Thema Jugendgewalt bei Anne Will Eingekochte Debatte

Schade, dass Roland Koch nicht bei Anne Will zu Gast war. Der hessische Ministerpräsident hätte erlebt, wie seine Wahlkampfthesen zur Jugendkriminalität sachlich und konzentriert diskutiert wurden. Am Ende war man sich einig: Lieber genau hinsehen als rhetorisch draufhauen.

Von Reinhard Mohr


Manchmal hilft ein Blick über die Grenzen. Zum Beispiel nach Italien. Gäbe es dort eine politische Sonntagabend-Talkshow im Fernsehen, etwa "Anna Volontare", so hätte ihr Thema gestern Abend lauten müssen: "Stapeln, verbrennen, abschieben – Mit Härte gegen den Müll von Neapel." Da die deutsche Müllentsorgung aber nahezu perfekt organisiert ist, geht es hierzulande um ganz andere Dinge.

Junge Männer hinter Gittern: Weniger ein ethnisches, als ein soziales Problem
DDP

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Um Klimakatastrophe und Kinderverwahrlosung zum Beispiel, um die Lokführer und den Mindestlohn. Zu ihrer Auftaktsendung 2008 entschied sich Anne Will gestern Abend für "Drillen, einsperren, abschieben – Mit Härte gegen Jugendgewalt". Ohne Fragezeichen.

Da diese Debatte ohne Roland Koch und die "Bild"-Zeitung so gar nicht geführt würde, sei gleich gesagt: Es war kein guter Abend für den hessischen Ministerpräsidenten in Wahlkampfnöten, der natürlich nicht zu der TV-Runde gekommen war. Schade eigentlich, denn trotz der aufgeheizten Stimmung verlief die Diskussion über die jüngsten Gewalttaten von München, Frankfurt und Berlin samt ihrer Folgen erstaunlich sachlich und konzentriert, aber auch ohne jede Beschönigung oder Verharmlosung.

Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) befürwortete zwar, anders als Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), die Abschiebung von jugendlichen "Intensivtätern" wie dem legendären Mehmet, der 60 Straftaten angesammelt hatte, gab aber zu, dies seien Extrem- und Ausnahmefälle. Auch der Kriminologe Christian Pfeiffer, nicht gerade als politisch korrekt verschrien, widersetzte sich dieser harten Maßnahme nicht grundsätzlich, verwies aber auf die vielen rechtlichen und faktischen Hindernisse. Viel wichtiger jedoch sei die Kriminalitätsstatistik jenseits aller videogestützten Emotionalisierung. Sie zeige seit Jahren sogar eine rückläufige Tendenz, mit einer Ausnahme: den Körperverletzungsdelikten bei Jugendlichen, hier besonders bei jenen mit "Migrationshintergrund", vor allem deutsch-türkischen und deutsch-arabischen Tätern.

"Zusätzliche Ausländerproblematik"

Dies sei aber weniger ein ethnisches, als ein soziales, familiäres und bildungspolitisches Problem. Mit anderen Worten: ein Unterschichtenproblem, das türkische und arabische Jugendliche mit deutschen teilten. Ausländerfeindliche Rechtsradikale verhielten sich zu türkisch-arabischen Deutschenhassern wie eineiige Zwillinge. Man könnte hinzufügen: Am meisten und im tiefsten Innern hassen beide Macho-Gruppen jeweils sich selbst und ihre eigene Bedeutungslosigkeit als Männer.

Steinmeier, der sich als einziger in der Runde einen Ausflug in die unangenehm scheppernde Wahlkampfrhetorik erlaubte, deklinierte noch einmal kurz den aktuellen Erregungskatalog durch: Ja, man müsse die Ängste der Bevölkerung verstehen, sie andererseits aber nicht zur politischen Irreführung missbrauchen und gleich das Strafrecht ändern, genauer gesagt: verschärfen. "Verfehlte Integration" sei nicht durch höhere Haftstrafen wieder auszugleichen.

Dem widersprach Beckstein. Es gebe durchaus eine "zusätzliche Ausländerproblematik", bei der, im Falle gehäufter Straftaten, "frühzeitig Grenzen gesetzt" werden müssten: "Wäre der Münchner Rentner gestorben, hätten die beiden Täter maximal zehn Jahre bekommen." Am Ende hätten sie für einen Mord gar nur fünf, sechs Jahre im Gefängnis gesessen – "und das kann nicht sein!" Die Höchststrafen müssten also heraufgesetzt werden. Was Beckstein die "Schärfung des Handwerkzeugs" nannte, kritisierte Steinmeier als "Symboldebatte". Doch mit Verlaub: Der strategisch-taktische Großkampf der SPD um den Mindestlohn ist dann also keine Symboldebatte?

Aufgepeitschter Streit um Worte

Aber es ist ja richtig: Ohne die unglaublichen Videobilder von der brutalen Tat in der Münchner U-Bahn, aber auch ohne den in Not geratenen Wahlkämpfer Koch, der politisch wenig Skrupel kennt, wenn es um die Rettung seiner Macht geht, gäbe es diesen aufgepeitschten Streit um Worte nicht, die allzu oft Schlagworte und Begriffsbesetzungen sind nach dem Motto: Haut den Lukas, haltet den Dieb!

Doch die Diskussionsrunde bei Anne Will zeigte: Wenn es um Tatsachen geht, kocht das Ganze recht schnell ein. Dann wird es schwierig, ja kompliziert, in gewissem Sinne aber auch klarer: Es gibt kein Patentrezept, und zugleich sind sich alle einig, dass es um das geht, was in den siebziger Jahren, zu ganz anderen Zeiten, einmal "familiale Sozialisation" hieß, das Ensemble der Umstände, in denen Kinder und Jugendliche aufwachsen. "Mehr Angst vorm Elternhaus als vor dem Gericht" habe er gehabt, bekundete Fadi Saad, ein junger, einst selbst straffällig gewordener "Quartiersmanager" aus Berlin-Neukölln.

Hier kam, neben der Gewalt- und Machokultur, ein neuer Aspekt ins Spiel: fehlender Respekt vor Gesellschaft und Staat. Nur "lachen" konnte Fadi Saads Sofanachbar Kadir Ülcer, der schon mit elf Jahren begann, sich mit anderen zu prügeln. Als er nach dem soundsovielten Mal mit acht Stunden Strafarbeit davon kam, konnte er das Jugendgericht nicht mehr ernst nehmen. Das Gesetz dann wohl auch nicht mehr.

So hat alles zwei Seiten. Knast macht alles nur schlimmer, sagen die einen. Andere, wie "Tatort"-Darsteller und Gefängnisarzt Joe Bausch, sagen: Manchmal hilft er aber auch, Grenzen kennenzulernen, wieder "Respekt" zu haben vor der legitimen Sanktionsgewalt des demokratischen Staates.

Am Ende war man sich ziemlich einig: Möglichst früh eingreifen und, wo möglich, helfen, erziehen, motivieren. Zugleich rechtzeitig Grenzen setzen, Jugendarrest und Strafhaft inklusive, ohne zu vergessen, wie hoch die Rückfallquote sein kann (derzeit rund 70 Prozent). Der Rest ist zähe Kleinarbeit an vielen Fronten.

Von "Kuschelvollzug" jedenfalls, eine jener Koch'schen Parolen, kann keine Rede sein. Ob der Hessen-Ministerpräsident dennoch, unterstützt von der "Hetzkampagne der 'Bild'-Zeitung" (Kriminologe Pfeiffer) Erfolg haben wird, wird man am Abend des 27. Januar sehen, wenn die Stimmen zur Landtagswahl ausgezählt werden.

"Die Hessen sind schlau", hat Willy Brandt vor vielen Jahren anlässlich einer Landtagswahl einmal gesagt.

Das wollen wir doch hoffen.



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