Theater-Recherche: Lieber Gast, hau mal wieder ab

Von Tobias Becker

Wie gastfreundlich ist Karlsruhe? Und wem gegenüber? Ein monatelanges Theaterprojekt hat das ambivalente Verhältnis zu Fremden untersucht - und schließt die Ergebnisse nun mit Franz Grillparzers Argonauten-Trilogie kurz.

Theater-Recherche: Die Welt zu Gast bei Freunden Fotos
Frank Hügle

Karlsruhe ist eine junge Stadt, gegründet erst 1715. Eine Planstadt, am Reißbrett entworfen. Und das nicht nur architektonisch, sondern auch ideell. Vor allem ideell. Markgraf Karl Wilhelm garantierte Neuankömmlingen mit dem berühmten Privilegienbrief unter anderem Religions-, Steuer-, Handels- und Zollfreiheit - und sorgte so dafür, dass sich neben Menschen aus dem Umland auch Franzosen, Polen, Italiener ansiedelten. Kurzum: Karlsruhe ist eine Stadt, die als gastfreundlicher Ort erfunden wurde.

Aber wie gastfreundlich ist Karlsruhe heute? Nach welchen Regeln werden Gäste aufgenommen? Welche Rechte und Pflichten haben sie und welche die Gastgeber?

Die Regisseurin Mareike Mikat, 33, und die Dramaturgin Kerstin Grübmeyer, 35, sind diesen Fragen in einem monatelangen Projekt nachgegangen. Die Ergebnisse präsentieren sie in einer Inszenierung von "Der Gastfreund" und "Die Argonauten", den ersten beiden Teilen von Franz Grillparzers Trilogie "Das goldene Vlies". Premiere ist am Samstag, 30. Juni.

Speed-Dating und die Böhsen Onkelz

Partizipative Projekte sind ein Schwerpunkt der Karlsruher Intendanz von Peter Spuhler, und so ist es kein Zufall, dass er die Ernst-Busch-Absolventin Mikat verpflichtet hat. Zwei Spielzeiten lang war sie Hausregisseurin am Centraltheater Leipzig und leitete die Spielstätte Skala, in der sie mehrere Projekte mit partizipativem Ansatz umsetzte: den Begegnungsabend Speed-Dating, eine begehbare Inszenierung, den musikalischen Abend "Neue Texte von PeterLicht", der zu einem szenischen Spaziergang über die Bühne einlud, und den szenisch-dokumentarischen Abend "Fanz 89/09" über die Band Die Böhsen Onkelz und deren Bedeutung für die Mauerfall-Generation, bei dem sie einen Chor aus Fans auf die Bühne stellte.

In ihrem Karlsruher Projekt ist Grillparzers Argonautentrilogie der Ausgangs- und Zielpunkt einer Recherche zum Thema Gastfreundschaft. Im Text scheitert die Gastfreundschaft an einer Kultur, die alles Fremde als Bedrohung empfindet. Wie ist das in Karlsruhe? Wie gastfreundlich ist die Stadt? Und wem gegenüber? Einige Fremde werden umgarnt, von der Tourismusindustrie etwa und von Branchen mit Fachkräftemangel, andere müssen um Asyl betteln. Nicht immer mit Erfolg.

Eine Soap mitten in der Stadt

Das Projekt zündete in drei Stufen: Zunächst gründete das Theaterteam den "Club der Gastfreunde", in dem sich regelmäßig Karlsruher trafen, um gemeinsam nachzudenken und zu diskutieren. In der "Woche der Gastfreunde" bezog das Projekt dann den zentralen Friedrichsplatz, um Geschichten und Erfahrungen zum Thema Gastfreundschaft zu sammeln und gemeinsam mit Passanten die sogenannte Gastfreund-Soap zu inszenieren, bestehend aus halbstündigen Skizzen zur Argonautentrilogie. Nun folgt die dritte Stufe: die große Inszenierung im Staatstheater.

Mit dabei sind 20 Karlsruher Laien, eine sehr heterogene Gruppe, 17 bis 72 Jahre alt. "Wir teilen mit ihnen die Bühne", sagt Mikat, "unser Projekt ist Theater vom Volk fürs Volk." Es ist gastfreundlich. Und so werden die Laien sogar das erste Wort haben auf der Bühne. Als Chor erzählen sie den kompletten ersten Teil der Trilogie, im zweiten Teil spielen einige von ihnen richtig mit, an der Seite von Profis.

Mikat legt dennoch Wert darauf, dass es sich um einen "ganz normalen Theaterabend" handelt, eine ernsthafte Inszenierung des klassischen Grillparzer-Textes, kein szenisches Soziologenprojekt. "Ich werde hier und da mit dem Dok-Format spielen, aber vor allem versuchen, die Recherche-Ergebnisse ins Konzept zu ziehen. Auf der Bühne werden sie daher gar nicht mehr unbedingt als Recherche-Ergebnisse erkennbar sein." War die Argonautentrilogie auf den ersten beiden Stufen des Projekts noch Material und Reibungsfläche für die Recherche, so sind die Recherche-Ergebnisse nun Material und Reibungsfläche für die Inszenierung der Argonautentrilogie. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Das Publikum im Staatstheater, berichtet Mikat, sei sonst leider nicht so heterogen wie man es sich wünscht in einem Subventionsbetrieb: "Das Haus steht hier wie ein riesiger Klotz und ist nicht wirklich einladend." Ihr Projekt hingegen solle barrierefrei sein. Es stelle auch die Frage: "Welche Position nehmen wir als Künstler in der Gesellschaft ein?" Mikats Antwort: "Toleranz üben heißt: erleiden, erdulden, ertragen. Nicht: Der Fremde muss sich anpassen." Will sagen: "Die Gesellschaft muss die Künstler ertragen, aber die Künstler müssen auch das Publikum ertragen."


"Der Gastfreund/ Die Argonauten". Staatstheater Karlsruhe, Kleines Haus, Premiere am 30. Juni um 19.30 Uhr. Weitere Aufführungen am 1., 7., 8. und 20. Juli.

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