Kunst-Biennale Venedig Deutschland, und wer bist du?

Auf der 55. Biennale von Venedig gibt es nicht nur den Pavillontausch zwischen Deutschland und Frankreich zu sehen: In einem Palazzo mit morbidem Charme baut der Berliner Künstler Thomas Zipp ein Psychogramm menschlicher Befindlichkeiten auf - bewacht vom Pattex-Mann.

Roman März

In diesem Jahr gibt es auf der Biennale von Venedig, die am 29. Mai beginnt, zwei sehr unterschiedliche Deutschlandbilder zu sehen: Die Kuratorin des deutschen Pavillons, Susanne Gaensheimer, tauscht mit dem französischen Pavillon die Räume und will dort mit den Künstlern Ai Weiwei, Romuald Karmakar, Santu Mofokeng und Dayanita Singh zeigen, dass Deutschland tatsächlich ein "kosmopolitischer Ort" ist, der "sowohl in der Kunst als auch in seiner Lebensrealität aktiver Teil eines internationalen Netzwerks ist".

Gleichzeitig gibt es einen anderen deutschen Beitrag auf der Biennale als Teil der rund 40 offiziellen Projekte, die das Geschehen in den Giardini umrahmen sollen und die satellitengleich in der ganzen Stadt verteilt sind. In diesem Zusammenhang repräsentiert der Berliner Künstler Thomas Zipp, 45, mit seiner Einzelschau im Palazzo Rossini am Campo Manin ebenfalls eine deutsche Haltung, wenn er mit seinem Werk Fragen nach der Befindlichkeit der Gesellschaft und nach der eigenen Einordnung darin stellt.

Der Psychonaut der Kunst

Zipps Werke seien "geprägt von einer intensiven Auseinandersetzung mit Geschichte, Wissenschaft und Religion, mit Politik und Gesellschaft sowie mit Kunstgeschichte und Philosophie", hat Rein Wolfs, heute Chef der Bundeskunsthalle Bonn, über Zipp geschrieben, als er ihn vor drei Jahren im Kassler Fridericianum ausstellte. Für den Künstler spiele dabei "die Einordnung des Selbst in die Gesellschaft, der Antagonismus im Sinne sich polar gegenüberstehender Widersprüche sowie die Folgen aus historischen, wissenschaftlichen und religiösen Errungenschaften und Ereignissen eine zentrale Rolle".

Und dieses "Selbst" des Künstlers ist ziemlich komplex: Als "Psychonaut der Kunst" wurde Zipp schon bezeichnet, und seine Themen sind oft düster und abgründig. Zur Wahrheit gehört bei ihm immer die Lüge, zu Gott der Teufel, zur Norm die Abweichung, zu Körper und Geist die Obsession und die Sexualität, der Rausch und die Grenzerfahrung. Die dunklen Abgründe der Seele scheinen Zipp nicht fremd zu sein, manchmal sieht es aus, als seien sie sein Zuhause. Denn die Gesamtinszenierungen aus Installationen, bisweilen Performances und immer Bildern des als Maler ausgebildeten Künstlers verdichten sich oft zu einem Psychogramm menschlicher Befindlichkeiten mit Depressionen und Drogen, Sehnsüchten und Süchten, Träumen und Alpträumen, aus Sinnlichkeit, Sinn und Wahnsinn.

Auch in Venedig arbeitet Zipp nicht anders. Die in Düsseldorf seit mehreren Jahren mit einem jungen Ausstellungsprogramm aktive Arthena Foundation hat, zusammen mit dem Kurator Zdenek Felix, dem Künstler einen ganzen Palazzo mit morbidem Charme für seinen künstlerischen Seelenstriptease überlassen.

Wenn Irrsinn zu Alltag wird

Dort hat Zipp in allen Räumen eine Art Anstalt eingerichtet, wo der Irrsinn zum Alltag wird. Das Szenario sieht aus wie eine eigenwillige, geheimnisvolle Erzählung - Kafka lässt grüßen. Der Titel der bühnenreifen Gesamtinszenierung in Venedig heißt "Comparative Investigation about the Disposition of the Width of a Circle" und bezieht sich auf den Song "The Width of a Circle" von David Bowie, in dem er Parabeln und Themen aus den Werken Nietzsches anspricht, wobei es ihm im Speziellen um das sexuelle Verhältnis zu seinem "Teufel", der Droge, ging. Außerdem geht es um Hysterie, denn im Titel spiegelt sich der französische Begriff l'arc de cercle wieder, der im 19. Jahrhundert in der Salpêtrière, einer Pariser Klinik für Geisteskranke, auf das Phänomen hysterischer Anfälle verweist.

Diese frühe Hysterieforschung und das Krankheitsbild der Hysterie behandelt Zipp im Palazzo Rossini mit seiner "Forschungsanstalt" in acht Themenbereichen, eingeteilt in verschiedene Räume: Empfangsraum, Direktorenzimmer, Bibliothek, Behandlungszimmer, Schlafsaal, Auditorium, Toberaum und Flur.

Zu erkennen sind die Funktionen der düsteren und satirisch übertriebenen Rauminszenierungen sofort: Betten oder Behandlungsstühle stehen herum, und im Auditorium könnte ein Patient sofort den Zuhörern vorgeführt werden. Auf Bildern und als Skulpturen bevölkern Wesen mit aufgeschreckten oder schmerzvollen Gesichtern, beklemmend schweigend oder lautlos schreiend, das Szenario. Über allem wacht die Skulptur des Pattex-Manns, mit seinem starren Blick und seinen hohlen Wangen, ein echter Wächter des Grauens - und zugleich wohl auch ein phantastisches Selbstporträt des Künstlers. Allein die spitze Zipfelmütze zeigt, dass auch der Narr in ihm schlummert.

Die Dualität der deutschen Identität

So muss sich der Besucher auch mit der Dualität von Personen auseinandersetzen - in diesem Fall mit der des Künstlers, der zugleich Patient und Arzt ist. Oder mit der eigenen, deutschen Identität, die hier in Venedig gespalten ist: In Zipps Installation kann er sie in den Gefilden des Unterbewussten suchen. Oder er findet sie vielleicht im deutschen Pavillon in den Giardini, wo man davon ausgeht, dass "das Internationale und Interkulturelle fester Bestandteil unserer Gesellschaft geworden ist und eine der größten kulturellen Bereicherungen" sei.

Dort soll die Frage "And Who Are You?" allerdings auch noch in einer Podiumsdiskussion geklärt werden. Wenn das nicht gründlich deutsch ist - und ist es vielleicht auch ein bisschen hysterisch?


Thomas Zipp "Comparative Investigation about the Disposition of the Width of a Circle". Venedig. Palazzo Rossini, Campo Manin. 29.5.-24.11.



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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
krmb 28.05.2013
1. prima
Sehr intensive Arbeiten. Schade, dass ich nicht hinfahren kann.
instantcoffee 30.05.2013
2.
Das Geschwalle finde ich schon irrsinnig...
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