Premiere in Osnabrück: Ein todunglückliches Paar
Zwei Senioren sind am Leben gescheitert - und nun scheitern sie auch noch am Tod: William Pellier hat ein Stück zur Stunde geschrieben, eine Theaterrecherche in den Abgründen einer alternden Gesellschaft. Nun wird "Wir waren" erstmals in Deutschland aufgeführt.
Sie haben einen Plan: Das Einfamilienhaus, das spenden sie einer Stiftung für Gehirnkrankheiten. Das Geld auf ihrem Konto, das geben sie dem Tierschutzverein. Den Pudel, den nehmen sie mit. Mit in den Tod.
Denn ihr Plan, der ist todsicher: Am 30. August wird der Mann das Holzgeländer an der Serpentinenstraße losschrauben, am 31. August wird er den Wagen darauf zu steuern, den Abhang hinab, 100 Meter tief. Mit im Wagen: seine Frau und sein Pudel, beide mit Schlaftabletten ruhiggestellt. Der Pudel, er soll nicht leiden.
Im Theaterstück "Wir waren" begleitet der französische Schriftsteller William Pellier ein namenloses Ehepaar, das des Lebens müde ist. Sie haben kein eigenes Mobiliar in ihrem blassrosa Bungalow, sie haben Stühle und einen Tisch aus weißem Plastik. Sie haben keinen Spaß im Pool, sie haben Kreuzworträtsel. Sie haben keine Kinder, sie haben einen Pudel.
Zeitdiagnostischer Wert
Am Sonntag bekam Pellier für "Wir waren" (Originaltitel: La Vie de marchandise) den Autorenpreis des Saarbrücker Festivals frankophoner Gegenwartsdramatik, Primeurs, weil er "so eindringlich wie berührend" ein altes Ehepaar und seinen Versuch beschreibe, "selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden". Sein Stück, das in manchen Teilen an eine Prosa-Textfläche erinnert, ist komplett klein geschrieben und verzichtet komplett auf Zeichensetzung: Die Figuren reden ohne Punkt und Komma. Im September war die deutschsprachige Erstaufführung im Zürcher Theater an der Winkelwiese, am Freitag ist die deutsche Erstaufführung in Osnabrück. Regie führt Alexander May.
Auch wenn das Stück bereits vor über einem Jahrzehnt uraufgeführt wurde, 2001 in der Comédie de Saint-Etienne, hat es zeitdiagnostischen Wert. Natürlich hat es das. "Wir waren" widmet sich einem Seniorenpaar, das am Leben gescheitert ist, wie so viele Menschen seit jeher, und das nun auch noch am Tod scheitert, wie immer mehr Menschen aktuell. Die Sterbehilfe-Debatte hat darin eine ihrer Ursachen.
Pellier schildert ein Ehepaar, das eine symbiotische Beziehung gelebt hat und auch noch im Tod leben möchte. Fragt man sich zunächst vergeblich, wieso das Paar sich eigentlich umbringen will, so ist die Antwort offensichtlich, nachdem der Selbstmord gescheitert ist: Die Frau spricht nicht mehr, und der Mann spricht mit sich selbst. Sie müssen ihr Einfamilienhaus verkaufen, um sich Plätze im Pflegeheim zu finanzieren. Und ihren Pudel, den müssen sie abgeben.
"gott ist das leben lang", sagt sie am Ende, an dem sie am Ende ist. Und er erklärt: "wir hatten das nicht geplant dass einer vor dem anderen stirbt unser tod zusammen im auto war um zusammen zu bleiben alles erscheint jetzt zerrissen."
"Wir waren": Premiere am 30. November, weitere Aufführungen am 4., 13. und 20. Dezember sowie am 9., 16. und 25. Januar, jeweils um 19.30 Uhr, Theater Osnabrück, Kartentelefon 0541/7600076.
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