das Maul eines Löwen.

Rainer Langhans statt König der Tiere

Den dürftigen Plot von "Die Abschaffung der Arten" fasst die Theateradaption ebenso respektlos in knappen Dialogen zusammen. Wer das Buch kennt, dürfte erleichtert sein, weil sich der Eindruck von sehr wenigen, die Geschichte vorantreibenden Szenen bestätigt. Wichtig ist bei Dath vor allem der Entwurf einer nachmenschlichen Gesellschaft und wie sich diese über sich und ihre Geschichte verständigt. Wer das Buch nicht gelesen hat, wird sich indes so fühlen, als bekäme er den Inhalt einer Daily Soap referiert. Gente treffen auf Gente, die gegeneinander intrigieren, Menschen missbrauchen und Machtkämpfe anzetteln. Krude Drehungen und Wendungen sind das, die von durchaus ermüdenden 550 Buchseiten auf temporeiche zwei Stunden Aufführungszeit kondensiert werden.

Und noch weitere Macken des Textes arbeitet die Inszenierung heraus: Wo bei Dath ein Löwe als Messias auftritt und die Menschheit überwindet, zeigt ihn Rittberger als abgeschmackten, 68-angehauchten Patriarchen, dessen Mähnenperücke mehr an Rainer Langhans als an den König der Tiere erinnert. Und wo Dath die sexuelle Versklavung der Menschen durch die Gente detailfreudig schildert, lässt Rittberger sie hechelnd-notgeil vortragen. Erstaunlich, wie gut dem Text und seinem Autor die feine Ironisierung tut.

Gerade wenn man denkt, man hat es bei dem Theaterabend eher mit einem Kommentar zum Roman statt seiner Inszenierung zu tun, entwickelt das Stück eine drängende Präzision. In einer einzigen Szene aus einem zeitgenössischen Backshop (!), in der ein Kaufvorgang aufs lächerlichste schiefgeht, wird Daths Abscheu gegen die Begrenztheit der Menschen und ihrer Verständigungsmöglichkeiten deutlich. Wo Rittberger vorher Ironie in machohaften Ernst gebracht hat, nimmt er nun Witz aus einer albernen Situation heraus: Ein anderes Reden muss doch, Herrgott, möglich sein!

Im Schlussakt, der den Übergang vom Zeitalter der Menschen zur Ära der Gente behandelt, erklingt Daths Sprache schließlich ungebrochen. Die Grundannahme des Romans wird klar: Mensch sein heißt, willentlich zu gestalten. Wenn sich die Menschheit aus eigener Kraft abschafft, dann löscht sie das Menschliche nicht aus, sondern leistet vielmehr den größten gestalterischen und damit menschlichen Akt, der sich denken lässt. Das Ende der Menschen - man muss es als versöhnliches Fest begreifen. "So geschah es; und damit fingen Leben an, wie es sie nie zuvor gegeben hatte." Mit diesen Worten enden sowohl Roman als auch Inszenierung - in beiden Fällen eine Punktlandung.


"Die Abschaffung der Arten", nächste Termine: 9., 14., 27. und 28. November, Deutsches Theater Berlin

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.