Theaterpremiere "Unterwerfung" in Hamburg Edgar und das Erregungsgeknatter

In seinem Roman "Unterwerfung" provozierte Michel Houellebecq mit der Vision eines muslimischen Staatspräsidenten in Frankreich. An dem kontroversen Stoff versuchte sich jetzt das Hamburger Schauspielhaus - mit einem grandiosen Edgar Selge.

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Es ist ein Kreuz mit dem Älterwerden - mit dem Sex, mit der Karriere, wenn rein gar nichts mehr rund läuft und man sich an den Ecken und Kanten des Lebens verwundet. François, der Literaturwissenschaftler, verkörpert das prototypische Frustbündel des Mittelklasse-Intellektuellen, der sich mit mattem Witz und saloppem Sarkasmus aus der Falle der geistigen Frühverrentung zu retten sucht.

Das birgt mehr Bühnen-Komik, als man annehmen möchte: So draufgängerisch, wie Edgar Selge zu Beginn dieser zweieinhalbstündigen "Unterwerfung" am Hamburger Schauspielhaus seine Figur buchstäblich aus dem Stand entwickelt, verliert diese Ein-Schauspieler-Show keine Zeit, dreht sofort auf volle Touren.

Das überdimensionale, sich ständig drehende Kreuz bietet den einzigen Fluchtraum, ansonsten ist alles Wand, Beklemmung, Enge. In diese schmalen Räume dieses Kreuzes zieht sich Selge/François immer wieder zurück, mit aberwitzigen, mitunter fast akrobatischen Übungen, ein Exzess der ständigen Anpassung. Die Bewegung als Metapher für das geistige Innenleben eines Opportunisten, der anfangs noch gar nicht weiß, dass er einer ist. Er kriecht und er überlebt. Man sieht das, man sieht den Text, und das wird dann großes Theater. Schauspielhaus-Chefin Karin Beier führte Regie und zeigte wiederum eine sichere Hand.

Akrobatische Übungen

Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" ("Soumission") erschien im Januar 2015 und entfachte eine teils hysterische Diskussion. Seine Fiktion von einer scheinbar gemäßigten muslimischen Partei, die in Frankreich nach korrekten Wahlen, Taktieren und Koalieren schließlich den Staatspräsidenten stellt, passte einfach zu gut in die europäische Islam- und Religionsdebatte. Houellebecqs routiniertes Provokationsinstrumentarium, mit dem er seit Jahren literarische Bestseller entwickelt, arbeitete hier in Top-Form. Die Rezeption des Romans erzeugte ein Erregungs- und Empörungsgeknatter, unter dem die Qualitäten und manchmal auch die Intention des Romans verdeckt wurden.

"Unterwerfung", das ist zunächst eine Satire auf die Selbstgefälligkeit und mentale Sattheit der westlichen Gesellschaft. Wie böse diese Satire wirklich ist, das arbeitet die neue Fassung des Stoffes an der Hamburger Traditionsbühne sinnlich heraus. Intendantin Karin Beier dampfte den Text ein wenig ein, führte ihren einzigen Darsteller straff über die klug verengte Bühne (gut konzipiert von Olaf Altmann) und verließ sich völlig zu Recht auf die immense Präsenz Edgar Selges: ein Wagnis, das die Talente aller effizient bündelte.

Die immense Präsenz Edgar Selges

Schon rein äußerlich ließ Selge das Auditorium schmunzeln. Ein verhuschter Professor im cremefarbenen Dreiteiler, irgendwie als Houellebecq-Lookalike angelegt, von Mimik und Gestik immer wieder an Loriot erinnernd, dazu eine Proll-Prise à la Hugo Egon Balder, setzte er Pointen mit der Routine eines Comedians. Sein Sexleben erscheint als einziger Witz, und niemand nimmt es wunder, dass er später im Rahmen der islamischen Umwälzungen die Einführung der Mehrehe und das Verschwinden der Frauen aus dem Berufsleben als sinnvolle Reform wahrnimmt. Das begierige Nachvollziehen der billigen Argumente für Patriarchat, Theokratie, intellektuelle Diktatur kennzeichnet den willigen Unterwerfer, der in dieser grotesken Zeichnung schon wieder etwas Zeitloses bekommt.

Und immer wieder der bühnenwirksame Wechsel zwischen dem quälenden Ins-Kreuz-Kriechen und scheinbar lockerer Entertainer-Pose: eines der vielen, sorgfältig gesetzten Bilder, die diesen anspruchsvollen Text-Ritt für den Schauspieler wie fürs Publikum über die lange Distanz niemals langweilig werden lassen. Wohltuend auch, dass Karin Beier zur atmosphärischen Unterstützung Musik (Daniel Regenberg) nur sehr sparsam und leise einsetzt. Manchmal klingt es nach Badalamenti/"Twin Peaks", aber das sind dann schon die suggestivsten Momente.

Standing Ovations für den großartigen Solisten

Viel greller und schneller unterstützen die perfekten Licht-Ideen (Rebekka Dahnke) die Bewegungen Selges, aber auch hier gibt es keine billigen Effekte, nur Akzente und Zeichen. Es bleibt letztendlich alles an Edgar Selge hängen. Mit der Schauspielhaus-Bühne hat er gute Erfahrungen gemacht, 2004 spielte er an der Kirchenallee einen Super-"Faust" (Regie: Jan Bosse), von dem man heute noch spricht.

Als Selge am Ende zum überdeutlichen Zeichen seiner Islam-Unterwerfung auch noch die Uniform vom Schluffi-Anzug zum schlichten Orient-Outfit wechselt, steht dem großen Premieren-Jubel nichts mehr im Wege. Standing Ovations für den großartigen Solisten sowie fürs Team - das gibt es auch in der Ära Beier am Schauspielhaus nicht alle Tage. Keine Unterwerfung, sondern ein praller, fast altmodisch süffiger Theaterabend.

Wer den Text "Unterwerfung" von Michel Houellebecq einmal akustisch erleben möchte - und er ist dafür perfekt geeignet -, für den gibt es ein von Christian Berkel gelesenes Hörbuch.



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