Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!

Eine Kolumne von

Die Thesen, die man eigentlich nur besoffen oder im Schlafzimmer zu äußern wagt, lesen Sie jetzt in Bestseller-Sachbüchern. Irgendein Verlag findet sich ja immer. Genauso wie immer dieselben Schuldigen: die Ausländer, die Frauen, die Schwulen, die Schwarzen, die Roma, die Sinti, die Chinesen.

Drollig, diese Kieztouren in Hamburg. Bei denen halbprominente Männer, die sich so verkleiden, wie einige Männer sich Frauen wünschen - schön billig -, staunenden Familien aus Kleinstädten Frauen zeigen, die sich verkleidet haben, wie einige Männer es sich wünschen, um sich gegen Geld ficken zu lassen.

Nur so ein Gedanke, einen angenehmen Sonntag wünsche ich, meine Damen und Herren. Ich bin heute etwas gereizt, gleich vorbei. Ich habe gerade die Bestsellerliste meiner medialen Wahlheimat betrachtet und hatte die Idee, wie ich am Reichtum, den man im Moment mit Steilen-Thesen-Büchern generieren kann, partizipieren kann. Sozusagen.

Ich muss ein Phrasendreschprogramm für Sachbücher entwickeln. Es fasst die Ängste vieler zusammen und spricht sie endlich einmal aus. Also im übertragenen Sinn, es schreibt sie auf, mein Programm. Hat keine Angst vor sogenannten Tabus. Einfach mal loslassen. Das Programm wird es richten. Die Thesen, die der Leser nur besoffen oder im Schlafzimmer zu äußern wagt oder wenn er sich mit anderen Menschen, sagen wir, beim Fußballspielbetrachten trifft, sind doch immer dieselben. Und das seit Beginn der Menschheit.

Gesucht: die Schuldigen

Die vom anderen Stamm sind schuld, raunte früher der Neandertaler. Heute kann man, unserer Bildung sei Dank, differenzieren. Oh, dieses Programm wird einschlagen, ich sag es Ihnen. Dann ist aber Schicht hier. Vorurteile haben wir, als erstes müssen Schuldige her. Scheinbar finanz- oder zahlenmäßig schwächere Menschengruppen, weil wer will schon gegen überlegene Gegner angehen? Dann wird der Faktor "scheinbares Elend der Bevölkerung" eingegeben. Die kaputte Ehe, die steigenden Kosten, die sinkenden Löhne, die Wohnungsnot, die Umweltverschmutzung, die Seuchen, die Schweinegrippe, das Übergewicht.

Das verdammte Versagen also, das fast alle verspüren, vergleichen sie sich mit denen, die immer gut wegkommen. Die Politiker, die Reichen, die Banker, die Manager. Das Programm wird immer ausgefuchster, merken Sie es?

Als nächstes die Schuldigen. Die Ausländer, die Migranten, die Kommunisten, die Frauen, die Homosexuellen, die Schwarzen, die Roma, die Sinti, die Chinesen. Hat das Programm jemanden vergessen? Nein, vermutlich nicht. Der Ton der steilen Thesen, die die Maschine generiert: ein wenig aggressiv, trotzig, beleidigt. Und immer schwingt mit: Das wird man doch wohl wirklich mal sagen können. Das, was totgeschwiegen wird von, ähm, denen da oben.

Gefunden: irgendein Verlag

Zack, zwei Pappdeckel um die Phrasen, irgendein Verlag findet sich immer. Der in seinem Pressetext, auch einem Phrasendreschprogramm entnommen, auf die Deckel schreiben wird: streitbar, zugespitzt, Diskussion, Meinungsfreiheit. Wichtiger Beitrag. Dann ab in den Laster, rein in die Läden. Ab auf die besten Plätze im Buchhandel, der sagen wird: ein wichtiger Beitrag zum Diskurs. Hicks.

Und dann kommt der Kunde, dem es nicht gutgeht, er ist genervt von einer Welt, die er nicht mehr versteht, er hat Angst, er ist müde. Er glaubt tatsächlich, die Welt würde immer schlechter, was natürlich objektiv Stuss ist, aber er kauft den Scheiß und nickt bei jeder Seite. Hat er es doch geahnt. Die Verstimmung, die er mitunter auf Grund normaler Lebensmüdigkeit verspürt, hat einen Verursacher. Es ist nicht seine Schuld, es sind die da - die linken Medien, es ist der ganze Mist einer immer nervöser machenden Welt, in der nichts mehr sicher scheint.

Sicherheit gab es noch nie, aber Schwamm drüber. Wir haben ein Feindbild, wir wissen Bescheid, wir können für ein paar Tage besser schlafen. Der Autor schaut sein Konto an, das blinzelt zurück. Alle sind glücklich. Die Welt wird besser.

Ich gehe Holz hacken. Danach programmiere ich das Ding.

Newsletter
Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle
Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 191 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Meinen Sie Akif?
Darwin1 30.03.2014
Kann es sein, dass Sie Akif Pirincci und seinen Bestseller "Deutschland von Sinnen" meinen, sich aber nicht trauen, es auszusprechen? Soll das der Elefant im Raum sein?
2. Wer liest denn heute noch??
papayu 30.03.2014
Tausende von Buechern erscheinen jaehrlich. Dann wird Werbung gemacht und es werden vllt 10.000 verkauft. Fuer 250 Euro kann man sein Buch ins internet stellen. Da gibt es keinen Lektor usw mehr. Auch den Buechern ergeht es so, wie allen anderen papiernen Pubslikationen.( Absichtsfehler). Die Buechereien werden kurz ueber lang verschwinden, wie die Tante Emma Laeden. Montags war SPIEGELTAG. In Nullkommanichts war der ausverkauft. Und heute? Zwei Klicks und ich habe ihn. Fuer wenig Geld kann ich ebooks kaufen, nehmen nur Speicherplatz ein und keine Bibliothek. Gruezi Frau Sibylle.
3. Schöner Beitrag!
osus 30.03.2014
Und meines Erachtens sehr nahe dran an der Wahrheit. In meinem Bekanntenkreis fällt mir immer wieder auf, mit welcher Aggressivität und Gehässigkeit die einschlägigen "Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!"-Bücher verteidigt werden. Die mehr oder weniger Frustrierten hängen an diesen Büchern, in ihnen finden sie Heimat und Selbstbestätigung ... und das wiederum macht den Erfolg dieser Werke aus.
4. Objektiv schlechter
specialsymbol 30.03.2014
Frau Berg, so oft ich zustimmen kann, hier muß ich widersprechen: uns geht es nicht nur subjektiv schlechter (und das ist unbestreitbar), uns geht es auch objektiv schlechter. Natürlich nicht wenn man nur auf eine willkürliche Zahl, genannt Wirtschaftsleistung, schaut. Fragt man aber mal die Skifahrer, was sie von den letzten Wintern halten, fragt man mal die Angestellten, was sie von dem letzten Jahrzehnt Lohnentwicklung halten, fragt man mal die Kinder, was sie von der Bildungspolitik halten (gut, die haben Glück - die wissen nicht wie es früher war) - dann geht es uns heute auch objektiv schlechter. Abgesehen davon dass man 1984 im Sommer noch mit LSF 12 nach Italien fahren konnte und heute selbst in Hamburg nicht ohne LSF 20 im Frühling raus kann.
5.
marthaimschnee 30.03.2014
Wirklich witzig wäre es ja (wenn es nicht zum heulen wäre) wenn wir dank unserer Bildung nicht nur differenzieren, sondern auch durchschauen würden. Es sind nämlich normalerweise nicht die das Problem, auf die mit dem Finger gezeigt wird, sondern es sind die Fingerzeiger selbst. Und mit Politikern, Reichen, Bankern und Managern sind gleich die 4 mit abstand größten Probleme aufgezählt, eben weil sie immer zu den Gewinnern gehören. Wo es Gewinner gibt, muß es zwangsläufig Verierer geben! Diese einfache und dennoch immer korrekte Aussage sind die meisten leider nicht imstande, zu durchschauen, wenn sie sich gegeneiander aufhetzen lassen. Sie lassen sich was von der Taube auf dem Dach erzählen, sich Hoffnung machen, die auch mal in den Händen zu halten, während man sie um den sicheren Spatz in der Hand erleichtert. Und wenn die dann bedröppelt dastehen, ist ... ähm, der da schuld, der auch die Taube haben wollte. Das Problem jedes Verlierers ist der Gewinner. Und da auf jeden Gewinner normalerweise deutlich mehr als ein Verlierer kommt, steht dort oben grinsend ob seines Sieges eben das Problem. Punkt! So einfach ist das. Im Sport kann man das noch tolerieren, wenn wirklich nur Leistung verglichen wird. Im Kommerzsport schon nicht mehr, da geht es eiskalt um die Existenz der Beteiligten, der Sieger wird mit viel mehr überschüttet, als er wegtragen kann, alle anderen dürfen bei Sponsoren vortanzen. Und bei den Politikern, Bankstern, Managern und den Reichen ist das sowieso nicht mehr tolerierbar, denn da geht es nicht nur um begrenzte Gruppen, deren Existenz bedroht wird, sondern einfach mal um alle anderen. Also, schreiben Sie lieber ein Programm, das im Augmented Reality Style ein rotes Ausrufezeichen über Angehörige dieser Gruppen auftauchen läßt. oder besser gleich eine Zielscheibe auf der Brust ...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Sibylle Berg

Facebook

Anzeige
  • Bei Amazon auf der Autorenseite von Sibylle Berg finden Sie eine Übersicht über die Bücher der Autorin.
  • Hier geht es zu Amazon.


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: