Theatertruppe "Forced Entertainment" Starlets in der Manege

Mal trashig und mal traurig, mal banal und mal bedeutend: Die britische Live-Art-Kompanie "Forced Entertainment" kehrt zurück auf die große Bühne - und gastiert in Essen und Berlin. Das Publikum darf sich schon mal auf kieksende Frauen freuen.

Forced Entertainment / Hugo Glendinning

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Es könnten die Narren eines abgewirtschafteten Karnevalsclubs sein oder die Animateure eines prolligen Ferienparks oder die Varietékünstler einer halbseidenen Hinterhofbühne, es sind die Performer einer der europaweit einflussreichsten Gruppen experimentellen Theaters: Forced Entertainment ( www.forcedentertainment.com).

Begleitet von wehmütigen Klängen schlendern sie zu neunt auf die Bühne, vier Frauen und fünf Männer, die Frauen mit blonden Perücken und kurzen Glitzerkleidchen, die Männer mit schwarzen Perücken und weißen Vorstadtdandy-Jackets. Beschwipst wirkt es, wie sie dort zwischen Kunstpalmen umherwackeln, mindestens aber ungelenk. Ein Formationstanz, bei dem immer irgendwer aus der Reihe tanzt. Eine inszenierte Improvisation.

"The Thrill of It All" heißt die Produktion der Live-Art-Veteranen aus Sheffield, die Anfang Mai beim Brüsseler Kunstenfestival des arts uraufgeführt wurde und nun ihre Deutschlandpremiere im Essener PACT Zollverein feiert, bevor sie ans Berliner HAU weiterzieht. Nach reduzierten, textbasierten Konzeptarbeiten wie "Spectacular" und "Void Story" kehrt die Truppe um Mastermind Tim Etchells auf die große Bühne zurück: mit einer schrillen und chaotischen, sehr physischen Produktion in der Tradition früherer Arbeiten wie "Bloody Mess".

Extreme Künstlichkeit, extreme Authentizität

Zehn Minuten dauert es, bis die Performer die ersten Worte sprechen, und sie klingen verzerrt wie die Worte von Comicfiguren: Die blonden Frauen kieksen extrem hoch, die schwarzhaarigen Männer brummen extrem tief. Es sind lebende Geschlechterklischees, und natürlich ist es eine kindische Idee, sie so zu inszenieren: eine typische Forced-Entertainment-Idee.

Schon immer hatten die Briten eine naive Freude an plakativen Mitteln, an Tierkostümen etwa oder an Pappkronen, wie sie sich im Fundus vieler Kinderbühnen finden. Und schon immer reflektierten sie die Geschichte und die Theorie des Theaters, schlau und doch schwerelos. Die Sprechakte in ihrer neuen Produktion lassen sich so auch lesen als Auftritte von Conférenciers, die die eigentlichen Showacts unterbrechen, wie in einer Revue oder im Zirkus.

Deren Erfolgsrezept ist auch das Erfolgsrezept der britischen Performer: Der Zauber ihrer Arbeiten entsteht nicht aus der Perfektion, er entsteht aus einer flirrenden Mischung extremer Künstlichkeit und extremer Authentizität, also aus der Improvisation - und sei sie auch perfekt inszeniert.


Forced Entertainment - "The Thrill of It All": 19. bis 21. Mai, jeweils 20 Uhr, PACT Zollverein ( www.pact-zollverein.de), Bullmannaue 20a in Essen-Katernberg, Telefon 0201/8122200.

Weiteres Deutschland-Gastspiel vom 22. bis 25. Juni im HAU 2 ( www.hebbel-am-ufer.de), Hallesches Ufer 32 in Berlin, Telefon 030/25900427.



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