Gefeierter Theaterschauspieler Walter Schmidinger ist tot

Berlin verliert einen seiner größten Theaterstars: In der Nacht zum Sonntag ist Walter Schmidinger gestorben. Der umjubelte Charakterdarsteller, der die letzten zehn Jahre am Berliner Ensemble zu sehen war, war für sein exaktes Spiel zwischen Drama und Komödie bekannt - und für sein Temperament.

"Der große Einsame": Walter Schmidinger verstarb in der Nacht zum Sonntag
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"Der große Einsame": Walter Schmidinger verstarb in der Nacht zum Sonntag


Berlin - Walter Schmidinger, Star des Berliner Ensembles (BE), ist tot. Das teilte das Berliner Theater, seit zehn Jahren das berufliche Zuhause des Österreichers, am Sonntag mit. Der "große Einsame" des deutschsprachigen Theaters, wie ihn BE-Intendant Claus Peymann würdigte, starb in der Nacht zum Samstag im Alter von 80 Jahren in Berlin an einer Lungenentzündung.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit nannte Schmidinger am Sonntag einen "großen Charakterdarsteller". Die Theaterstadt Berlin müsse nach Otto Sander nun auch mit dem Tod Schmidingers innerhalb kurzer Zeit einen schweren Verlust hinnehmen.

Sander war am Samstag in Berlin beigesetzt worden. Schmidinger wurde am 28. April 1933 im österreichischen Linz geboren. Vom renommierten Max-Reinhardt-Seminar in Wien kam er über das Theater in der Josefstadt schnell an die großen Bühnen in Deutschland. Dort arbeitete er mit Regisseuren wie Peter Stein, Luc Bondy, Robert Wilson und Ingmar Bergman zusammen. Für sein Lebenswerk erhielt Schmidinger unter anderem den Nestroy-Theaterpreis. Auch im Fernsehen sah man ihn in Gastrollen in Krimireihen wie "Der Alte" oder "Tatort" und auf der Kinoleinwand 2006 zum Beispiel in Hans-Christian Schmids "Requiem".

Begnadet - und verflucht?

Claus Peymann hatte Schmidinger zu dessen 80. Geburtstag als "Alpenkönig und Menschenfeind zugleich" gewürdigt. Schmidinger sei "musikalisch und böse, intelligent und naiv, ein Wirrkopf und großer Denker, blitzgescheit, belesen und hochgebildet, ein schwieriger Mann und ein geliebtes Kind". Für Hellmuth Karasek war Schmidinger "einer der wenigen Schauspieler, die man ohne zu zögern 'begnadet' nennen darf", wie er einmal im Berliner "Tagesspiegel" schrieb. "Wobei man sich darüber klar sein muss, dass 'begnadet' immer auch 'verflucht' heißt und bedeutet: Gnade und Fluch sind zwei Seiten der gleichen Medaille."

"Ich habe oft in Scheinwelten gelebt und die Wirklichkeit nicht wahrhaben wollen", sagte Schmidinger bei der Vorstellung seiner Memoiren "Angst vor dem Glück" 2003. Kritiker nannten Schmidinger, der von seiner manisch-depressiven Erkrankung offen sprach, auch den "eingebildetsten Kranken aller Zeiten", seine Wutanfälle wurden legendär, Nervenzusammenbrüche blieben nicht aus. Zu seiner vielleicht persönlichsten Rolle in Molières "Der eingebildete Kranke" sagte er einmal, er habe "zu spielen versucht, dass jemand darauf besteht, krank sein zu dürfen".

Schmidinger war auch ein begnadeter Karl-Valentin-Sprecher, dessen Plädoyer für eine "allgemeine Theaterbesuchspflicht" er gern vortrug, so auch 1993 bei den Protesten gegen die spektakuläre Schließung des Berliner Schillertheaters. Noch 2007 sprach er den berühmten Prolog aus Schillers "Wallenstein" in Peter Steins Mammutinszenierung in Berlin, in dem es heißt: "Wir sind die Alten noch, die sich vor euch mit warmem Trieb und Eifer ausgebildet (...) Doch schnell und spurlos geht des Mimen Kunst... Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze".

hpi/dpa

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