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Theatersensation in Zürich: Im Hamsterrad der Bürgerlichkeit

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Yasmina Rezas neues Stück "Der Gott des Gemetzels" zeigt zwei Ehepaare beim Kampf jeder gegen jeden – und erweist sich bei der Uraufführung als smarter und zum Brüllen komischer Klamauk, der die Theaterbühnen in aller Welt erobern wird.

Einmal, als sich alle vier Menschen, zwei erfolgsverwöhnte Männer und zwei elegante Frauen, schon hoffnungslos ineinander verbissen und verkeilt haben, als man sich rundherum geküsst und geschlagen und beschimpft hat, dass das Gift nur so spritzte (und allerlei ungute Flüssigkeiten mehr), da gibt es einen kurzen Augenblick der Besinnung und der Einkehr auf der Bühne des Zürcher Schauspielhauses: Es ist der Augenblick, in dem Corinna Kirchhoff in der Rolle der Anwaltsgattin Annette ihrem ständig ins Telefon bellenden Wichtigtuergatten Alain (Michael Maertens) das Handy entreißt und es kurz entschlossen im Blumenwasser einer gläsernen Vase versenkt.

Erfolgsautorin Jasmina Reza: Ihr jüngster Theatercoup ist eine slapstickhafte Eheschlacht
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Erfolgsautorin Jasmina Reza: Ihr jüngster Theatercoup ist eine slapstickhafte Eheschlacht

Die Folge ist ein Moment des Schweigens – und dann wimmert der baumlange, arrogante, mit langen Schmierhaaren geschmückte Kerl, das triefende, kaputte Gerät in der Hand: "Aber das ist doch mein ganzes Leben!"

Wie fast jedes große Desaster fängt die Sache ganz harmlos an in "Der Gott des Gemetzels", dem neuen Stück der französischen Dramatikerin Yasmina Reza: Zwei Ehepaare treffen sich in der Wohnung des einen Paars, weil sich ihre elfjährigen Söhne geprügelt haben. Bruno, dem Sohn der Gastgeber, wurden dabei zwei Schneidezähne ausgeschlagen.

Die schöne, schon durch ihre flatternden Augenlider als nervös überspannt erkennbare Politiksachbuch-Autorin Veronique (Dörte Lyssewski) und ihr ein bisschen rundlicher, pullovertragender Mann, der Küchengerätehändler Michel (Tilo Nest), wollen aus der Verletzung ihres Sohnes kein großes Drama machen. Sie finden nur, die Kinder "sollten miteinander reden", und so was wie eine Entschuldigung des Täterknaben beim Opfer wünschen sie sich auch: "Wir sind so naiv, an die zivilisierende Kraft der Kultur zu glauben."

Natürlich ist es genau mit dieser Zivilisation nicht weit her (und es gibt schon um die Bewertung des Tathergangs bei der Jungs-Prügelei erste Kriegserklärungen) - auf dieser durchsichtigen und überdeutlich ausgesprochenen Idee beruht das Stück. Die Überraschung der Uraufführung durch den sorgfältigen, psychologisch geradezu detailverrückten (und gerade erst mit dem neuen deutschen Theaterpreis "Faust" ausgezeichneten) Regisseur Jürgen Gosch aber besteht darin, dass sich aus dem scheinbar nichtigen Anlass ein wirklich hochkomischer, böser und abgefeimter Theater-Irrsinn entwickelt; eine Eheschlacht, wie sie ähnlich und wohl bis heute am allerschönsten Edward Albee in "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" gelungen ist. Der Spaß des Publikums basiert in solchen Fällen seit je auf reiner Schadenfreude und gruselseligem Wiedererkennen eigener Beziehungskatastrophen.

Giftiges Versöhnungstreffen

Allerdings arbeitet Yasmina Reza mit den drastischen Mitteln moderner Massenunterhaltung. In "Der Gott des Gemetzels" wird gebrüllt, geknutscht, gesoffen und geschlagen, klar; aber darüber hinaus geht es um einen üblen Pharmaskandal (den Alain vertuschen will), die Misshandlung eines Hamsters - und es wird auf offener Bühne gekotzt. Die Anwaltsgattin Annette (Kirchhoff) spuckt den zum Kaffee gereichten Versöhnungskuchen bald nach Verzehr auf die prachtvollen Bildbände der Gastgeber: weil sie ihren Sohn als Löwenmutter eben mit allen Mitteln verteidigen will, weil sie von ihrem Mann genervt ist und weil die spitzen Schreie der entsetzten Gastgeber ("die kübelt uns die Wohnung voll") sie beim Entleeren ihres Magens anspornen.

Reza wurde vor zwölf Jahren weltberühmt durch das Stück "Kunst". In dem streiten sich drei Männerfreunde um den Wert eines Bildes, auf dem nichts zu sehen ist außer weißer Farbe und ein paar Rillen; das Ganze steigert sich zu einer komischen Zimmerschlacht um menschlichen Respekt und intellektuelle Lebensart an sich. Seither hat die Dramatikerin ein paar Romane ("Adam Haberberg") verfasst und einige nicht ganz so raffinierte Stücke ("Drei Mal Leben"), zuletzt verirrte sie sich brutal ins Hochtrabende: Ihr letztes, vor ein paar Monaten in Berlin gleichfalls von Gosch aufgeführtes Stück hieß lachhafterweise "Im Schlitten Arthur Schopenhauers".

Diesmal aber, in "Gott des Gemetzels", reiht Reza wieder lauter banale Nichtigkeiten aus dem bürgerlichen Alltagsleben aneinander und platziert furiose Running Gags (wenn gar nichts mehr geht, kommt immer der Hamster ins Spiel) und kaltschnäuzig servierte Pointen: "Das Kotzen ist Ihnen aber gut bekommen", kommentiert die Hausherrin.

Johlende Zuschauer - Schauspieler in Topform

Mit großem Geschick dreht Reza die Handlung immer noch eine Windung weiter ins Groteske. Plötzlich verbünden sich die Männer gegen die Frauen, weil sie John Wayne verehren und finden, dass das Prügeln ein alterhergebrachtes Recht aller Elfjährigen sei; dann wieder will der tranige Michel seiner Frau das Schnapstrinken verbieten und ringt mit ihr um die Flasche; wenig später verhöhnt der schurkische Anwalt Alain, den Maertens hier als echt grandioses Arschloch spielt, das Gutmenschentum von Annette, weil sie an einem Buch über den Krieg im Sudan arbeitet: "Ich versteh', das man sagt, auja, da schreib ich mal ein Buch über ein Massaker."

Die Aufführung fängt spröde und fast statuarisch an, nach einer halben Stunde aber laufen die Schauspieler zu großer, slapstickvernarrter Form auf, rutschen durch Kuchenreste und Blumenwasser. Die Bühne von Johannes Schütz ist ein kühl stilisiertes Schickimicki-Wohnzimmer aus grauen Glasflächen, in dem Bücherstapel die einzigen Möbel sind. Die Menschen, die darin bald die verschmutzten Klamotten und die Masken des Anstands fallen lassen, wirken selbst ein wenig wie Versuchstiere im Labor, die irgendein Forscher (oder der von Alain zitierte "Gott des Gemetzels") aufeinander losgelassen hat.

Klatschend, johlend und glucksend zappeln die Premierenzuschauer in ihren Stühlen, weil dem Regisseur Gosch das Kunststück gelingt, all die philosophisch-anthropologische Gepäck, das die Figuren mit sich herumschleppen (von wegen der Mensch sei dem Menschen ein Wolf), plötzlich federleicht aussehen zu lassen. Der Zürcher "Gott des Gemetzels" ist eine heitere Sensation der aktuellen Theatersaison, das Stück aber wird nach diesem Triumph ganz sicher in aller Welt nachgespielt werden. Und überall wird der fiese Alain in sein tropfnasses, total ruiniertes Mobiltelefon hineinwinseln: "Aber das ist doch mein ganzes Leben!"

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