Sexismusvorwürfe gegen Nobelpreisträger Chance vertan

Der Nobelpreisträger Tim Hunt äußert sich herablassend über weibliche Kollegen. Die Medien empören sich, seine Uni distanziert sich. Reine Symbolpolitik. Die Chance auf eine echte Diskussion über Machismo in der Wissenschaft wurde vertan.

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Nobelpreisträger Hunt: Glücksfall für jeden Diskurs um Gleichberechtigung
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Nobelpreisträger Hunt: Glücksfall für jeden Diskurs um Gleichberechtigung


"Ich bin erledigt", sagte Tim Hunt am Wochenende in der britischen Zeitung "The Observer". Es sind die Worte eines Mannes, der nicht mehr begreift, wie ihm geschieht.

Der 72-jährige Biochemiker und Nobelpreisträger hatte auf einer Konferenz getrennte Labore für Frauen und Männer vorgeschlagen. Denn: "Drei Dinge passieren, wenn sie im Labor sind: Du verliebst dich in sie, sie verlieben sich in dich und wenn du sie kritisierst, fangen sie an zu heulen." Es folgten Sexismus-Vorwürfe in Shitstorm-Dimension, Hunt trat als Honorarprofessor am University College London (UCL) zurück. Und sagte dem "Observer", dass es kein freiwilliger Abgang war, vielmehr sei ihm nahegelegt geworden zu gehen. "Ich fühle mich im Stich gelassen."

Worte, die davon zeugen, dass er nicht verstanden hat, worum es hier eigentlich geht - nicht um ihn, sondern um Diskriminierung von Frauen im Wissenschaftsbetrieb. Das Problem aber ist: Ähnliches gilt für die, die ihn so rigoros abstraften. Die Kündigung ist für Hunt, der im besten Fall als ein aus der Zeit gefallener Mann dargestellt wird, im schlechtesten als echter Frauenhasser, eine individuelle Katastrophe. Für den Kampf gegen Diskriminierung von Frauen in der Wissenschaft ist sie ein Rückfall.

Denn ob und inwieweit Hunt in seiner Funktion als Wissenschaftler, Leiter von Forschungsgruppen und Honorarprofessor an der UCL Frauen weniger ernst nahm als Männer, sie diskriminierte und Karrieren verbaute, ist nach wie vor ungeklärt. Mittlerweile haben sich sogar einige Frauen zu seiner Verteidigung gemeldet. Hunt wurde auch nicht deshalb die Kündigung nahegelegt, weil ihm die Benachteiligung von Frauen nachgewiesen worden war. Hunt musste gehen, weil er auf einer Konferenz ungeschickt genug gewesen war, etwas Sexistisches nicht nur zu denken, sondern auch öffentlich auszusprechen.

Ein Glücksfall für jeden Diskurs um Gleichberechtigung

Im Grunde hätte Hunt für jeden Diskurs um Gleichberechtigung ein Glücksfall sein können: An Menschen, die so wenig sensibilisiert sind für die Finessen politischer Korrektheit, manifestieren sich gesellschaftliche Abgründe immer ziemlich gut. Nur hatte niemand Interesse, diesen ernsthaft auf den Grund zu gehen - die Chance wurde vertan, weil die öffentliche Geste und das öffentliche Versichern, selbst auf der richtigen Seite zu stehen, viel wichtiger genommen wurde: Erst distanzierte sich die Royal Society, in der "Sir Tim" Mitglied ist, dann das UCL.

Eine Frage, die man Hunt auf einem öffentlichen Podium hätte stellen können, um ihn inhaltlich zu entlarven, statt einfach nur moralisch abzustrafen: Wieso denkt er, dass Frauen bei Kritik weinen?

Worüber man auch sprechen sollte: Warum das UCL erst auf Hunt reagierte, als auf einmal auch der eigene Ruf in Gefahr war. In der Mitteilung der Uni wurde natürlich beflissen darauf hingewiesen, dass das UCL die erste britische Uni gewesen sei, an der Frauen unter den gleichen Bedingungen studieren konnten wie Männer. Man sei überzeugt, dass der Rücktritt von Hunt dem Engagement der Uni für Gleichberechtigung entspreche. Das ist reine Symbolpolitik einer Einrichtung, die einen Mann mit möglicherweise ziemlich fragwürdigen Vorstellungen von Frauen so lange getragen hat, bis der öffentlich aus der Rolle fiel.

Verantwortliches Verhalten gegenüber langjährigen Beschäftigten sieht anders aus. Insofern hat Hunt sogar Recht, wenn er sich im "Observer" darüber beschwert, seine Uni habe ihn im Stich gelassen. Aber sie hat auch alle anderen, die ein ernsthaftes Interesse an gerechteren Verhältnissen in der Wissenschaft fordern, im Stich gelassen.

Zur Autorin
  • Eva Thöne
    Eva Thöne ist Autorin für SPIEGEL ONLINE und schreibt über Pop und Feminismus.



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moneysac123 15.06.2015
1.
wo äußert er sich bitte herablassend?? Er hat recht wenn er sagt, dass sich leute verlieben wenn sie in mixed teams arbeiten und natürlich weinen sie wenn man sie kritisiert. das ist insoweit viel zu normal, als dass es überhaupt eine erwähnung wert ist, geschweige denn die erwähnung der zitate
lupidus 15.06.2015
2.
ähm seit wann geht es den feministischen, rosinen pickenden, wahrheitsverdrehenden aufschreierinnen um einen diskurs ? opfer-täter-schemata werden da auf teufel-komm-raus an den haaren bis zur schnappatmung herbeigezogen. verleumdungen werden rausposaunt und gar nicht mehr hinterfragt. wer es doch tut ist automatisch mitschuldig. hin und wieder wird eben ein mann unschuldig verleumdet oder ins gefängnis geworfen, wen juckts, hauptsache die "sache" kommt voran. wie war das mit kachelmann oder dem unschuldigen lehrer, der daran zerbrochen ist ? nicht ein einziges wort der hinterfragung oder entschuldigung kam von den "aktvistinnen". und dann wundern sie sich, wenn sie nicht ernstgenommen werden. und kein gesetz kann jemanden dazu zwingen.
Kismett 15.06.2015
3. Ist eine weitere Genderdiskussion wirklich nötig?
"Die Chance auf eine echte Diskussion über Machismo in der Wissenschaft wurde vertan." Eine Diskussion darüber soll wieder das beschämende Ergebnis von nun über 100 Jahren Tätigkeit von Frauen in der Wissenschaft vernebeln. Keine einzige Frau hat in dieser Zeit trotz aller Förderung tatsächlich einen bemerkenswerten eigenen Beitrag zur Wissensschöpfung beigetragen. Entweder waren sie in der Schleppe vom Ehemann oder zufällig mit einer Nebentätigkeit beteiligt. Sie haben nur das Mittelmass und das Geschnatter verbreitet.
Ich_sag_mal 15.06.2015
4. Zivilcourage fordern aber dann!
"Drei Dinge passieren, wenn sie im Labor sind: Du verliebst dich in sie, sie verlieben sich in dich und wenn du sie kritisierst, fangen sie an zu heulen." Was ist daran sexistisch oder diskriminierend. Es ist eine Beschreibung, nichts als Realität.
Marianne Rosenberg 15.06.2015
5. Der Zusammenhang
machts aus: in welchem Kontext hat er das denn gesagt? War es ein Witz? Selbst wenn nicht: er beschreibt doch nur, was er erlebt hat. Freie Meinungsäußerung? Prrrrffffttt....
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