Islam-Komödie am Hamburger Schauspielhaus Stolzer Sklave

Klaus Schumacher inszeniert Ayad Akthars preisgekröntes Stück "Geächtet" zum ersten Mal auf Deutsch. Darin geht es um die Frage: Kann man als Muslim in der New Yorker Upper Class ankommen?

Thomas Aurin

Man muss kein Inder sein, um über das moderne Kastenwesen Bescheid zu wissen. Amir ist in den USA geboren, und er ist überzeugt, dass er als Muslim mit dem Nachnamen Abdullah keine Chance hätte, in seiner Anwaltskanzlei jemals an die Spitze zu kommen. Also hat er seinen Nachnamen in Kapoor geändert, und dass sein jüdischer Chef ihm zum Geburtstag die Statue eines hinduistischen Gottes schenkt, weil er glaubt, dass Amirs Eltern aus Indien stammen statt aus Pakistan, ist ihm nur recht.

Amir ist die zerrissenste und deshalb interessanteste Figur in "Geächtet", dem Pulitzerpreis-gekrönten Stück des amerikanischen Autors und Schauspielers Ayad Akhtar, 45, der selbst pakistanische Vorfahren hat. Bei der deutschsprachigen Erstaufführung im Hamburger Schauspielhaus, die am Samstag Premiere hatte, spielt Carlo Ljubek den Amir. Seine Eltern stammen aus Kroatien - das reicht schon, um im deutschen Stadttheater optisch als "Exot" durchzugehen.

Das Stück der Stunde

"Geächtet" ist eine Komödie über religiöse und ethnische Identität, über Vorurteile in einem vermeintlich weltoffenen Milieu - und damit das Stück der Stunde. Es wird in dieser Saison noch auf diversen deutschen Bühnen zu sehen sein.

Zunächst einmal ist "Geächtet" ein Well-made-Konversationsstück mit der klassischen Figurenkonstellation "zwei Ehepaare", angesiedelt im erstklassig verdienenden liberalen Milieu New Yorks, eine Art Yasmina Reza auf amerikanisch.

Wie in "Kunst", Rezas größtem Erfolg, wird anfangs auch hier über ein Bild gestritten. Es ist ein Velázquez-Zitat und zeigt Amir als modernen, stolzen Sklaven; gemalt hat es Amirs Frau Emily, die weiß ist und Christin. Die beiden sind beruflich verbandelt mit dem zweiten Paar in "Geächtet": dem einflussreichen Kunst-Kurator Isaac (weiß, jüdisch) und dessen Frau, Amirs Anwaltskollegin Jory (afro-amerikanisch, ihr Glauben spielt im Stück keine Rolle).

Klaus Schumacher, der Regisseur in Hamburg, seit langem Leiter des Jungen Schauspielhauses, setzt die vier auf ein edles, graublaues Designersofa und stellt ihnen ein paar Drinks auf den Couchtisch (Bühne: Jo Schramm). Auf dieser verdammt leeren und verdammt großen Bühne dauert es eine ganze Weile, bis das neunzig Minuten kurze Stück in Fahrt kommt.

Über vier Szenen - zwischen der ersten und der letzten liegt ein halbes Jahr, alle spielen im Wohnzimmer von Amir und Emily - eskaliert die Situation. Amir hat schon lange dem Islam abgeschworen und versucht seine Frau vergeblich davon zu überzeugen, dass man die islamische Kultur nicht ohne die Religion betrachten könne und dass es eine rückständige Religion sei - weil man als Muslim beispielsweise von der eigenen Mutter eingeimpft bekomme, "weiße Frauen haben keine Selbstachtung". Emily dagegen bezieht sich in ihren Werken voller Begeisterung auf traditionelle islamische Kunst - und wird darin vom Kurator Isaac bestärkt, der hier einen Unique Selling Point erkennt. (Natürlich landen die beiden dann auch im Bett.)

Identitätsprobleme? Ich doch nicht

Dramatischer wird es, als Amir seiner Frau und seinem gläubigen Neffen zuliebe für einen Imam vor Gericht eintritt; deswegen wird in der Kanzlei seine Identität überprüft, und es kommt heraus, dass er nicht indischer, sondern pakistanischer Herkunft ist. Aus dieser Schwindelei drehen ihm seine Chefs einen Strick und nicht er, sondern Jory, die afro-amerikanische Frau, die er in der Hierarchie unter sich glaubte, wird Partnerin in der Kanzlei.

Die Verschränkung von "Techniken der Boulevardkomödie und des psychologischen Dramas", vom Dramaturgen Jörg Bochow im Programmheft als Qualität des Stückes gepriesen, erweist sich in Schumachers Inszenierung als Problem: Die Schauspieler pendeln im Ton zwischen aufgekratzter amerikanischer Comedy und Beziehungsgespräch. Sie spielen weder die Pointen noch die kleinen Gemeinheiten unter Langzeit-Ehepaaren richtig aus.

Steh zu dir selbst

Carlo Ljubeks Amir hat anfangs eine erkennbar aufgesetzte Lässigkeit. Dass er am Ende um seine komplette Existenz gebracht worden ist, er verliert Job, Wohnung und seine Frau, sieht man seinem Auftreten und seiner Haltung aber viel zu wenig an. Auch die Frauen - Ute Hannig als Emily, Isabelle Redfern als Jory - sind ungenau gezeichnet. Das beginnt schon bei ihren Kostümen: Tragen New Yorker Künstlerinnen ihre Klamotten wirklich farblich abgestimmt auf ihr Sofa? Nur Samuel Weiss als Isaac scheint ganz bei sich beziehungsweise seiner Rolle zu sein: Mit durchgedrücktem Kreuz verschanzt er sich hinter einer demonstrativen Selbstsicherheit; das Hinterfragen von Identitäten mag andere betreffen, ihn nicht.

Wenn Amir seine muslimische Erziehung verflucht, diagnostiziert Isaac bei ihm Selbsthass. Und ist wirklich sein muslimisch geprägtes Frauenbild schuld, wenn er sich dazu hinreißen lässt, Emily zu schlagen? An solchen Stellen beginnt Ayad Akhtars Stück interessant zu werden, aber der Autor lässt es in die simple Botschaft münden: Steh zu dir selbst. Das ist natürlich immer ein guter Rat, aber auch ein perfider. Denn vermutlich hätte Amir niemals aus so großer Höhe abstürzen können, wenn er seine Identität nicht verleugnet hätte.


Geächtet. Schauspielhaus Hamburg. Nächste Vorstellungen am 21., 23. und 27. Januar, Tel. 040/24 87 13, www.schauspielhaus.de.



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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
AusVersehen 17.01.2016
1. Passt nicht
Sowohl Islam und Komödie als auch Islam und Kultur sind zwei Wortpaarungen, die in meinen Augen nicht zusammen passen.
syracusa 17.01.2016
2.
Zitat von AusVersehenSowohl Islam und Komödie als auch Islam und Kultur sind zwei Wortpaarungen, die in meinen Augen nicht zusammen passen.
Da würde ich es mal glatt drauf ankommen lassen und hier eine Umfrage starten, ob das nun eher gegen Sie oder gegen den Islam spricht.
Nabob 17.01.2016
3. Dort scheint es nicht um das Thema zu gehen,
sondern daum, die Plätze voll zu bekommen.
Atheist_Crusader 17.01.2016
4.
Zitat von syracusaDa würde ich es mal glatt drauf ankommen lassen und hier eine Umfrage starten, ob das nun eher gegen Sie oder gegen den Islam spricht.
Nuja, es scheint eine Menge Muslime zu geben, die diese Auffassung teilen. Fragen Sie mal Theo van Gogh. Achja, geht nicht.
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