Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Sarrazins Buch-Vorstellung: Der schon wieder

Von

Thilo Sarrazin hat in Berlin sein neues Buch vorgestellt, diesmal zieht er gegen den "Tugendterror" in die Schlacht. Seine Taktik ist altbekannt: Erst wird ein Tabu konstruiert, um es dann mit großem Getöse zu brechen.

SPIEGEL ONLINE

Thomas Rathnow kann einem fast etwas leid tun. Der Chef der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA) steht am Pult in einem Tagungsraum im Haus der Deutschen Pressekonferenz und hat die Aufgabe, das jüngste Buch seines womöglich einträglichsten Autors vorzustellen. Eine schöne Aufgabe, eigentlich.

Doch der Autor ist Thilo Sarrazin, und deshalb klingen Rathnows Eröffnungsworte streckenweise wie eine Entschuldigung dafür, dass die DVA dessen jüngstes Werk "Der neue Tugendterror" herausbringt.

Nach einigen warmen Worten zur Debattenkultur würdigt der Verlagsmann seinen Autor: Für die einen sei der Name Sarrazin "ein politisches Schimpfwort", für die anderen "die Ikone eines manchmal auch dumpfen Protests". Das klingt nach zwei Möglichkeiten, Sarrazin wahrzunehmen - ist aber doch nur eine kunstvoll verpackte Distanzierung.

Eher gefühlte Ausgrenzung als tatsächliche

Als Thilo Sarrazin dann selbst spricht, kann man sich kaum vorstellen, dass dieser Mann noch vor wenigen Jahren die Republik spalten konnte. Allzu harmlos kommt er daher, Skandalöses hat er nicht mitzuteilen. Wie ein etwas verknöcherter Gymnasiallehrer trägt Sarrazin seine These vor, dass sich nach dem Ende der Vormacht der Religion und dem Niedergang der politischen Weltverbesserungsideologien nun ein neuer Irrglaube insbesondere in den Köpfen von Medienvertretern festgesetzt habe: der Gleichheitswahn. In den Medien, referiert Sarrazin, herrsche Meinungskonformismus und eine "abstruse Dominanz der Gleichheitsideologie" - andere Meinungen würden ausgegrenzt.

Thilo Sarrazin mag das so sehen, es braucht allerdings eine ganz eigene Sicht auf die Realität, wenn man so eine These im Haus der Bundespressekonferenz vor etwa hundertfünfzig eifrig mitschreibenden Journalisten aufrechterhalten will. Der als Co-Referent geladene Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger springt ihm zwar bei, es gehe gar nicht um Sarrazin, sondern um die Millionen von Menschen im Lande, die keine Möglichkeit haben, ihrer vom Medien-Mainstream abweichenden Meinung Gehör zu verschaffen - aber auch diese These ist zum Beispiel angesichts der Proteste in Baden-Württemberg gegen den neuen Bildungsplan der Landesregierung nur schwer zu vertreten.

Es scheint also eher um eine gefühlte Ausgrenzung zu gehen als um eine tatsächliche. Und "Der neue Tugendterror" ist ein Buch für all jene, die diese Sicht Sarrazins auf die Medien teilen. Die im ersten Satz konstatieren, dass man in diesem Land nicht mehr sagen dürfe, was Sache ist. Und im zweiten Satz dann genau diese Sachen sagen - ohne den Widerspruch zu bemerken. Das ist die Methode Sarrazin: Erst wird ein Tabu konstruiert, um es dann mit großem Getöse zu brechen. Eine schon etwas ältere Methode, und deshalb irgendwann sehr langweilig.

Doch Sarrazin hat weiter gedacht als alle anderen

Sarrazin selbst jedoch scheint große Freude an ihr zu haben - und noch größere an sich selbst. Es ist beeindruckend, wie selbstgefällig und frei von jeder Ironie der Autor ein Eigenlob ums andere in seine Rede einstreut. Viel Mühe hat er offenbar aufgewandt, die von ihm identifizierten Glaubensgrundsätze der gleichheitswahnsinnigen Medien eigenhändig aufzuschreiben. Das sei ihm "gut gelungen", lobt sich der Autor: "Bei der Pro-Position denken Sie nach einer halben Seite, das sei ein beliebiger Kommentar aus der 'Frankfurter Rundschau' oder der 'Süddeutschen Zeitung'." Doch er, Sarrazin, habe weiter gedacht. Und so kommt es, wie es kommen muss: Scharfsinnig zerstört Sarrazin die simulierte Argumentation der Gegenseite. Thilo Sarrazin ist höchstwahrscheinlich so schlau, dass er sogar eine Schachpartie gegen sich selbst gewinnen könnte.

Erstaunlicherweise scheint jedoch selbst in den Augen Sarrazins noch nicht alles verloren zu sein im Kampf gegen das von ihm wahrgenommene Meinungskartell: "Wir sind noch nicht gleichgeschaltet", merkt er an. Und selbst er will die Gesellschaft offenbar nicht den freien Kräften des Marktes überlassen: "Die Aufgabe des Staates ist es, Ungleichheit zu begrenzen - deshalb bin ich in die SPD eingetreten." Auf mögliche Ambitionen, bei der AfD Karriere zu machen, entgegnet er, eine Partei müsse mehr als nur ein Thema haben. Jedoch sei in der AfD-Spitze mehr Kompetenz versammelt als bei SPD und Union zusammen.

Thilo Sarrazin erzählt dann noch ein wenig aus seiner Zeit als Pfadfinder und von einem Bewerbungsgespräch als junger Mann, dann beantwortet er die letzte Frage aus dem Journalistenpulk: "Was machen wir denn jetzt, damit Sie zufrieden sind?" Sarrazin meint, ohne das vergleichen zu wollen, womit er aber doch vergleicht, dasselbe hätte man Marx fragen können, als der gerade "Das Kapital" schrieb. Nein, er wisse nicht, ob sein Buch etwas bewirke. "Am Ende ändern Gedanken die Welt. Vielleicht nicht meine Gedanken", spricht der Autor.

Gleichheitswahn? Von wegen. Thilo Sarrazin ist schon etwas Besonderes.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 144 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
hajo..1 24.02.2014
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEThilo Sarrazin hat in Berlin sein neues Buch vorgestellt, diesmal zieht er gegen den "Tugendterror" in die Schlacht. Seine Taktik ist altbekannt: Erst wird ein Tabu konstruiert, um es dann mit großem Getöse zu brechen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/thilo-sarrazin-praesentiert-neues-buch-in-berlin-a-955343.html
Was ist schon dabei, wenn ein Autor seine persönliche Meinung zu einem Thema veröffentlicht. Täglich wird in Deutschland soviel Mist veröffentlicht und kaum einer schert sich darum. Nur wenn Sarrazin etwas veöffentlicht, kommen aus allen Löchern die Besserwisser gekrochen und melden sich mit unwissendem Geschwafel.
2. Meinungsfreiheit
luny 24.02.2014
Hallo Skaiser5, heute ist es doch eher so, daß es unzählige Informationsquellen gibt. Das Internet macht es möglich. Früher schrieb man brav einen Leserbrief, der veröffentlicht wurde - meist jedoch nicht. Heutzutage können sich alle via Forum, wie eben SpOn, zu Wort melden. Wo bitte gibt es den von Sarrazin verkündeten "Tugendterror" und WAS soll das denn genau sein? Ich werde es nicht erfahren :-) LUNY
3. Na-na, da fuehlt sich aber der Autor auf den Schlappen getreten.
muc7479 24.02.2014
Auch wenn Thilo Sarrazin in grossen Teilen seines ersten Buches sich auf duennes Eis begibt und mehrfach einbricht, ist sein neues Thema durchaus interessant und ja, aus meiner Sicht eine Debatte wert. Ich lese lieber eines seiner Buecher und entscheide selbst, was ich davon halte, als dass ich von gewalttaetigen Protestlern auf der Strasse lese links wie rechts. Nur das ist zu aechten. Politisch korrekt gehoert nicht unbedingt in die Schachtel Buecher schreiben. Ein Autor will auch aus Gruenden des Erfolgs fuer sein Werk reisserisch daherkommen. Das ist gut so! Andernfalls verkuemmert unsere Gesellschaft tatsaechlich zu einem Pendel, dass nicht ausschlaegt, sollte es aber hin und wieder.
4. Wählen
luny 24.02.2014
Hallo Spiegelleser22, zur Erinnerung: Am 22.09.2013 gab es Bundestagswahlen. Anscheinend fanden 41,7% der Wähler die "Alternativlosigkeit" der amtierenden Bundeskanzlerin und ihrer Partei CDU samt Schwesterpartei CSU völlig in Ordnung. Worüber regen Sie sich auf? Alles sollte bitte so bleiben, wie es ist. Es gab kein nennens- wertes Wahlprogramm der CDU/CSU. Die Mehrheit wählte den Status Quo. LUNY
5. Die moralisierende Kaste ...
autonomo 24.02.2014
in unserem Lande sollte wenigstens zugestehen, daß sie sich von den Vorstellungen der breiten Bevölkerung weit entfernt hat - und darauf ja auch noch stolz ist. Warum ordnen sich denn drei Viertel der Journalisten dem roten oder grünen Lager zu? Warum sind in Fernsehen, Rundfunk und den Printmedien ganz überwiegend keine konservativen Standpunkte zu vernehmen? Weil die 68er dort die Lufthoheit eroberten, diese an handverlesene Nachfolger weitergaben und so beim timiden Teil der dt. Bevölkerung die Schweigespirale installierten. Kein Wunder, daß alle politischen Vorstellungen, die dem natürlichen Egoismus des Bürgers, also der Privatautonomie, Raum lassen wollen, als "soziale Kälte" perhorresziert werden: Es grüßt der ständige parteiübergreifende Kirchentag! Schon deshalb ist es unerläßlich, daß Sarrazin immer wieder einmal den Tabu-Deckel lüftet. Geradezu erholsam und allemal liberal, mag dieses Unwort auch die kleinen Kinder erschrecken ...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Robert Schlesinger/ DPA
Volksheld Sarrazin - Warum so viele Deutsche einem Provokateur verfallen

Es gibt viele Sarrazins: Das Buch des Bundesbank-Vorstands Thilo Sarrazin spaltet Deutschland

Verschwendete Jahre


"Je niedriger die Schicht, umso mehr Geburten"

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: