Tigerbalsam statt Jogi-Tee Lauter brüllen, Löwchen!

Wer ist eigentlich der Kerl, dem wir seit zwei Jahren vertrauen? Jogi ist intelligent, rhetorisch versiert, kann lachen, weinen, hat Witz: der idealtypische deutsche Mann 2008. Nur müsste Löw öfter den Tiger rauslassen - wie beim Österreich-Eklat.

Von Reinhard Mohr


Nein, die SPD unter dem Unglücksraben Kurt Beck ist nicht an allem Schuld. Nicht einmal Andrea Nahles oder die rot-rote "Walden-Connection" vom Prenzlauer Berg.

Bundestrainer Löw: Zu viel Urs Siegenthaler und zu wenig Jürgen Klinsmann?
DDP

Bundestrainer Löw: Zu viel Urs Siegenthaler und zu wenig Jürgen Klinsmann?

Seit die deutsche Fußballnationalmannschaft wie unter einer Käseglocke, ängstlich, ohne Schwung und ohne die legendäre sommerliche Leichtigkeit von 2006 zu agieren scheint, stellt sich die Frage: Ist womöglich zu viel Jogi-Tee schuld, zu viel System und Sorge, Taktik und Verständnis? Zu viel Gefühl und zu wenig Härte? Zu viel perfekte Vorbereitung und zu wenig Sturm und Drang?

Kurz: zu viel Urs Siegenthaler und zu wenig Jürgen Klinsmann?

Trotz des 1:0 über Österreich und angesichts der portugiesischen Herausforderung von Ronaldo & Co. heute Abend fragen sich immer mehr unter den Millionen deutschen Co-Trainern zwischen Sofa und Tresen, was mit Jogi Löw los ist, besser noch: Wer eigentlich ist der Mann, dem wir seit zwei Jahren vertrauen?

"Weil die beide Tränär sich angeschrieen aben" - in fast perfektem Deutsch begründete der frankophone Uefa-Sprecher mit dem Aussehen eines Sparkassen-Schalterbeamten aus Lausanne im Trainee-Status Jogi Löws einmalige Spielsperre (Begründung im Wortlaut...). Ist er also der tobende Derwisch von der Coaching-Zone, den man auf die Tribüne wegsperren muss, um den europäischen Fußballfrieden zu retten? Oder ist er der sanfte Jogi, der immer alles gut erklären kann, selbst Dinge, die man, wie das Kroatienspiel und die ostinate Formschwäche von Mario Gomez, eigentlich nicht mehr erklären kann?

Im Grunde ist Jogi Löw genau jener Mann, von dem Ina Deter, die postfeministische Sirene der deutschen Popmusik, 1983 träumte: "Neue Männer braucht das Land" sang sie laut und holprig: "Ich sprüh’s auf jede Wand"... "Kratze es in Birkenrinden/Wo kann ich was Liebes finden/Schreib’s in Gold auf die Altäre/Ich komme nicht mit der Schere".

Birken, Altäre, Schere – hier mag der Fußballfreund ebenso staunen wie der Liebhaber gelungener Verse, aber es kam ja nur auf den Refrain an – und die versteckte Botschaft: Männer sollten nicht mehr vor allem groß und stark sein, sondern "was Liebes".

Äonen entfernt von stumpfen "Sauerkraut-Germans"

Und ohne ihm zu nahe treten zu wollen: Der Jogi ist durchaus lieb, will sagen: sehr nett und sympathisch, dazu intelligent, klug und rhetorisch versiert. Er kann lachen und weinen, hat Humor, und wenn man den Beobachtern vor Ort glauben mag, ist er auch zu klaren, unmissverständlichen Worten fähig.

Aber er ist kein Macho, kein lonesome wolf, der seine Anweisungen aus der Lederjacke heraus brummt, sondern sensibel, emotional, dialogbereit, selbstkritisch und teamfähig. Er hört auf Experten, leidet und lebt in der Gruppe. Dem vierten Offiziellen an der Seitenlinie hat er laut Selbstauskunft gleich "in mehreren Sprachen" zu erklären versucht, dass er "nur in Ruhe seine Arbeit tun will" – Jogi Löw ist natürlich auch ein guter, aufgeklärter und polyglotter Deutscher, Äonen entfernt von jenen teutonisch-stumpfen "Sauerkraut-Germans", die immer noch durch englische Spielfilme geistern.

Er hat sogar Stil und Sinn für Mode. Seine weißen Hemden sitzen stets wie angegossen. Kurz: Er achtet auf sich in jeder denkbaren Situation.

Mehr geht ja kaum, und wer nur einen Augenblick an den verdrucksten Berti Vogts zurückdenkt, an 0:0-Jupp Derwall im Adidas-Trainingsanzug, an den stocksteifen "Sir" Erich Ribbeck oder die Prollversion à la "Tante Käthe" alias Rudi Völler, der sehnt sich nicht nach den angeblich guten alten Zeiten zurück. Die Älteren unter uns wissen zudem: Auch unter Helmut Schön gab es manch bösen Grottenkick. Selbst Paule Breitner hat die eine oder andere Bananenflanke in die Plantage gesetzt, und auch das Duo Netzer/Overath verhakte sich nicht selten im offensiven Mittelfeld.

Unterschwellig depressiv, mental nicht auf der Höhe?

Kurz: Jogi Löw ist ein guter Bundestrainer und der idealtypische deutsche Mann 2008 sowieso.

Aber das ist vielleicht auch sein Problem – und unser Problem dazu.

Man kann eben nicht alles planen, nicht alles richtig machen, an alles denken, immer ruhig und gelassen bleiben. "Entscheidend" ist nicht nur "auf'm Platz", wie die unsterbliche Fußballerweisheit sagt, sondern auch "im Bauch".

Jeder, der schon mal selbst gekickt hat, weiß: Wo eine Wille ist, ist auch ein Weg. Zuletzt haben das die Türken gezeigt, die die sorgfältige Spielplanung und die ausgeklügelte Resultatsverwaltung der taktisch klugen Tschechen in der letzten Viertelstunde einfach überrannt haben. Hier wirkte die Metaphysik der Muskelkraft - ein Triumph der Waden. Nicht zuletzt: Die Symphonie schwebender Bälle, die am Ende fast wie von selbst ins Netz des Gegners fliegen.

Dieses Moment des Fliegens fehlt der deutschen Mannschaft, und es mag nicht zuletzt daran liegen, dass die Leidenschaft unter all dem Wägen und Planen auf der Strecke geblieben ist. Mein Internist wagte gestern sogar eine schnelle Ferndiagnose: "Unterschwellig depressiv" kämen ihm einige Spieler vor, "mental nicht auf der Höhe". Zu sehr seien sie offenbar mit sich selbst beschäftigt.

Auch im Jogi steckt ein Tiger

Das könnte, mit Verlaub, auch ein Jogi-Problem sein. Manchmal ist es womöglich gar nicht so sinnvoll, sich allzu sehr in die Einzelheiten zu vertiefen, alles zu problematisieren und zu reflektieren. Es kann kein Zufall sein, dass die drei, vier besten deutschen Spieler – Ballack, Mertesacker, Lahm und Podolski – entweder halbwegs mit sich im Reinen sind oder, wie Poldi, gar nicht darüber nachdenken, welche Probleme sie haben könnten, um "ihre Leistung voll abzurufen".

Poldi ruft gar nicht erst an, sondern geht einfach auf den Platz.

Ein bisschen erinnert all das dann aber doch wieder an die SPD: Jeder Appell, sich nicht mehr mit sich selbst zu beschäftigen, sondern mit dem politischen Gegner, endet schnurstracks in der nächsten Schleife aus Verstolpern und Verkrampfen, Fehlpass und Selbstblockade. Von der SPD lernen hieße ausnahmsweise also: siegen lernen.

Will sagen: Auch im Jogi steckt ein Tiger. Lasst ihn endlich raus. Jetzt erst recht.

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
nicknock, 19.06.2008
1. käseglocke
Zitat von sysopWer ist eigentlich der Kerl, dem wir seit zwei Jahren vertrauen? Jogi ist intelligent, rhetorisch versiert, kann lachen, weinen, hat Witz: der idealtypische deutsche Mann 2008. Nur müsste Löw öfter den Tiger rauslassen - wie beim Österreich-Eklat. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,560645,00.html
yo, das muss es wohl sein: mit mehr härte lässt sich die sommerliche leichtigkeit sicher erzwingen.
taffy-61 19.06.2008
2. Der Löwen-Jogi...
Löw ist ein eloquentes Weichei. Dass Klinsmanns erfolgreiche Linie mit ihm fortgesetzt wurde, war vollkommen in Ordnung. Allerdings waren ja in den letzten beiden Jahren eine Menge druckfreie Luftnummern-Spiele dabei. Jogi, der Schönwetter-Trainer. Und jetzt heißt es eben "Hic Rhodos, hic salta" und ich befürchte, wir sind am Ende der Fahnenstange. Die letzten 15 Minuten, die die türkischen Sportskameraden hingelegt haben... sowas von "Show of Force" und Willen werden wir unter diesem Bundestrainer NIE zu sehen bekommen, das wage ich als seit Jahrzehnten unter allen bisherigen Trainer "dienender" Fan mal zu prognostizieren. Ein Frauenversteher als Leitwolf... geht halt mal gar nicht. Der DfB ist ja selten clever, hat aber mit Sammer einen "harten Hund" auf Abruf verfügbar. Mal sehen, was nach einem Ausscheiden heute passiert... Löw wäre anzuraten, den Hut freiwillig zu nehmen.
superdoc, 19.06.2008
3. Leichte kognitive Verzerrungen...?
Zitat SPON: "Jogi ist intelligent, rhetorisch versiert, kann lachen, weinen, hat Witz: der idealtypische deutsche Mann 2008." Reden wir hier wirklich von ein und derselben Person? Naja, andererseits las ich auch gerade auf MSN, dass Gülcan Ürgendwas und Collien Fernandez "Stil-Ikonen" sind... So betrachtet, wird wieder ein Schuh daraus.
Cupseller 19.06.2008
4. der Lehrling des Tigers...
Jogi Löw ist der Lehrling des Tigers Klinsmann, mit dem er am Spielfeldrand jubeln durfte, wie ein Besessener, was ihm heute nur in Ansätzen gelingt... und prompt wird er dabei auch noch auffällig...Klinsmann hat maximales, schnelles Spiel verlangt und es bekommen,kraft seiner Persönlichkeit und seiner Begeisterungsfähigkeit, die heutigen Strategen sind Meister der Bedächtigkeit und des Erklärens, warum etwas nicht geht...
Schubidu123 19.06.2008
5. Na Super, Spiegel..
...jetzt hab ich die ganze Zeit den dusseligen Ina-Deter-Song im Kopf, und dazu das Bild vom Trainer vor Augen. Also das hat er nicht verdient, selbst wenn wir heute ausscheiden.
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