"Hexenjagd" auf der Bühne Fanatiker, Säuberer, Denunzianten

Arthur Millers Drama "Hexenjagd" ist eine Parabel auf die Kommunistenverfolgungen der McCarthy-Ära. Der Regisseur Jan Bosse bringt es jetzt zwar so unpädagogisch wie möglich auf die Bühne des Zürcher Schiffbaus. Die Lehrhaftigkeit ist dem Text trotzdem nicht auszutreiben.

Von Christine Wahl

Aufführung von "Hexenjagd" im Schauspielhaus Zürich
Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Aufführung von "Hexenjagd" im Schauspielhaus Zürich


Am Ende stehen 18 Holzkreuze auf der weiten Bühne der Zürcher Schiffbau-Halle. Die Zahl der Todesurteile, die der halbseidene Richter Danforth (Jean-Pierre Cornu in lilafarbenem Gehrock und Bestform) bis dahin verhängt hatte, dürfte allerdings locker im zehnfachen Bereich liegen. Denn ganz egal was die Angeklagten tun oder lassen: Praktisch alles kann zum Beweis für unamerikanische (oder anderweitig unangemessene) Umtriebe zurechtfrisiert und gegen sie verwendet werden.

Der Bäuerin Elizabeth Proctor zum Beispiel wird der zufällige Besitz einer hässlichen Puppe zum Verhängnis. Man verbringt die von Carolin Conrad mit wohltuender Larmoyanz-Freiheit gespielte Frau direkt vom heimischen Abendbrottisch in den Knast. Ihre Nachbarin war soeben für den bloßen Spaß am Bücherlesen am Strick gelandet.

Arthur Millers Stück "Hexenjagd", das auf realen historischen Ereignissen basiert, spielt in einem streng spaßbefreiten Kleinbürgerkaff des Jahres 1692. Zu Beginn ertappt der Gemeindepfarrer ein paar junge Mädchen beim heimlichen Tanzen im Wald. Als sich einige der Nachtschwärmerinnen anschließend auch noch mit merkwürdigen Symptomen ins Bett legen - mit Zitteranfällen oder einem beeindruckend plastischen Hang zur Halluzination -, besteht für die Dorfoberen kein Zweifel, dass nur der Teufel seinen Pferdefuß im Spiel haben kann.

Nun schlägt die Stunde der Fanatiker, Säuberer und Denunzianten. Teils aus Angst, teils aus Spaß an ihrer bis dato ungekannten Macht im Macho-System, bezichtigen die Mädchen um Wortführerin Abigail (Dagna Litzenberger Vinet) eine Gemeindebewohnerin nach der nächsten der Hexerei. Sie lösen damit einen Prozess aus, auf den all diejenigen gern aufspringen, die schon länger nach einer Gelegenheit suchen, den unliebsamen Job-Konkurrenten oder die störende Gattin des Geliebten loszuwerden. Am Ende hängt das halbe Dorf am Galgen.

Arthur Miller schrieb das Stück 1953 als Reaktion auf die Kommunistenverfolgungen unter dem US-amerikanischen Senator McCarthy. Und klar: Abstrahiert man die "Hexenjagd" im Sinne des Autors zum vollends zeitlosen Muster, was die Verfolgungsmechanismen politisch unliebsamer Unschuldiger und vor allem die zurzeit ja wieder äußerst virulente "Wir gegen die"-Rhetorik betrifft, die Argumente durch populistische Behauptungen ersetzt, lassen sich die Bögen weit spannen. In einem Essay des SPIEGEL-ONLINE-Kolumnisten Georg Diez, der im Zürcher Programmheft abgedruckt ist, führt die Auseinandersetzung mit Miller und McCarthy bis zu Jaroslaw Kaczynski oder Viktor Orbán.

Bannzeichen gegen das Böse

Trotzdem ist es nicht ganz einfach, diese "Hexenjagd" heute auf die Bühne zu bringen. Der Theaterkritiker Friedrich Luft bemängelte schon bei der deutschen Erstaufführung 1954 eine "fade Lehrhaftigkeit" am Text. Alles müsse genau "so kommen, wie es kommt", schrieb er. "Und das, Pardon, langweilt." Aus heutiger Sicht hat der Kritiker damit umso augenfälliger recht - was der Regisseur des Zürcher Abends, Jan Bosse, dankenswerterweise sofort erkannt hat. Tatsächlich meidet er alles Pädagogische oder anderweitig kurzschlüssig Plakative wie - um im Bild der Inszenierung zu bleiben - der Teufel das Weihwasser.

Zwar entfaltet sich die Parabel in der Zürcher Schiffbau-Halle bei Bosse buchstäblich nah am Zuschauer. Das Publikum, das zu allen vier Seiten um Stéphane Laimés großflächig mit Sand bedeckte Spielfläche sitzt, bekommt also gern mal ein paar Körner ins Gesicht, wenn sich ein Mädchenchor ekstatisch auf dem Boden wälzt oder wenn der unter spärlich-fettiger Blondhaarperücke hervorschauende Teufelsaustreibungsspezialist Hale (Jirka Zett) mit erhobenem Kreuz auf den Dorfoppositionellen John Proctor (Markus Scheumann) zusprintet. Abgesehen von Hales Achtzigerjahre-Jeans-Blouson - einem absoluten modischen No-Go, das seinen Träger als durchaus gegenwartsanschlussfähigen Sonderling ausweist - betonen Bosse und Kostümbildnerin Kathrin Plath aber lieber die historische Distanz. Man trägt Hut und bei Bedarf sogar mal eine Art Nasenzwicker, frau Reifrock im Spitzen- und Dienerinnenlook. Und die Einrichtung brilliert mit cleanem Fünfzigerjahre-Krankenhaus-Charme.

Optische Gegenwart findet allenfalls auf Videoprojektionen über den Zuschauer- und Schauspielerköpfen statt: bewegte Graffitis nackter Frauen, erigierte Schwänze, Sinnsprüche à la "Narrenhände beschmieren Tisch und Wände" sowie weitere Symbole alles unter dem puritanischen Teppich Gehaltenen flimmern über die Wände; bis hin zur finalen US-amerikanischen Flagge mit überwachendem Auge oder Pentagramm als Bannzeichen gegen das Böse in den Stars und Stripes.

Auf der Bühne hingegen herrscht strikt stilistische Historisierung: Es ist nicht der erste Versuch des Theaters derzeit, die Zuschauer-Synapsen über das Wegrücken statt über das ewige Heranzoomen des Geschehens auf Trab zu bringen. Aus einer gewissen Distanz soll man Parallelen - und vor allem auch Unterschiede - historischer Folien manchmal ja wesentlich deutlicher erkennen, als wenn man immer alles geradewegs um sich selbst kreisen lässt. Insofern kann man "Hexenjagd" heute natürlich auf jeden Fall so spielen. Friedrich Luft behält allerdings trotzdem recht.


Hexenjagd. Schauspielhaus Zürich, Schiffbau. Nächste Vorstellungen am 12., 13., 17., 18. und 20. Januar, Tel. 0041/44/258 77 77, www.schauspielhaus.ch.



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