Theaterprovokateur LaBruce Leiden an der Mutterbrust

Eine Genugtuung für alle, denen Freuds Konzentration auf den Phallus schon lange auf die Nerven ging. Der kanadische Künstler und Schwulenaktivist Bruce LaBruce zeigt im Berliner HAU ein "weibliches Melodram". Titel: "The Bad Breast".

Maria Fonfara

Es gibt im Leben ja die seltsamsten Zufälle. Der kanadische Filmemacher Bruce LaBruce, 45, zum Beispiel wurde als Baby nicht gestillt. Später studierte er Filmtheorie in New York und landete dort in einem Seminar zum Thema "Psychoanalyse und Feminismus". Was das miteinander zu tun hat? Darüber macht der Künstler, der seine Laufbahn bei schwulen Punk-Fanzines begann, jetzt einen Theaterabend im Berliner Hebbel am Ufer.

Der Titel des Abends, "The Bad Breast", geht zurück auf eine Theorie der Psychoanalytikerin Melanie Klein. Anfang der dreißiger Jahre beschäftigte sie sich mit der frühkindlichen Entwicklung und postulierte, dass die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen stark geprägt ist durch die frühe Mutter-Kind-Beziehung. Die Mutter ist für das Baby dabei im Wesentlichen reduziert auf ein Objekt: die Brust. Füttert sie das Baby, ist sie eine "good breast", andernfalls eine "bad breast". Keine gute Nachricht für Flaschenkinder. Aber eine Genugtuung für alle, denen Freuds Konzentration auf den Phallus schon lange auf die Nerven ging.

Zwischen Sozialsatire und Schwulenporno

Dazu scheint auch Bruce LaBruce zu gehören - obwohl oder vielleicht gerade weil sich der schwule Künstler ausgiebig mit diesem Objekt beschäftigt hat. Ein Blick auf seine Homepage genügt. Geschmackvoll zu sein, war für den Undergroundfilmer nie ein Kriterium. Die "Zeit" nannte ihn einen "radikalen Unterwanderer des Kinos"; der KulturSPIEGEL beschrieb seine Werke wie das legendäre "Hustler White" von 1996 als "filmische Anti-Establishment-Tiraden", die "unbeeindruckt von Mainstream oder gar allgemeinen Moralvorstellungen" seien und "angesiedelt meist irgendwo zwischen Amateurkino, Sozialsatire und Schwulenporno".

Sein Film "The Raspberry Reich" etwa erzählt von einer Terrorgruppe, die sich als Nachfolger der RAF versteht; die Anführerin Gudrun verordnet den Männern schwulen Gruppensex, um ihre Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen voranzubringen.

Die Darstellerin der Gudrun, Susanne Sachsse, darf nun in "The Bad Breast" eine hysterisch-nymphomanische Patientin spielen. Und bevor irgendwelche Zweifel aufkommen, sei gesagt: Das Projekt wird mit Mitteln des Hauptstadtkulturfonds gefördert. Es handelt sich also um Kunst. Bruce LaBruce beschreibt seinen Abend, zu dem der Berliner Künstler Marc Brandenburg Bühne und Kostüme beisteuert, als "weibliches Melodram". Als Vorbilder nennt er dabei u.a. George Cukor. Und der war bekanntlich ein Meister darin, aus Frauen das maximale dramatische Potential herauszuholen.


The Bad Breast. Premiere am 10.12. im HAU 2. Auch am 11., 12. und 13.12., Tel. 030/25 90 04 27.
Vom 16. bis 19.12. im Brut Wien, Tel. 0043/1/587 05 04.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Nostromo72 05.12.2009
1.
Bisher kenne ich leider nur "Otto- or up with dead people" von BLB, ein herrlich dekadenter,schräger und zuweilen clever pointierten Abgesang auf die teilw. grassierende Seelenlosigkeit der schwulen Subkultur. Sehr zu empfehlen! Auch ist sich BLB nicht zu elitär, auf Myspace persönlich mit Fans zu kommunizieren, was wünscht man sich von einem Künstler mehr!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.