2020 - Die Zeitungsdebatte

R.I.P. Tageszeitung

Tageszeitungen seien lediglich eine Technologie zur Informationsübermittlung, sagt Thomas Knüwer, Blogger und Berater für digitale Strategien. Und diese wird gerade durch eine bessere abgelöst.

Tageszeitungen sterben.

Nicht in einigen Dekaden, nicht in ferner Zukunft, sondern jetzt. "Financial Times Deutschland", "Mendener Zeitung", "Abendzeitung Nürnberg" oder "Münstersche Zeitung Rheine" - existieren nicht mehr. "Frankfurter Rundschau" und "Westfälische Rundschau" - seelenlose Zombies, die nichts mit ihrem alten Anspruch gemein haben.

Diese Tatsache zu negieren, ist geradezu ein Hobby von Verlegern wie dem Münchner Dirk Ippen. Er ist einer derjenigen, der schnell einwirft: "Die Auflagen werden sich stabilisieren." Nur: Warum? Darauf gibt es keine Antwort, sondern allein die Bekundung der persönlichen Hoffnung, dass nach 20 Jahren fallender Verkäufe der Sturz irgendwann aufhört.

Fakt ist: Es gibt kein einziges Indiz, dass wir derzeit eine Zeitungskrise durchleben (der Begriff impliziert ja eine zeitliche Begrenzung der miesen Tage). Nein, wir erleben das Sterben der Zeitung. Wer zum Beispiel die Auflage von Deutschlands größter Tageszeitung, der "Bild", extrapoliert, landet so ungefähr 2028 auf der Nulllinie - und glaubt irgendwer, das Blatt würde noch gedruckt, wenn ein paar tausend Stück verkauft werden? Die Begeisterung der Anzeigenkunden wäre an diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon überschaubar.

Es geht auch nicht darum, dass überhaupt niemand mehr Tageszeitungen lesen mag. 20 Millionen Zeitungen werden wochentäglich noch verkauft, in den Kommentaren hier werden sicher engagierte Leser auflaufen und erklären, sie könnten nicht ohne das Gedruckte. Nur: Es sind nicht mehr genug Menschen, um das Geschäftsmodell Tageszeitung aufrechtzuerhalten - so wurden vor zehn Jahren noch rund sechs Millionen Zeitungen mehr verkauft an jedem Tag.

Dieser Schwund hat nur bedingt etwas mit dem Internet zu tun. Schließlich regen sich Leser seit vielen Jahren über die Qualität ihrer örtlichen Zeitung auf. Nehmen wir eine gewisse Toni Buddenbrook aus Lübeck: "Diese städtischen Anzeigen sind ein klägliches Blättchen... In drei langweiligen Minuten ist man mit dem Ganzen fertig", hat es ihr Thomas Mann in den Mund gelegt. Und: "Ich lese sie ja auch, gewiss, weil eben meistens nichts anderes zur Hand ist."

112 Jahre nach dem ersten Erscheinen der "Buddenbrooks" ist etwas anderes zur Hand. Jederzeit und ständig aktuell - das Internet. Egal, welches journalistische Thema aufbereitet werden soll, das Web ist die bessere Plattform. Das heißt nicht, dass Onlinejournalismus per se besser ist als der in Print - aber er könnte grundsätzlich besser sein. Denn das Netz liquidiert Limitationen wie Druckzeiten, Verteilung, Längenbegrenzungen oder die Beschränkung auf Schrift und Bild. Jedes Thema kann so reportiert werden, wie es für den Leser am besten erscheint.

Und so gehen sie, die Leser. Ins Internet. Warum sollten sie an einem Morgen im digitalen Zeitalter auch Texte konsumieren, die mindestens sieben Stunden alt sind? Und deren Auswahl ohnehin nicht auf den einzelnen Käufer, sondern auf einen imaginären Durchschnittsleser zielt?

Als ich, zum Beispiel, 1995 aus dem Münsterland nach Düsseldorf zog, telefonierte ich täglich mit meiner Mutter - weil sie die Lokalzeitung bezog. Denn die "Rheinische Post" schrieb unerklärlicherweise nichts über meine fußballerische Liebe, den SC Preußen Münster - und die münsterschen Lokalzeitungen hatten online noch nichts zu bieten. Heute bekomme ich nicht nur deren Nachrichten, sondern auch Fanblogs, Videos und die News des Vereins selber im Netz. Ich bin besser, tiefer und vielfältiger informiert über ein typisches Lokalthema als je zuvor.

Der Leser-Schwindsucht ist längst der Abgang der Anzeigen gefolgt. Noch geht es vielen Zeitungen bilanztechnisch gut, doch die Verantwortlichen merken, dass sich dies rasant ändert.

Nüchtern betrachtet sind Tageszeitungen eine Technologie zur Informationsübermittlung - und Technologien werden irgendwann durch bessere Technologien abgelöst. Diese Entwicklung war seit 15 Jahren absehbar und wurde von vielen prognostiziert. Die Zeitungskonzerne reagierten darauf mit Ignoranz. Sie mochten keine Chance im Internet erkennen, nicht dessen Möglichkeiten ausloten, sie machten ihre Mitarbeiter nicht schlau in digitaler Technik. Nun wird das strategische Fenster, in dem sie noch handeln können, täglich kleiner.

Das Internet ist ein Konkurrent für Zeitungen im Nachrichtenmarkt. Auf Konkurrenz reagieren angestammte Anbieter in jedem Markt der Welt entweder mit Preissenkung oder Qualitätssteigerung - vielen Verlagen dagegen fällt nur Verweigerung ein. Dabei verlieren sie sich auch noch in Absurditäten. Zum Beispiel wird bestritten, dass Onlineangebote sich werbefinanzieren können - obwohl dies zum Beispiel bei SPIEGEL ONLINE, "Focus" oder der "Rheinischen Post" der Fall ist. Dann heißt es schnell, diese Angebote würden intern subventioniert, die veröffentlichten Bilanzen entsprächen nicht der Wahrheit. Lieber also ein Angebot zum Fall für die Staatsanwaltschaft erklären, als der Wahrheit ins Auge sehen - so verkorkst ist die Verlagsindustrie. Und ganz nebenbei: Auch verlagsunabhängige Seiten wie die Karrierebibel oder Caschys Blog schreiben schwarze Zahlen.

Mit diesem Missmanagement gefährden die Verlage Arbeitsplätze und den damit verbundenen Journalismus. Sie riskieren, dass wir einige Jahre erleben werden, in denen unsere Gesellschaft mit weniger Journalismus auskommen muss. Das ist nicht schön, doch halte ich es mit Clay Shirky, dem Medienforscher von der New York University: "Wenn Medien sich zurückziehen, heißt das nicht, dass über ein Feld nicht mehr berichtet wird - es wird nur anderenorts berichtet." Sprich: Wenn ein Interesse der Menschen an Nachrichten besteht, wird es andere Menschen geben, die darüber berichten. Nur Tageszeitungen werden das in einigen Jahren nicht mehr sein.

Wir werden darüber hinwegkommen.

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Forum - 2020 - Die Zeitungsdebatte
insgesamt 156 Beiträge
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1. Oh Pardon...
W. Robert 02.08.2013
Nun, es gibt im Netz eben die „Allrounder“-Seiten wie Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Allgemeine etc., die sich inhaltlich kaum noch wesentlich unterscheiden. Das hat mit Sicherheit auch mit der Verwechselbarkeit der Parteien zu tun, deren Inhalte sich zunehmend angleichen. Eine Lücke sehe ich da eigentlich nur für eine Kultur-Website, die tatsächlichen Qualitätsjournalismus bringt, und sich aus dem Spiel der Indoktrination mit fragwürdigen globliistischen Thesen heraushält. Man braucht also mehr Essays, mehr Humor und und mehr Einbeziehung der Kulturschaffenden, die sich längst aus dem Medienbetrieb zurückgezogen haben. Wie das in etwa aussehen könnte: Man lese mal ältere Pardon-Ausgaben, wo der Spagat zwischen ernsten Inhalten und Humor durchaus den Zeitgeist getroffen hat. Wahrscheinlich ist es aber gerade die Agenda der Medienkonzerne, die eher anti-aufklärerisch agiert, und genau daran wird es scheitern.
2. 2020?....
espressoli 02.08.2013
2020 wird es nur noch eine einzige Zeitung geben... angepasst an die immer dümmer werdene Bevölkerung, eine Art "Leselektüre für den deutschen Bildungsstand"... Ein Witzchen zur Einleitung... ein echter Mord - für Krimifans... ein Verkehrsunglück in der Sahara - für alle "Ach-Gott-Sager-und-Gaffer"... fünzig Seiten Fussball - und natürlich ein Bildchen von der - inzwischen auf Lebenszeit in Berlin festgetackerten Kanzlerin - gut retuschiert versteht sich - dazu der Text ihrer Neujahrsansprache von 2011... auf der letzten Seite dann noch das Wort zum Sonntag von der Kanzlerin: "Alles wird gut, ich bin und bleibe bei Euch"... Könnte es je eine grössere - ausgesprochene - Drohung für die Bürger geben?.. Wie die Zeitung heissen wird?... Da gibt es kein Entrinnen... so wie Kanzlerin, wird auch sie ewig unser sein.... "BILD" wird sie heissen... das "Generationenblatt", das in Kindergärten und als Lehrmittel in den Hörsälen der Universitäten benutzt werden wird und deren Herstellungs-Kosten vom Bildungsministerium voll übernommen werden... Und wer nach "alten Büchern" sucht, wird im Jahre 2020 dann sicherlich noch alte Bild-Exemplare bei eBay finden, die doch tatsächlich noch "die Nackerte" auf der Titelseite hatten... und zwischenzeitlich auch von weiblichen u. männlichen Emanzen gelesen wird - mangels "Alternativen"... Irgendwie keine schönen Aussichten für das Jahr 2020... Könnte man das "Vierbuchstabenblatt" nicht einmotten ehe wir das Jahr Zweitausendundzwanzig schreiben? - und bitte die Propaganda-Kanzlerin dabei nicht vergessen - beim einmotten meine ich...
3. @ W. Robert: Nein im Gegenteil
Amadeus Mannheim 04.08.2013
Zitat von W. RobertNun, es gibt im Netz eben die „Allrounder“-Seiten wie Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit, Frankfurter Allgemeine etc., die sich inhaltlich kaum noch wesentlich unterscheiden. Das hat mit Sicherheit auch mit der Verwechselbarkeit der Parteien zu tun, deren Inhalte sich zunehmend angleichen. Eine Lücke sehe ich da eigentlich nur für eine Kultur-Website, die tatsächlichen Qualitätsjournalismus bringt, und sich aus dem Spiel der Indoktrination mit fragwürdigen globliistischen Thesen heraushält. Man braucht also mehr Essays, mehr Humor und und mehr Einbeziehung der Kulturschaffenden, die sich längst aus dem Medienbetrieb zurückgezogen haben. Wie das in etwa aussehen könnte: Man lese mal ältere Pardon-Ausgaben, wo der Spagat zwischen ernsten Inhalten und Humor durchaus den Zeitgeist getroffen hat. Wahrscheinlich ist es aber gerade die Agenda der Medienkonzerne, die eher anti-aufklärerisch agiert, und genau daran wird es scheitern.
Stimmt nicht! Was wir brauchen, ist Strukturierung der Information und Erklärung, Analyse. Die Meinungsgetriebenheit der Foren und Kolumnen ist natürlich interessant, macht es aber unmöglich, eine strukturierte Debatte über komplexe Themen zu führen oder zu verfolgen. Das ist der journalistische Job der Zukunft. Eben nicht mehr freie Themenwahl und eben nicht mehr das rigorose Beharren auf der Redaktionsfreiheit, sei darunter jetzt einmal die Freiheit zur politischen Meinung bzw. der Meinung in einer konkreten Sachfrage verstanden, die vom Verleger oder Herausgeber nicht beeinflusst werden darf. Nein, die Journalisten müssen uns, den Lesern, helfen, durchzublicken. Das ist auch der Grund, warum die TV-Talkshows gut laufen, so schlimm sie manchmal anzusehen und -zuhören sind. Sie lassen uns Testfahrten von Meinungen und Argumenten erleben, als wären es unsere. Und in guten Momenten sichern wir unsere Meinungen ab oder geben sie auf und verstehen, auf welcher argumentativen Basis wir dies vor uns selbst verantworten können. Dies ist in einer gut besetzten und gut moderierten Talkshow wirklich ein Gewinn, den ich bei Jauch und Will regelmäßig habe. Auch bei Illner. Wenn die Zeitungen es schaffen, diesen Gewinn zu bieten, werden sie leben. Egal ob digital oder gedruckt. Hierfür ist die eigene Meinung der Reakteure aber unwichtig. Sie ist einfach nicht mehr gefragt. Denn wir ertrinken in Meinungen. Die Journalisten müssen Moderatoren werden, Projektleiter des Projektes "Verständis", "Lösen von Komplexität" oder "Diskutieren alternativer Blickwinkel". Helfen lassen können Sie sich von Philosophen, etwa von Peter Sloterdijk, der in faszinierend einfachen Bildern komplexe Sacherverhalte darstelle, zB die politischen Parteien als Banken für Zorn- und Wutkapital darstellt, was einen sehr leicht verstehen lässt, was ein Grund für Politikverdrossenheit sein könnte. Hilfestellungen wie diese finden im Zeitungsjournalismus kaum noch statt. Die Branche muss komplett umdenken. Aktualität kann sie vergessen, dieses Rennen ist nicht mehr zu gewinnen. Meinung ist von gestern, s.o. Was zählt für die Zukunft ist Meinungskompetenz und echte Hilfe.
4. Mutig voran
wol54 04.08.2013
Zitat von sysopWie sieht die Zeitung von morgen aus? Was macht für Sie guten Journalismus auch in Zukunft aus? Diskutieren Sie hier auf SPIEGEL ONLINE. Wir sammeln die besten Vorschläge, werten sie aus – und entwickeln daraus das Konzept für eine digitale Tageszeitung.
Bei Zeitungen ist es ähnlich wie bei CDs: oft wollte ich nur einen Titel, musste aber früher die ganze CD kaufen. Heute kaufe ich mir nur noch diesen einen Titel bei Apple bzw. zahle ich monatlich 9,99 € bei Spotify und habe damit Zugriff auf fast alle CD´s. Was kann die Zeitungsbranche daraus lernen ? Einführung von Micropayment für einzelne Artikel, ich denke da an Beträge von 1-5 Cent. Mehrere Verlage (z.B. FAZ, Süddeutsche, Welt, Zürcher...) geben für 10 € im Monat ein Gemeinschaftsabo heraus. Der Abbonnent kann dann alle diese Zeitungen im Netz ohne weitere Mehrkosten lesen. Zeitungen wie die Stuttgarter Zeitung, Münchner Merkur... sollten Ihren Lokalteil deutlich ausbauen und dann z.B. für alle Nachrichten aus Ludwigburg 3 Cent pro Tag verlangen. Schlechte Nachricht: Es gibt kein Copyright auf News Gute Nachricht: seit ich mein Ipad habe sehe ich weniger fern, sondern lese auch mal den Lokalteil meiner heimatzeitung im Internet.
5. Tageszeitung vs. Online - 2020
koem 04.08.2013
Habe ich eine Tageszeitung in der Hand, umschleicht mich immer das unsichere Gefühl, nicht wirklich aktuelle Informationen geliefert zu bekommen. Das wird auch 2020 nicht anders sein! Aktuell ist eben nur online. Online wiederum habe ich keine Muße für längere Texte, für gut recherchierten Journalismus, für Hintergrundinformationen. Diese möchte ich aber nicht missen und sehe hier die Zukunft für das Printmodell. Erwähnt werden muss jedoch, dass dies wohl eher nicht auf eine Tageszeitung zutrifft, sondern auf ein Wochenmagazin. Für die Tageszeitung sehe ich schwarz. Beste Grüße aus Berlin Konstantin Thumm
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Zum Autor
  • Peyman Azhari
    Thomas Knüwer ist Gründer der digitalen Strategieberatung kpunktnull in Düsseldorf. Der langjährige "Handelsblatt"-Redakteur bloggt bei Indiskretion Ehrensache über Medien und Marketing sowie bei Gotorio über Reisen, Essen und Wein.
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  • Illustration: Carsten Raffel/ USOTA.COM
    Brauchen wir noch Tageszeitungen, und wenn ja, welche? Dieser Frage gehen auf dieser Seite Leser, Journalisten, Fotografen und Grafiker nach. Seit Jahren verlieren die Tageszeitungen an Auflage. Dass sich der Springer-Verlag von seinen Regionalzeitungen getrennt hat, war für viele ein gefährliches Signal.
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