Theatersatire: Kinderkriegen ist kein Kinderspiel
Dieser Theatertext wirkt besser als Pille und Kondom: Kathrin Röggla hat ein Stück geschrieben über das Elternsein und Elternwerden - ein literarisches Verhütungsmittel.
Afghanistan-Krieg, Euro-Krise, Klimawandel - redet da noch wer drüber? Abseits der "Tagesschau"? Im privaten Rahmen? In der Welt, in der die Schriftstellerin Kathrin Röggla ihr neues Theaterstück angesiedelt hat, redet keiner mehr darüber. In dieser Welt reden alle nur noch vom Kinderkriegen und Elternsein. Denn Kinderkriegen und Elternsein, das sind die Mittelschichtsabenteuer der Gegenwart. Die Utopien, die geträumt werden im Münchner Glockenbachviertel, im Frankfurter Nordend, in Köln-Ehrenfeld, in Berlin-Prenzlauer Berg und in Hamburg-Eimsbüttel. Als habe ein Virus diese Großstadtviertel befallen.
"Kinderkriegen" heißt Rögglas bitterböses Stück, eine Auftragsarbeit des Residenztheater-Intendanten Martin Kusej. Regie führen wird Tina Lanik, Uraufführung ist am Samstag, 12. Mai, dann untermalt von Musik des Münchner Duos Pollyester.
Röggla, 40, hat ein irrsinnig wucherndes Textmonster geschaffen, in dem die kleinen Monster physisch abwesend sind, aber psychisch permanent anwesend - in den Gaga-Gesprächen der Erwachsenen. Das Figurenarsenal der Horrormonster-Show wirkt, als habe die Autorin es in Kinderwunschforen gecastet oder in Geburtsvorbereitungskursen, in Krabbel- oder Pekip-Gruppen, beim Babyschwimmen oder Kinderturnen, auf Indoor- oder Outdoor-Spielplätzen, in Kindercafés oder Elternschlafzimmern. In einer Welt, in der jeder Ort schon rein begrifflich kontaminiert ist vom Kinderglück.
Witz und Klamauk
Formal ist der Text spröde bis wirr, inhaltlich aber sehr zugänglich und anschlussfähig: mit Momenten boulevardesken Witzes und Klamauks, der aus der satirischen Überspitzung von Klischees entsteht. Da essen alle Eltern plötzlich aus Pflichtgefühl ihren Kindern gegenüber zu Mittag, "damit Essen als soziale Situation an sie herangeführt wird und sie später nicht fett werden". Mit anderen Worten: Alle werden fett, damit die Kinder nicht fett werden.
Da können alle Eltern plötzlich keine Filme mehr schauen, weniger aus Zeitmangel als aus paradoxer Hypersensibilität: Es berührt sie zu sehr, wenn Kinder auf der Leinwand zerzaust, gequält, getötet werden, obwohl sie gleichzeitig permanent über Totgeburten im realen Leben reden, über Spätabgänge, über plötzliche Kindstode. "Was andere Mütter eben so reden". Da lästern die einen Eltern über die anderen Eltern, weil die ihre Kinder nicht richtig genießen: "Dabei sollten sie es tun" - "Wir genießen unsere Kinder richtig" - "Ja, aber auch bei uns hat das lange gedauert. Wir haben hart dran arbeiten müssen."
Da hadert die Oma damit, dass ihre spätgebärende Tochter von Emanzipation plötzlich nichts mehr wissen will. Da zoffen sich Präimplantationsdiagnostiker, Kinderladenbesucher und Frühförderungsexegeten auf der einen Seite. Und Kinderlose auf der anderen. Es sind geknechtete Gestalten unter Rechtfertigungsdruck, unvollkommene Mitglieder der Großstadt-Mittelschicht: "Wissen Sie, ich bin auf Umwegen zu meiner Kinderlosigkeit gekommen..." - "Ich auch" - "Sie haben es gar nicht beabsichtigt" - "Es ist so passiert".
Rögglas Diagnose ist witzig, und sie ist hart: ein literarisches Verhütungsmittel. "Nirgendwo dürfen diese Quälgeister ihren Eltern so auf den Kopf scheißen" wie in der deutschen Großstadt-Mittelschicht, lässt sie einen Vater sagen. "Nirgendwo infantilisieren sich ganze Bevölkerungsschichten mit so einer Rasanz. Die neue Egoshooter-Generation, die hier am Wachsen ist, wird euch aus den Latschen kippen."
Spätestens beim ersten Kindergeburtstag mit Schulfreunden.
"Kinderkriegen". Uraufführung am Samstag, 12. Mai, um 19 Uhr, Cuvilliéstheater des Residenztheaters München, weitere Aufführungen am 14., 15., 18. und 22. Mai jeweils um 20 Uhr, Karten unter Telefon 089/21 85 19 40.
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