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Thriller-Serie "24": US-Militärs fordern Folterverbot für Jack Bauer

Von Georg Mascolo, Washington

Jack Bauer ist der Superheld unter den Terrorbekämpfern. In der Erfolgs-Fernsehserie "24" foltert er, was das Zeug hält - alles für die gute Sache. Das wird jetzt selbst dem US-Militär zu viel: Es verlangt dringend Mäßigung.

Wenn Special Agent Jack Bauer zur besten Sendezeit ausrückt, geht es ums Ganze. Nichts weniger als die Rettung der Nation steht jeden Montagabend auf dem Spiel. Mal droht ein Anschlag mit biologischen Waffen, der Millionen töten könnte, dann gilt es, die Detonation einer Atombombe mitten in Los Angeles zu verhindern. Bauer, gespielt von Kiefer Sutherland, hat bisher noch jede Bedrohung in den Griff bekommen – wenn auch mit ziemlich unorthodoxen Methoden.

Kiefer Sutherland als Jack Bauer in "24": "Die Frage ist, wie weh ich Dir tun muss"
REUTERS/ FOX

Kiefer Sutherland als Jack Bauer in "24": "Die Frage ist, wie weh ich Dir tun muss"

Schläge, Scheinhinrichtungen, Elektroschocks, Drogen, oder die Drohung, Frau und Kinder eines mutmaßlichen Terroristen zu exekutieren, gehören zur Verhörtechnik des Agenten. "Du sagst mir, was ich wissen muss," erklärt Bauer einem Jihadi, "die Frage ist nur, wie weh ich Dir tun muss." Die Katastrophe rückt näher, das Blut fließt, es folgt das Geständnis. Die Gefahr ist gebannt. Jedenfalls bis zur nächsten Folge von "24", der auch in der sechsten Staffel noch erfolgreichen Anti-Terror-Serie des US-Fernsehsenders Fox.

Die Familie von Vizepräsident Dick Cheney gehört ebenso zu den 15 Millionen regelmäßig begeisterten Zuschauern wie First Lady Laura Bush. Gatte George W. soll es gern hören, wenn ihn republikanische Kommentatoren als den "Jack Bauer im Krieg gegen den Terrorismus" feiern. Heimatschutzminister Michael Chertoff, auch er ein treuer Fan, lobt die wöchentliche Apokalypse gar als lehrreich, weil sie "das wahre Leben widerspiegelt". Einfach "wahrhaft patriotisch" nennt Produzent Joel Surnow den Blockbuster, der im Kanal des konservativen Medienunternehmers Rupert Murdoch läuft. Die Serie ist ein Exportschlager, auch in Japan, Australien und im deutschen RTL II ist Jack Bauer im Einsatz.

Zuhause in den USA, sagt Surnow, gehörten vor allem die US-Militärs zu den treuesten Bewunderern von "24:" Die lieben uns." Nur seit die neuesten Folgen laufen, stimmt zumindest das zumindest nicht mehr uneingeschränkt. So ungebremst geht Jack Bauer von der fiktiven Counter Terrorist Unit (CTU) inzwischen zur Sache, dass eine ungewöhnliche Allianz aus US-Generälen, Verhörspezialisten und Menschenrechtlern den Produzenten bekniet, die Drehbücher zu entschärfen. "Sie müssen damit aufhören," mahnt General Patrick Finnegan, Kommandeur von Amerikas angesehenster Militärakademie in West Point: "Wir brauchen eine Show, in der Foltermethoden nach hinten losgehen" verlangt Finnegan.

"Wenn Folter falsch ist, was ist dann mit '24'?"

Der Versuch, auch Hollywood auf die von der Bush-Regierung so lange geschmähten Regeln der Genfer Konventionen zu verpflichten, offenbart eine tiefe Verunsicherung des US-Militärs. So populär ist "24," dass beim Oberkommando die Angst umgeht, GIs im Irak und Afghanistan könnten ebenfalls nach der Methode Jack Bauer vorgehen. "Folter ist bei '24' immer die patriotische Lösung," klagt Finnegan.

Dass schon die Bewunderung für einen Krimihelden genügen sollte, die vom Pentagon nach dem Folterskandal von Abu Ghuraib neu definierten Verhörregeln außer Kraft zu setzen, klingt bizarr. Aber General Finnegan behauptet, Fiktion und Realität würden gefährlich verschwimmen – selbst an seiner Akademie, wo die künftige Militärelite des Landes ausgebildet wird.

Der Jurist und einstige Dozent für Kriegsrecht berichtet von irritierten Fragen seiner Studenten: "Wenn Folter falsch ist, was ist dann mit '24'?" Besonderer Beliebtheit, behauptet der Dozent Gary Solis, erfreue sich eine Szene, in der Bauer in den Verhörraum stürmte und einen Verdächtigen ins Bein schießt - prompt legt der ein Geständnis ab. "Dann muss ich sie daran erinnern, dass sie ihr professionelles Leben nicht nach einer Fernsehshow ausrichten können," erklärte Solis gerade gegenüber dem Magazin "New Yorker."

Damit das inoffizielle Serienmotto ("Whatever it takes - Was immer nötig ist") nicht zur Standardmethode des US-Militärs wird, reiste Finnegan, begleitet von drei erfahrenen Verhörspezialisten, zu "Real Time Entertainment" in Kalifornien. Die Crew von "24" hielt den General, der in voller Uniform erschien, zunächst für einen Statisten.

Der Rest des Treffens verlief nicht viel ermutigender. Eindringlich warnte Tony Lagouranis, bis 2004 selbst einer der Vernehmer im berüchtigten Abu-Ghuraib-Gefängnis in Bagdad, vor der Wirkung der Fernseh-Folter. Genau solche Bilder, so Lagouranis, hätten seinen Kollegen als Inspiration gedient: "Sie schauten es sich an und dann praktizierten sie, was sie gerade gesehen hatten." Statt der von Bauer praktizierten Methoden empfahl West Point 17 weniger brutale Verhörmethoden - darunter den Vorschlag, den Verdächtigen eine Postkarte nach Hause schreiben zu lassen. Die Produzenten der Show zeigten sich jedoch mehr daran interessiert, ob das Militär nun wirklich ein ultra-geheimes Wahrheitsserum besitzt.

Trotz der Intervention will Fox an dem Skript nichts ändern, auch den Vorschlag, Sutherland alias Jack Bauer in West Point vor den Studenten jeglicher Art von Folter abzuschwören zu lassen, wurde abgelehnt. Surnow, der sich selbst gern einen "rechtsgerichteten Verrückten" nennt, verteidigt die Exzesse mit dem besonderen Clou der Sendung – stets gehe es um das Szenario der "tickenden Zeitbombe." In einer solchen Situation sei es unmoralisch, nicht zu foltern, behauptet er. So ähnlich begründet auch Präsident Bush bis heute die Weigerung der CIA, einige besonders umstrittene Verhörmethoden endgültig zu verbieten.

Bagdad-Veteran Lagouranis beschleicht inzwischen der Verdacht, dass der Besuch am Set von Beginn an eine "Mission Impossible" war: "Die haben da diese Geldmaschine, und dann kommen wir und sagen, das ist aber unmoralisch. Die "Washington Post" höhnte diese Woche, die Delegation hätte ihre Tour besser in Guantánamo oder in einem der Geheimgefängnisse der CIA begonnen, statt in Hollywood. Um die angeblich so verführbaren Kadetten zu schützen, riet das Blatt, jetzt auch auf "Superman" auf den Index zu setzen: "Sonst versuchen sie noch, aus dem Fenster zu fliegen oder Kugeln abzufangen."

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