Thomas Bernhards Todestag: Da geht noch was

Von Marco Dettweiler

Plädoyer für eine vergessene Bewegungsform: Die Menschen gehen nicht mehr gern. Sie rennen zur U-Bahn, laufen durch den Wald, schlendern durch die Fußgängerzone oder sitzen zu Hause. Wer lernen will, wie man einfach nur geht, kann das bei dem heute vor 15 Jahren verstorbenen Schriftsteller Thomas Bernhard nachlesen.

Schriftsteller Bernhard: Gnadenlose Sprache
Andrej Reiser/Suhrkamp Verlag

Schriftsteller Bernhard: Gnadenlose Sprache

Thomas Bernhard geht nicht mehr. Er ist vor genau 15 Jahren gestorben. Ein zentrales Motiv seiner Theaterstücke und Romane, das einer Erzählung sogar den Titel gibt, war das Gehen. "Während ich, bevor Karrer verrückt geworden ist, nur am Mittwoch mit Oehler gegangen bin, gehe ich jetzt, nachdem Karrer verrückt geworden ist, auch am Montag mit Oehler. Weil Karrer am Montag mit mir gegangen ist, gehen Sie, nachdem Karrer am Montag nicht mehr mit mir geht, auch am Montag mit mir, sagt Oehler, nachdem Karrer verrückt und sofort nach Steinhof hinaufgekommen ist."

So geht's los in Bernhards Erzählung "Gehen" und so geht's auch weiter. Die Sprache ist gnadenlos wie Oehlers Leben in der Anstalt Steinhof. Sie ist wie Oehler in ständiger Bewegung. Dafür ist der Schriftsteller bekannt. Durch rhythmische Wiederholungen, ungewohnte Wortkombinationen und kompliziert geschachtelte Sätze formt sich ein Lesefluss, der die Leser schnell in das Werk hineinzieht. Der amerikanische Schriftsteller Louis Begley ("As Max saw it") schreibt in der "Süddeutschen", dass Bernhard die Fähigkeit hatte, "eine Geschichte so zu erzählen, dass sie den Leser packt und nicht mehr loslässt, und diese Eigenschaft unlöslich mit der Sprache des Erzählers verbunden ist." Doch Bernhard rast nicht mit seiner windschnittigen Sprache. Er hetzt den Leser nicht durch seine großsyntaktischen Wortfelder. Seine sprachliche Bewegung ist kein Rennen oder Laufen, sie ist auch nicht zu vergleichen mit Schlendern oder Spazieren, sondern sie entspricht dem Gehen. Zügiges Fortschreiten, aber immer mit einem Bein auf dem Boden.

Leider wächst in Deutschland die Begeisterung fürs Laufen - und nicht fürs Gehen. Marathonveranstaltungen melden Rekordzahlen. In Frankfurt, Köln, Hamburg und Berlin laufen Tausende auf abgesperrten Straßen und haben Spaß dabei. Wer die 42 Kilometer geschafft hat, ist stolz auf seine Leistung. Jörg Haider und Joschka Fischer - Bernhard hätte sie beide gehasst - laufen den Marathon unter dreieinhalb Stunden. Eine respektable Leistung, die ihre Politik mediengerecht unterstützt. George Bush ist auch schon einen Marathon gelaufen.

"Denken zu Gehen machen"

Österreichs ehemaliger Staatsfeind Nummer Eins joggte nicht. Selbst wenn Bernhard es gewollt hätte, wäre es ihm nicht möglich gewesen. Als Siebzehnjähriger erkrankte er an einer schweren Rippenfellentzündung, die er nicht auskuriert hat. Ein Jahr darauf bekam er die seltene Lungenkrankheit Morbus Boeck. Er musste in seiner Jugend viele Monate immer wieder im Krankhaus und in Lungenheilstätten verbringen, weil seine Krankheit behandelt wurde. Unter ihr litt er ein Leben lang. Als wäre das noch nicht genug, kam später auch noch ein Herzleiden hinzu. In seinen Werken verarbeitete er seine täglichen, körperlichen Qualen ebenso wie seine krankheitsbedingte Leidenschaft fürs Gehen. Für Sport war Bernhard zu krank. Dennoch zog es den Schriftsteller ins Freie, weil ihm Bewegung an der Luft gut tat.

Feinde der Bewegung sitzen lieber. Für sie sind Marathonläufer und selbst Vielgeher sinnlos übermotiviert. Sie werden vom Fitnesswahn getrieben. Verrückt eben. Im Computerzeitalter wächst in unserer Gesellschaft die Bereitschaft fürs Sitzen proportional zu den Klickzahlen von Unternehmen wie Amazon oder Ebay. Online-Banking, Video-on-Demand und P2P-Tauschbörsen verführen den Menschen, seinen Stuhl vorm Computer nicht mehr zu verlassen. Wer gerne sitzt, braucht einen Internetanschluss und die Ausdauer an der Maus. Allein den Weg zum Briefkasten müssen passionierte Sitzenbleiber noch gehen. Dass sie dabei nicht nur an Bytes sondern auch an Pfunden zunehmen, ist gar nicht das Problem.

Bernhard zeigt nämlich in "Gehen", dass körperliche Bewegung auch unmittelbar mit geistiger Dynamik zu tun hat. "Wir können aber ohne weiteres, sagt Oehler, Denken zu Gehen machen." Bernhards Figuren denken, während sie gehen. Sie gehen, um zu denken. Beide Prozesse unterscheiden sich allerdings in einer Hinsicht: "Wir können auch immer wieder sagen, sagt Oehler, jetzt sind wir den und den Weg, gleich welchen Weg, zu Ende gegangen, während wir niemals sagen können, jetzt haben wir diesen Gedanken zu Ende gedacht, das gibt es nicht und es hängt damit zusammen, dass zwar Gehen aber nicht Denken mit Geschwindigkeit zu tun hat, Denken überhaupt nicht, Gehen ganz einfach Geschwindigkeit ist."

Es kommt also auf die Geschwindigkeit an. Nur wer das entsprechende Tempo beim Gehen hält, findet auch den Rhythmus des Denkens. Wie schnell oder wie langsam die Menschen die Füße voreinander setzen, entscheidet darüber, ob sie rennen, laufen, spazieren, schlendern oder stehen. Gehen scheint nur eine dieser unterschiedlichen Fortbewegungsformen mit einer reduzierten Geschwindigkeit zu sein. Doch weit gefehlt. Gehen hat eine ganz andere Qualität. Gehen ist für Bernhard eine Lebensform.

Die Motive des Gehens tauchen im Gesamtwerk des 1989 verstorbenen Schriftstellers so häufig auf, dass sie ein Hinweis auf ihre autobiografische Relevanz sind. Auch die Entscheidung Bernhards für ein Leben auf dem Lande, deutet daraufhin, dass ihm Gehen wichtig war. Sein Bauernhof war einerseits ein Ort, an dem der Misanthrop ("Ich könnte auf dem Papier jemanden umbringen") geschützt war gegen lästige Menschenbegegnungen. Andererseits war sein Hof in Ohlsdorf eine hervorragende Ausgangsstation für Wanderungen durch die oberösterreichische Berglandschaft. Welche Schuhe Bernhard dafür anzog, ist durch die Lektüre von "Gehen" nicht zu entscheiden: "Eine Ungezogenheit (und eine Dummheit!), sagt Oehler immer wieder, in Halbschuhen zu gehen, eine Unsinnigkeit, in solchen hohen, schweren Schuhen zu gehen, sage ich."

Halbschuh- und Stiefelträger werden hier gleichermaßen hart attackiert. Im Vergleich zu seinen sonstigen Schimpftiraden behandelt er sie allerdings noch zärtlich. Auch hier empfiehlt sich, "Österreichs ärgsten und berühmtesten Nestbeschmutzer und negativen Staatsdichter" (DER SPIEGEL) nicht allzu ernst zu nehmen und auf seine häufig gestellte Frage "Ist es eine Tragödie oder Komödie?" zu antworten: Es ist eine Komödie!

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite