Theaterkomödie: Die Spielerfrauen der Politiker

Von Tobias Becker

Sie stehen ihren Politikergatten treu zur Seite, auch nach deren Abgang: Theresia Walser hat eine Komödie über die Ehefrauen ehemaliger Diktatoren geschrieben: "Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel". Der Text ist ebenso unheimlich wie komisch.

Theaterkomödie: Die Spielerfrauen der Politiker Fotos
Christian Kleiner

Was dem Fußballstar seine Spielerfrau, ist dem Diktator seine First Lady: der schönste Pokal, den er je gewonnen hat, ein Trophy Girl, dessen Glanz seine Gräueltaten überstrahlt. Ein Beispiel: Die Syrerin Asma al-Assad, die das französische Magazin "Elle" einmal zur "elegantesten Frau in der Weltpolitik" erklärt hat, dank Kostümen von Chanel und Schuhen von Louboutin. "Paris Match" rühmte sie gar als eine "Diana des Morgenlands", als einen "Lichtstrahl in einem Reich des Schattens".

Die einstige Schauspielerin und heutige Schriftstellerin Theresia Walser, mit 45 die jüngste Tochter Martin Walsers, hat den Spielerfrauen der Politik nun eine monströs-komische Komödie gewidmet: "Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel". Uraufgeführt wird das Stück am Samstagabend im Nationaltheater Mannheim.

Tratsch über Schuhe und schusssichere BHs

In Walsers Text treffen sich drei Gattinnen ehemaliger Diktatoren, um bei einer Pressekonferenz über die geplante Verfilmung ihres Lebens zu sprechen. Zunächst tratschen sie miteinander wie nette Nachbarinnen von nebenan: über Partys bei Stalin und Handküsse von Mao, über Schuhe und schusssichere BHs. Doch mit der Zeit geraten die Frauen immer heftiger aneinander, verstricken sich immer tiefer in den grausamen Taten ihrer Vergangenheit, überbieten sich gegenseitig mit Monstrositäten. Verzweifelt versucht ein Dolmetscher, zwischen ihnen zu vermitteln und mit allerlei Übersetzungstricks ein kulturdiplomatisches Desaster zu verhindern.

"Frau Margot" (Honecker) fragt: "Was kann ich dafür, wenn manche so blöd waren, über die Mauer zu klettern?" "Frau Imelda" (Marcos) sagt: "Bei uns sind Leute von jetzt auf gleich verschwunden. Und irgendwann hat man sie ohne Kopf gefunden. In der Oper sind das große Momente. Selten beben Stimmen schöner." Und "Frau Leila" (in der sich Motive von Leila Trabelsi, Suzanne Mubarak und Asma al-Assad mischen) klagt: "Auf einmal sind wir Dreck! Dreimal die Woche rief der französische Präsident bei uns an, ein bisschen plaudern, ein bisschen Tratsch. Jetzt dürfen wir nicht mal mehr französischen Boden berühren."

Uraufführungen sind Chefsache und keine Spielwiese

"Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel" ist bereits das fünfte Stück Walsers, das seit 2006 in Mannheim zur Uraufführung kommt. Damals trat der Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski seinen Dienst in der Schillerstadt an und verkündete, die Autoren in den Mittelpunkt seines Theaters zu stellen. Er vergibt ungewöhnlich viele Auftragsproduktionen, leistet sich jedes Jahr einen neuen Hausautoren (bislang unter anderem Christoph Nußbaumeder, Philipp Löhle, Ewald Palmetshofer, Ulrike Syha und Felicia Zeller) und wagt es, neue Stücke im Großen Haus anzusetzen statt nur auf einer kleinen Nebenbühne, wie es in den meisten deutschen Stadttheatern üblich ist. Hinzu kommt: Uraufführungen sind in Mannheim nicht selten Chefsache statt Spielwiese für den Regienachwuchs. Der Lohn: "Mittlerweile", berichtet Kosminski, "ist der Zuschauersaal bei Stücken lebender Autoren genauso gut gefüllt wie bei großen Klassikern." Das ist in vielen anderen Häusern anders.

Vor allem zwischen ihm und Walser habe sich "eine rege Arbeitsbeziehung entwickelt", sagt Kosminski: "Ich mag ihre Texte sehr." Walser dürfe immer mal wieder bei Proben vorbeischauen, er dürfe im Gegenzug auch schon mal in frühe Stückfassungen hineinredigieren. "Wir haben eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit."

Das neueste Auftragswerk ist für Kosminski "eine gut geschriebene Komödie", aber nicht nur: "Das Stück ist eine reine Theaterbehauptung, keine Vorlage für dokumentarisches Theater, aber es hat auch eine historische Dimension. Die Kunstfiguren haben einen realen Hintergrund." Zudem verleihe der Arabische Frühling dem Stück große Aktualität. Kosminski verweist auf den SPIEGEL-ONLINE-Text "Teufel in Chanel", in dem es um Diktatorengattinnen wie Asma al-Assad geht: "Von dem Text habe ich mich vor Probenbeginn inspirieren lassen. Im Programmheft drucken wir ihn für unsere Zuschauer nach."

Liest man den Text über die Bedeutung fotogener Frauen an der Seite gefühlskalter Männer, wirkt Walsers vermeintlich groteske Komödie tatsächlich viel realistischer. "Frau Leila" etwa lässt sie sagen: "Ich könnte mir vorstellen, dass ich von einer Nicole Kidman gespielt werde."


"Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel", Uraufführung am 12. Januar, weitere Aufführungen 16. und 17. Januar sowie 3., 14. und 23. Februar, Nationaltheater Mannheim, Kartentelefon 0621/168 01 50.

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