"Thüringer Allgemeine" Abgesetzter Chefredakteur wirft WAZ-Gruppe Nazi-Methoden vor

Einer der profiliertesten Chefredakteure Ostdeutschlands wird überraschend abberufen: Bei der "Thüringer Allgemeinen" in Erfurt wird Sergej Lochthofen vom Chef der "Braunschweiger Zeitung" abgelöst - auch seine Frau verliert ihren Posten. Für Lochthofen "Sippenhaft wie bei den Nazis".

Sergej Lochthofen (hier 2003): "Stuhl vor die Tür gestellt"
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Sergej Lochthofen (hier 2003): "Stuhl vor die Tür gestellt"


Hamburg/Berlin/Erfurt - Der langjährige Chefredakteur der "Thüringer Allgemeinen", Sergej Lochthofen, 56, wird zum 1. Januar 2010 abgelöst. Auch seine Frau Antje-Maria Lochthofen, stellvertretende Chefredakteurin bei der "Thüringer Allgemeinen", verliert ihren Posten.

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sagte Lochthofen: "Ich bin emotional schwer getroffen. Noch mehr aber beschäftigt mich, dass meine Frau mit mir den Stuhl vor die Tür gestellt bekommt. Das ist Sippenhaft wie bei den Nazis." Lochthofen verwies auf seinen Vater, der in der Sowjetunion 20 Jahre inhaftiert gewesen sei: "Dass es unter Stalin Sippenhaft gab, das wusste ich."

Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE sagte ein WAZ-Sprecher: "Wir weisen diese Vorwürfe mit Empörung zurück."

Lochthofens Nachfolger wird zum Jahreswechsel der Chefredakteur der "Braunschweiger Zeitung", Paul-Josef Raue, 59. Das teilte die WAZ-Mediengruppe am Donnerstag in Essen und Erfurt mit.

Lochthofen solle nach dem Wunsch der Geschäftsführung eine andere Aufgabe innerhalb der Gruppe übernehmen, die seinen Kenntnissen und Fähigkeiten entspreche.

Zur Zukunft von Antje-Maria Lochthofen sagte der WAZ-Sprecher: "Es werden Gespräche geführt mit dem Ziel einer einvernehmlichen Lösung." Ihre Abberufung verteidigt das Unternehmen mit dem Hinweis auf den neuen Chef Raue: "Es ist das Privileg eines Chefredakteurs, sich mit Vertrauten seiner Wahl zu umgeben."

Krisensitzung in Erfurt

Eine Begründung für seine Ablösung sei ihm nicht mitgeteilt worden, sagte Sergej Lochthofen. Er behalte sich rechtliche Schritte vor, möchte aber zuerst mit dem WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach sprechen.

Die WAZ-Mediengruppe bezeichnete den Schritt in einer Pressemitteilung als Teil "eines seit längerem andauernden Erneuerungsprozesses." Weitere Details wollte das Unternehmen nicht mitteilen.

In Thüringen erscheinen drei Titel der WAZ-Gruppe. Die "Thüringer Allgemeine" hat nach Angaben ihres Chefredakteurs eine verkaufte Auflage von insgesamt rund 180.000 Exemplaren.

Lochthofen war seit 1990 im Amt. Er hat nach eigener Aussage den Titel der Zeitung, die zu DDR-Zeiten "Das Volk" hieß und als erstes Ost-Blatt unabhängig wurde, selbst ausgesucht.

Mit der wirtschaftlichen Situation der "Thüringer Allgemeinen" könne seine Entlassung nicht begründet werden, meint Sergej Lochthofen: "Im Gegensatz zu den nordrhein-westfälischen Titeln der WAZ-Gruppe stehen wir gut da." Das Unternehmen wollte diese Behauptung nicht kommentieren.

In Erfurt berät die Redaktion der "Thüringer Allgemeinen" derzeit in einer Krisensitzung über Protestmaßnahmen gegen die Absetzung Lochthofens.

sha/dpa

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