Theaterprofis Schmidt und Winkler "Die Leute wollen Strumpfhosen statt Hinrichtungen"

Sie ist eine Legende, er eine TV-Ikone mit Bühnenfaible - der SPIEGEL bat Angela Winkler und Harald Schmidt zum Gipfeltreffen. Ein Gespräch über Theaterzauber und die Kunst der Provokation, Bahnchef Mehdorn und den besten Hamlet aller Zeiten.


SPIEGEL: Frau Winkler, Herr Schmidt, Sie sind beide berühmte Künstler, die eine im Theater, der andere als Fernseh- und Kabarettmann. Wie gut kennen Sie einander und Ihr Werk?

Winkler: Wir haben uns noch nie getroffen. Und ich kenne gar nix von Ihnen, Herr Schmidt.

Schmidt: Ist natürlich ein großer Vorteil.

Winkler: Na gut, ganz stimmt das nicht. Ich gucke zwar fast nie Fernsehen, aber ich bin kein Abstinenzler. Die wenigen Male, die ich Sie gesehen habe, da zappelten sie immer so.

Schmidt: Das ist ja ein toller Satz!

Winkler: Ich hab’s halt so gesehen. Immerhin weiß ich von Ihnen, dass Sie sehr gern in Zadek-Vorstellungen reingehen.

Schmidt: Stimmt. Ich war in fast allen bedeutenden Zadek-Aufführungen der letzten 30 Jahre drin. Auch im berühmten "Othello" mit Ulrich Wildgruber. Und ich bin natürlich auch ein glühender Bewunderer von Frau Winkler. Bei Zadek habe ich Sie zwei mal gesehen: Ich war im "Hamlet", beim Gastspiel in Paris, und in "Rosmersholm" im Wiener Burgtheater.

Winkler: Ich weiß. Es gibt dann hinter der Bühne immer so ein Geraune. Da sagen die Kollegen: "Heut ist der Harald Schmidt drin."

Schmidt: Ihr "Hamlet" war sensationell. Am meisten hat mir die Art imponiert, wie Sie den Satz "Was sind denn das für Schauspieler?" aussprachen. Da ist Ihnen das gelungen, was man auf der Schauspielschule immer hört: eine private Haltung durchschimmern zu lassen. Dann bleibt auch so ein Satz hängen.

SPIEGEL: Frau Winklers Premiere in dieser Rolle 1999 unter Peter Zadeks Regie gilt den meisten deutschen Theaterkritikern als bedeutendstes Hamlet-Ereignis der letzten 20 Jahre. Was hat Sie, Herr Schmidt, geritten, nun in Stuttgart mit einem "Hamlet"-Musical anzutreten?

Schmidt: Der Anspruch, dass was hängen bleibt. Wir wollen, dass die Leute endlich mal kapieren, was im "Hamlet" passiert. So toll ich die Zadeksche "Hamlet"-Aufführung damals fand - wir haben sie gleich eine Woche nach der Premiere in meiner Late-Night-Show im Kultursender Sat 1 mit Playmobilfiguren nachgespielt...

Winkler: ...wirklich? Das hätte ich gern gesehen...

Schmidt: ..., so beschämt muss ich gestehen, dass ich erst nach der Hälfte der Zadek-Aufführung kapiert habe, dass Polonius nicht bloß ein wichtiger Beamter, sondern auch der Vater von Ophelia und Laertes ist. Man liest den Text ja nicht permanent.

Winkler: Ich habe Sie heute während der Probe für die Musicalpremiere als Polonius und als Geist von Hamlets Vater gesehen. Und ich muss sagen: Ich habe das Stück hier begriffen. Ich hatte den "Hamlet" bis heute noch nie von unten gesehen. Wie Sie da standen und sangen in lila Strumpfhosen, ein richtiger Schauspieler und Kollege, das war wunderbar!

SPIEGEL: Warum muss man im Jahr 2008 "Hamlet" spielen, was bedeutet es, dass in Stuttgart gleich die ganze Saison unter dem Motto "Generation Hamlet" steht?

Schmidt: Ich erkläre es Ihnen: Die "Generation Hamlet" ist zaudernd, suchend, getrieben, sie fragt sich, ob die Frage nach der Macht wirklich alles dominiert und ob ihre Zukunft längst verspielt ist. Eigentlich kriegt man alles unter diesen Hut Hamlet, auch die Finanzkrise.

SPIEGEL: Für die Shakespeare-Übersetzer Schlegel und Tieck im frühen 19. Jahrhundert war Hamlet ein Deutscher, für die Nazis ein nordischer Übermenschenheld, für die 68er ein zorniger Rebell.

Schmidt: Bei uns ist er ein Schweizer. Also ich meine, der Hamlet-Schauspieler Benjamin Grüter kommt aus der Schweiz.

Winkler: Bei uns, also in Peter Zadeks Inszenierung, war er ein überforderter junger Mensch. Einer, der nicht mit den Geräuschen einer Welt zurecht kam, in der alles bestimmt ist: wie man sich zu verhalten hat, wodurch Erfolg bestimmt ist, wie man in den Medien, in der Öffentlichkeit gut dasteht.

Schmidt: Für mich sind Sie durch diese Aufführung gegangen wie ein Irrlicht. Als Zuschauer hat man ganz schnell vergessen, dass es eine Frau ist, die diesen Hamlet spielt. Sie strahlten eine große Ruhe aus. Übrigens: Von wegen ich zapple immer so. Ich halte das für ungerecht. Ich halte mich für relativ ruhig im Fernsehen. Ich bin einer der wenigen, der fast nicht zappelt. Das habe ich von Rudi Carrell abgeguckt.

Winkler: Aber heute während der Bühnenprobe haben Sie noch weniger gezappelt als im Fernsehen. Nämlich überhaupt nicht.

Schmidt: Man muss den Mut haben, die Hände unten zu lassen. Das ist enorm schwer!

Winkler: Ja, das ist es. Ich halte die Hände auch immer unten. Es geht darum, einfach nur dazustehen. Und dann lese ich in der Kritik, zum Beispiel nach meiner "Iphigenie": Sie steht da wie eine Ente.

Schmidt: Das ist jetzt natürlich ganz hohe Schule, über die wir hier reden. Die Kunst der scheinbaren Beiläufigkeit. Die muss scheinbar sein, denn wenn der Zuschauer das Scheinbare nicht erkennt, wird das Ganze sehr schnell zum privaten Genuschel.

Winkler: Man muss ganz da sein auf der Bühne. Das habe ich bei meinen Lehrmeistern Peter Stein, Klaus Michael Grüber und Peter Zadek gelernt. Dass man auf der Bühne immer wach ist und sieht und hört, was hinter und um einen passiert. Das man nicht spielt, sondern zuhört.

Schmidt: Ja. Es fällt sofort auf, wenn auf der Bühne einer steht, der den anderen wirklich zuhört, wenn sie ihren Text sagen.

SPIEGEL: Der Schriftsteller Maxim Biller hat mal beklagt, im deutschen Theater werde man fast immer angeschrien.

Schmidt: Ich glaube, Maxim Biller, einer unserer besten Autoren, wird prinzipiell immer angeschrien. Das hat er gern. Aber Lautstärke und Nacktheit und Blecheimer und E-Gitarre auf der Bühne sind im Augenblick ein bisschen verbraucht im deutschen Theater. Das Provokationsbusiness ist am Boden.



insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 24.10.2008
1.
Ich guck lieber Bildschirmtheater und da auch die eher längeren Stücke (so 22 Folgen á 42 Minuten). Ich hab nichts gegen Theater, aber ich wüsste ehrlich gesagt nicht mal, was die bringen und ob mich das interessieren würde.
Juliane Fuchs, 24.10.2008
2.
Zitat von sysopEs tut sich viel auf deutschen Bühnen - das aktuelle SPIEGEL-Interview mit Angela Winkler unbd Harald Schmidt thematisiert es aus Schauspielersicht. Gehen Sie gern ins Theater? Was gefällt Ihnen, was nervt? Was wünschen Sie sich vom Theater?
Zuvörderst, daß das Theater zum Respekt vor den Werken zurückfindet, von denen es lebt. Das Theater ist für die Stücke da, nicht die Stücke fürs Theater, damit es daran sein Mütchen kühle.
Peter-Freimann 24.10.2008
3.
Zitat von sysopEs tut sich viel auf deutschen Bühnen - das aktuelle SPIEGEL-Interview mit Angela Winkler unbd Harald Schmidt thematisiert es aus Schauspielersicht. Gehen Sie gern ins Theater? Was gefällt Ihnen, was nervt? Was wünschen Sie sich vom Theater?
Zunächst mal SCHLIESSEN! Nach einer gewissen Pause eine zeitgemäße, moderne und aufgeklärte Neuorientierung an den Werken, an dem Potential der Schauspieler, den Möglichkeiten des Theaters überhaupt und NICHT denen der Videoästhetiken, der Trash-TV-Formate und anderer weitaus schlichterer Konsumwelten außerhalb der Bühne. Nie wieder Regisseurtheater, denn eine angemiefte, verkorkte Selbstbespiegelung eitler ewiggestriger Kulturschaffender kann von Shakespeare bis Horvath, von Aischylos bis Dürrenmatt, niemals den Werken und einer geistigen Auseinandersetzung mit diesen gerecht werden.
supercat 24.10.2008
4. Theater ist toll
Zitat von sysopEs tut sich viel auf deutschen Bühnen - das aktuelle SPIEGEL-Interview mit Angela Winkler unbd Harald Schmidt thematisiert es aus Schauspielersicht. Gehen Sie gern ins Theater? Was gefällt Ihnen, was nervt? Was wünschen Sie sich vom Theater?
Ich gehe sehr gerne ins Theater, und ich liebe es, dabei überascht,und auch provoziert, vor den Kopf gestossen, bezaubert und berührt zu werden. Werkstreue gab es noch nie, nicht als Goethe Theaterdirektor war, nicht bei Max Reinhardt, nicht bei Gründgens, Kortner, Zadek und nicht bei Baumbauer oder Bondy. Sie ist alleine die Wunschvorstellung des Zuschauers sein eigenes Bild vom Stück, auf der Bühne verwirklicht zu sehen. Theater das bunte Kulissen, hat, hübsche Kostüme zeigt, und wo Texte nur deklamiert, und nicht gedacht und gespielt werden, war schon immer Provinziell und langweilig. Der Wunsch nach einer allein richtigen Kunst, nervt, und war nie der Nährboden von Kultur.
ray05, 24.10.2008
5.
Zitat von sysopEs tut sich viel auf deutschen Bühnen - das aktuelle SPIEGEL-Interview mit Angela Winkler unbd Harald Schmidt thematisiert es aus Schauspielersicht. Gehen Sie gern ins Theater? Was gefällt Ihnen, was nervt? Was wünschen Sie sich vom Theater?
Frage 1: Nicht mehr. Zum Schluss war mir völlig unklar geworden, was der ganze Mummenschanz zu bedeuten hat. Frage 2: Es gab mal eine Faustaufführung in den Kammerspielen; da lief ein nackiges Nummerngirl mit ihrer Nummerntafel quer über die Bühne, vor jeder Szene. Das hat mir gefallen. Genervt hat, dass zwischendurch auch andere Leute auf der Bühne standen, sogar der Teufel! Fast wär ich aufgesprungen und hätte dem eine geklebt! Frage 3: Ich wünsch mir nichts vom Theater; die haben doch eh kein Geld, mir was zu schenken, oder?
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