Thriller-Serie "24" Jetzt wird's persönlich

Jack Bauer rettet ab morgen zum fünften Mal die Welt. 24 Stunden lang. Zwischen Verhör und Folter wird in der 5. Staffel der Echtzeit-Erfolgsserie nun mehr gemenschelt denn je. Die Terror-Drahtzieher sitzen diesmal dort, wo es besonders weh tut.

Von Daniel Haas


Ich bin dann mal weg, sagte sich der Welt erfolgreichster Terrorbekämpfer am Ende der letzten Staffel von "24". Gemeint war allerdings nicht eine Wandertour zwecks spiritueller Erbauung, sondern die Auslöschung seiner bisherigen Existenz. Eine Atempause war für Jack Bauer, den Rund-um-die-Uhr-Agenten, nur um den Preis des Todes zu haben, wenn auch eines fingierten.

Und Hand aufs thrillergepeitschte Herz: Bauer war zum Schluss so lästig wie ein Hautauschlag. Er hatte gelogen und erpresst, gefoltert und gemordet, und dass man ihn in einem Rechtsstaat nicht mehr dulden konnte, versteht sich eigentlich von selbst. Die Idee, ihn in die Anonymität einer Under-under-undercover-Existenz abzuschieben, war deshalb konsequent: Man will den Henker nicht sehen, auch wenn er die Ordnung wiederhergestellt hat.

Weil das Verdrängte aber bekanntlich wiederkehrt und Terroristen keinen Urlaub machen, muss er nun wieder Schichtdienst schieben: 24 Stunden Gewalt für die gute Sache. Es geht – wie üblich – um die Rettung Amerikas, das dieses Mal nicht von islamistischen Schläfern oder serbischen Killerkommandos heimgesucht wird, sondern von russischen Separatisten. Sie sind lediglich die Handlanger weitaus schlimmerer Gegner, gemäß des Stilprinzips von "24", bei dem Verschwörungen wie Babuschka-Puppen ineinander verschachtelt werden. Ein Bösewicht ist immer nur so gut wie sein Hintermann, der die Zerstörung auf nächsthöherer Ebene plant.

Alles wird politisch

Das Herz der Finsternis schlägt dieses Mal dort, wo es Stammtisch-Politologen schon immer vermutet haben: in der Regierung selbst. Der Oberschurke soll hier nicht enttarnt werden, zumal seine Entdeckung zu den schönsten Pointen des Thrillerfernsehens seit langem gehört. Verraten werden darf nur, dass höchste Regierungskreise als Drahtzieher der Terroristen agieren. Man schanzt den Attentätern etliche Kanister Nervengas zu. Sollten sie auf russischem Boden detonieren, so das Kalkül, habe man einen Grund für eine Intervention und könne sich dadurch wichtige Rohstoffquellen sichern.

Natürlich gelangt das Gas nie über die Landesgrenze. Die Terroristen planen maximale Verheerung in Los Angeles, und schon läuft Bauers Stempeluhr. Bei der programmatischen Tour de Force bleiben nicht nur zahllose Killer und Agenten auf der Strecke, sondern auch der Glaube an staatliche Autoritäten. Präsident Logan zum Beispiel, von Gregory Itzin bereits in Staffel vier mit paradoxer Virtuosität als beinharter Weichling porträtiert, ist ein Zerrbild des Regierungschefs und so unsouverän, dass er permanent den Ausnahmezustand erklärt.

Dieses Dilemma – die Regierung bekämpfen, die Institution schützen – treibt die Helden um, und es verlagert den Konflikt ins Private. Wird die Elite höchstselbst zum Verräter, gibt es keinen Ort des Rückzugs mehr, alles wird politisch. Im Umkehrschluss kann das Politische zum Raum fürs Private werden. In Bauers Welt ist der Not- der Normalfall, Paranoia ersetzt Intuition, Konspiration wird zur gängigen sozialen Praxis. Warum also nicht ein wenig menscheln zwischen Shootout und Verhör?

Das ist neu an "24": Bislang waren persönliche Regungen nur Sand im Getriebe der Weltrettung, jetzt bilden sich über die Pflichterfüllung intime Allianzen. Romantisch wird es dennoch nicht: Wenn die Präsidentengattin sich mit einem tapferen Secret-Service-Agenten zusammentut und der Computer-Freak Mitgefühl für den Kollegen entdeckt; wenn die Geheimdienstchefs über ihrem Kompetenzgerangel erotische Anziehung verspüren und Jack Bauer eine zweite Chance bei der Ministerialbeamtin Audrey Raines (Kim Raver) erhält, ist das duale Modell von privater und öffentlicher Person ein für allemal entsorgt. In einer Welt, die rund um die Uhr im Dienst ist, ergeben After-Work-Partys sowieso keinen Sinn: Beziehungs- und Erwerbsarbeit fallen endgültig zusammen.

Rangehen im Minutentakt

Hierzu passt der enthemmte Einsatz von Mobiltelefonen: Noch öfter als am Drücker irgendwelcher Schnellfeuerwaffen ist Bauer am Handy; auch Präsident, Berater, Agenten und Terroristen telefonieren im Minutentakt. Immer und überall erreichbar sein, dieses Flexibilitätsgebot einer entgrenzten Arbeitswelt findet hier sein angemessenes Bild.

Für Bauer könnte die erhöhte Telefonbereitschaft allerdings ein Warnruf sein: Wie lange wird man ihn, die ultimative Hardware im Terrorkampf, eigentlich noch brauchen, wenn Apparate den Arbeitskörper mehr und mehr ersetzten? Nicht umsonst wurde die Action dieses Mal zunehmend in die Dialoge verlegt. Die Akteure müssen nicht mehr handeln, sondern nur noch reden; in einer globalisierten vernetzten Welt übernimmt das Nichtstoffliche die Regie.

Das ehemals stärkste Subjekt der Serie wird deshalb folgerichtig von der Computerfachfrau Chloe (Mary Lynn Rajskub) dirigiert. Über weite Strecken ist es ihr technologisches Know-how, das den Terroristenjägern weiterhilft, nicht Jacks unbedingte Gewaltbereitschaft.

Oder wartet Bauer auf diesen Anruf, der dem ganzen Stress ein Ende setzen würde? Wer aber soll ihn feuern? Wer kann ihn schon erreichen?



"24" , 5. Staffel. Ab Mittwoch, 3. Januar, 21.15 Uhr, RTL II



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