Theaterstück "Wastwater" Triptychon der Angst

Simon Stephens ist ein begnadeter Chronist zeitgenössischer Neurosen. Sein Dreiakter "Wastwater" wurde in der Fachzeitschrift "Theater heute" zum ausländischen Stück 2011 gewählt. In Köln feiert das Drama über Begegnungen am Flughafen Heathrow deutschsprachige Premiere.

Schauspiel Köln/ David Baltzer

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Die Angst treibt ihn um. Simon Stephens schreibt Theaterstücke über Themen, die ihm Furcht bereiten. Und davon gab es in seiner Heimat Großbritannien zuletzt eine ganze Menge. Der Terroranschlag in der Londoner U-Bahn etwa. Der Afghanistan-Einsatz mit tausenden traumatisierter Kriegsheimkehrer. Oder die zunehmende Zahl an Mobbingopfern auf dem Schulhof, die immer häufiger zu Gewalttätern werden.

Aus solchen Stoffen entwickelte der Autor die Stücke "Pornographie", "Motortown" und "Punk Rock". Düstere Geschichten, oft ohne Happy End, in denen die Figuren am Sinn des Lebens zweifeln. Eine Methode, die ankommt: Längst gehört Stephens, 40, zu den meistgespielten britischen Gegenwartsautoren, feiert Erfolge in England und auf deutschen Bühnen. Seine pessimistischen Texte treffen den Nerv der Gesellschaft.

So auch "Wastwater", das im vergangenen Jahr in London Uraufführung hatte und laut Kritikerumfrage von "Theater heute" das beste ausländische Stück 2011 war. Nun kommt das Drama ans Schauspiel Köln, inszeniert von Altmeister Dieter Giesing.

Liebe, Sehnsucht, Schuld

"Wastwater" ist der Name des tiefsten Sees im Vereinigten Königreich. Ein ruhiges Gewässer im Lake District, an allen Seiten von Gebirgen umrahmt. Doch die Bergkämme hindern die Sonne daran, den See einzufangen. Schatten und Finsternis dominieren das Bild - und ergeben die perfekte Metapher für Stephens' Stück. Dessen drei Geschichten spielen nämlich nicht im Lake District, wie der Titel vermuten lässt, sondern rund um den Flughafen Heathrow.

Stephens entwirft ein Triptychon der Angst. Es geht um drei Paare, deren Begegnung vom Flughafen beeinflusst wird. Im ersten Akt verabschiedet sich Harry von Frieda. Er möchte nach Kanada auswandern, sie weiß, dass sie ihn nicht mehr wiedersehen wird. Den beiden bleiben drei Stunden, dann geht Harrys Flug.

Etwas mehr Zeit haben Lisa und Mark. Die Polizistin und der Kunstdozent treffen sich zum beidseitigen Ehebruch im Flughafenhotel. Geplant ist ein erotisches Tête-à-Tête, entstehen wird ein Seelenstriptease mit Gesprächen über Drogenkonsum und Porno-Drehs. Enthüllungen, die den deutlich jüngeren Mark vor die Frage stellen: bleiben oder gehen?

Diese Entscheidung kann Jonathan nicht mehr fällen. Der Ex-Lehrer ist zu einem nächtlichen Treffen in eine Lagerhalle beordert und begegnet Sian, die für ihn ein illegales Geschäft abwickeln soll. Während das Duo auf die gewünschte Lieferung aus den Philippinen wartet, beginnt die Frau ein Nervenspiel.

Drei Geschichten, drei verschiedene Angstthematiken. Es geht in "Wastwater" um Liebe, Sehnsucht, Schuld. Hintereinander erzählt, spielen die Handlungen eigentlich am selben Tag zur selben Uhrzeit. Und sind dank Stephens' akribischer Konstruktion auch sonst miteinander verwoben.

Harry hatte vor Jahren einen Autounfall, bei dem sein Beifahrer starb. Dieser war ein Student von Mark, der wiederum als Schüler mit seinem Lehrer Jonathan aneinander geraten war. Aus den losen Einaktern entsteht ein Beziehungsnetz, das der Zuschauer entwirren muss. "Das ist wie mit den Synapsen", erklärt Sian ihrem Opfer Jonathan. "Wir sind vernetzt. Wir alle."

Die Welt als Nicht-Ort

Das komplizierte Beziehungsgeflecht stellt eine Herausforderung an das Publikum dar. "Es ist ein Rätselstück", sagt Dieter Giesing, verantwortlich für die Kölner Inszenierung. Doch der Regisseur ist sich sicher: "Viele Menschen werden ihren Spaß daran haben, die Geheimnisse der Figuren zu lüften." Den einen richtigen Weg gebe es nicht. "Wastwater" lasse widersprüchliche Interpretationen zu.

Giesing, 77, hat sich dafür eingesetzt, das Stück in der Halle Kalk aufzuführen. Das alte Fabrikgebäude erinnere nicht nur wegen seiner Architektur an den dritten Akt des Dramas, es erzeuge auch eine geeignete Grundstimmung. Dumpf und dunkel, geheimnisvoll und gefährlich sollen die Orte erscheinen, an denen die Treffen ablaufen.

Die Welt hat in "Wastwater" ihren Heimatcharakter verloren, sie ist ein Nicht-Ort geworden. Mit diesem Begriff bezeichnete der Anthropologe Marc Augé in den neunziger Jahren Transitplätze wie Bahnhöfe oder Flughäfen. Gebäude, in denen die Menschen auf der Durchreise sind, Gespräche nur oberflächlich ablaufen und ein Leben unvorstellbar erscheint. Bei Stephens hat sich dieses Flughafen-Gefühl auf den Alltag ausgebreitet: Der Nicht-Ort ist überall.

Um dies zu verdeutlichen, möchte Giesing auf ein realistisches Bühnenbild verzichten. Die Räume sollen durch Requisiten angedeutet werden, die Fabrikhalle bleibt erhalten. Gespielt wird auf schwarz bemalten Bretterbalken, die durch ihre reflektierende Farbe an Wasser erinnern. Ein tiefes Gewässer, das seine Geheimnisse bewahrt. Genau wie Stephens' Figuren.


Wastwater. Premiere am 5.4. in der Halle Kalk der Bühnen Köln. Auch am 7., 10., 12., 15.-18.4. Karten: Tel. 0221/22 12 84 00.



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