Theaterprojekt "Schwarzbank" Mäuse, Piepen, Kröten

Sie hat schon Geld verbrannt, nun will sie Scheine drucken: Die Hamburger Performance-Gruppe "geheimagentur" eröffnet am Freitag in Oberhausen ihre "Schwarzbank". Und führt in einer der ärmsten Kommunen Deutschlands eine eigene Währung ein: die Kohle.

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Die Stadt Oberhausen ist pleite: 1,83 Milliarden Euro Schulden belasten den Etat der Ruhrpott-Kommune. Für viele Angebote ist kein Geld mehr da, neue Projekte müssen mit der Landesregierung in Düsseldorf abgestimmt werden. Die Performance-Künstler der "geheimagentur" haben eine radikale Lösung: Statt Geld zu sparen, soll mehr ausgegeben werden. Aber bitte aus Eigenproduktion.

An diesem Freitag geben die Performer im Stadttheater Oberhausen eine regionale Währung aus. Zwei Wochen lang kann im Anschluss jeder mit der Kohle bezahlen, 50 Geschäftspartner nehmen an der Aktion teil.

Brasilien als Vorbild

Die Idee mit dem Ersatzgeld haben die Veranstalter aus Brasilien übernommen. In Conjunto Palmeira, einem Stadtteil von Fortaleza, zahlen die Menschen bereits seit zwölf Jahren mit dem Palmas. Eine sogenannte Community Bank, die "Banco Palmeiras", gibt die Scheine aus, mit denen in bestimmten Läden eingekauft werden kann.

Drei Mitglieder der "geheimagentur" besuchten im Januar den ehemaligen Slum, um sich ein Bild zu machen. "Aus dem Elendsviertel ist ein blühender Bezirk geworden", schwärmt einer der Performer. Und erzählt begeistert von den Theaterwurzeln der Bank. Bis heute sei die Hauptfiliale in den Räumen eines ehemaligen Schauspielhauses zu finden, das Geld lagere in den Garderoben, die Schalter befinden sich auf der Bühne.

Womit man bei der zentralen Frage wäre: Was hat Geld mit Theater zu tun? Für die "geheimagentur" eine Menge. "Es geht bei Geld immer um Performativität", erklärt ein Mitglied der Gruppe. Nur weil Leute akzeptierten, dass ein Bündel gedruckter Scheine einen Wert besitzt, werde es mit Bedeutung aufgeladen. "Jedes Mal, wenn wir mit Euro, Dollar oder Yen hantieren, festigen wir den Glauben daran." Deswegen hat sich die "geheimagentur" immer wieder mit Kapital und Finanzen auseinandergesetzt. 2005 etwa gründete sie in Frankfurt am Main eine "Bank of Burning Money". Passanten erhielten einen Fünf-Euro-Schein unter der Voraussetzung, ihn öffentlich zu verbrennen.

Ganz anders funktioniert die "Schwarzbank": Nicht weniger, sondern mehr Geld ist das Ziel. Um eine neue Währung zu etablieren, benötigt die "geheimagentur" Menschen, die es ausgeben. Genauso wie Orte, an denen die Scheine akzeptiert werden. Zu Beginn des Projekts stand deshalb Klinkenputzen an. Seit November vergangenen Jahres besuchten die Performance-Künstler gemeinsam mit den Angestellten des Stadttheaters lokale Händler und Restaurantbesitzer. Sie warben für ihre Aktion, fragten nach Dienstleistungen, die für Kohle angeboten werden könnten. Mit Erfolg: Bisher haben 50 Geschäftsleute ihre Zusage gegeben, täglich kommen neue hinzu.

20 Kohle für eine Stunde Arbeit

Wenn am Freitag die "Schwarzbank" auf der Bühne des Oberhausener Stadttheaters feierlich eröffnet wird, stehen auch die Händler bereit. Auf einem "Markt der Möglichkeiten" kann man erstmalig mit dem Regionalgeld bezahlen. Die Angebote reichen von der neuen Frisur über eigens entwickelte Süßware bis hin zu Eintrittskarten in Galerien, Kinos oder Konzertsäle. In den folgenden Tagen erhält man in ausgewählten Gaststätten ein spezielles Kohle-Menü, es werden Stadtführungen angeboten oder Stehplätze für das Fußballstadion verkauft.

Laut Organisatoren geht es beim zweiwöchigen Experiment nicht darum, den Euro abzulösen. Die Kohle soll das bestehende Geld ergänzen und dadurch Gemeinschaft erzeugen. "Armut macht einsam", sagt ein Performer. Man könne nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Durch die neue Währung soll eine stärkere Gruppendynamik entstehen. Wie genau die 1-, 5- und 10-Kohle-Scheine aussehen, wird erst am Premierenabend enthüllt.

Die Hauptfiliale der "Schwarzbank" soll in einem Container an der Ecke Marktstraße/Elsässer Straße stehen. Hier finden auch Workshops und Tagungen statt. Das Geld erhält man durch gemeinnützige Leistungen. "Wir finanzieren unbezahlte Arbeitsstunden", sagt ein Mitglied der Gruppe. "Jeder kann uns Dinge vorschlagen, die er in seiner Freizeit macht oder immer schon tun wollte, dafür aber keine Zeit hatte." Pro Stunde gesellschaftlich nützlicher Tätigkeit erhält man 20 Kohle. Ein fairer Preis, schließlich kosten die meisten Angebote nur fünf Kohle. "Wer sich häufig sozial engagiert, kann mit unserem Geld einige schöne Tage in Oberhausen verbringen."

Das Projekt läuft bis zum 31. März. Dann soll Zwischenbilanz gezogen werden. Doch bereits jetzt sind erste positive Effekte der Aktion sichtbar. Die Händler haben sich zu einem Netzwerk zusammengeschlossen und planen Folgeaktionen. Vielleicht erneut mit "Kohle" als Zahlungsmittel.


"Schwarzbank: Kohle für alle!". Premiere und Eröffnungsveranstaltung um 19.30 Uhr im Großen Haus des Theater Oberhausen. Hauptfiliale der "Schwarzbank" in einem Container an der Ecke Marktstraße/Elsässer Straße in Oberhausen. Bis 31.3.



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peeka 14.03.2012
1. Nichts neues...
Zitat von sysopgeheimagenturSie hat schon Geld verbrannt, nun will sie Scheine drucken: Die Hamburger Performance-Gruppe "geheimagentur" eröffnet am Freitag in Oberhausen ihre "Schwarzbank". Und führt in einer der ärmsten Kommunen Deutschlands eine eigene Währung ein: die Kohle. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,820850,00.html
Regionalgeld ist nun wirklich nichts neues. Einzig dass hier eine Künstlergruppe am Werk ist, mag sich von den vielen anderen Regionalwährungen unterscheiden. Warum die aber dafür bis Brasilien und nicht zum Beispiel nach Berlin-Mitte gefahren sind, wird wohl am Wetter gelegen haben.
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