"Tim & Struppi"-Schöpfer Hergé "Er trieb ihn mit der Peitsche an"

Es war eine Hassliebe, die Hergé mit seinen Figuren "Tim & Struppi" verband. Zum 100. Geburtstag des Zeichners spricht Tintin-Experte Michael Farr über den wenig bekannten Menschen hinter dem Werk, dessen Pfadfindertugenden und sein legendäres Archiv.


SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich das Hergé-Archiv vorstellen?

Farr: Hergé orientierte sich daran, wie Zeitungsbüros zu seiner Zeit archivierten. Auf brauner Pappe oder weißem Papier klebte man Artikel und Bilder zu jedem denkbaren Thema auf und heftete sie ab. Genau so führte Hergé sein privates Archiv von 1928 bis zu seinem Tod 1983. Es war allerdings nicht alphabetisch sortiert und auch sonst nach keiner verbreiteten Methode. Hergé sortierte danach, was ihn interessierte. Es gibt zum Beispiel einen Ordner zu Fahrscheinen, der Zugtickets, Bustickets, Flugtickets aus aller Welt enthält. Er bewahrte auch viele Kataloge auf, zum Beispiel solche für Außenbordmotoren. Das Archiv ist riesig und sehr subjektiv zusammengestellt, von ihm für seinen Gebrauch und für den Gebrauch von niemand sonst.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach einer Manie, einer Daten-Manie.

Farr: Hergé war ein Faktizist. Er interessierte sich für alles – was Leute trugen, wie sie aussahen, was in der Welt geschah, aktuelle Nachrichten, Musik. Sein Archiv speicherte die Dinge, die um ihn waren.

SPIEGEL ONLINE: Woran glaubte der Mensch Hergé?

Farr: Er glaubte an Moral und Werte. Aber er war nicht religiös im Sinne des Kirchgängers. Er war in einem katholischen Land in eine katholische Familie geboren, ging auf eine katholische Schule, schloss sich katholischen Pfadfindern an, arbeitete für eine katholische Zeitung. Alles um ihn herum war katholisch. Aber er ging nie zur Kirche. Woran immer er glaubte, war sehr persönlich und tief in ihm. Als Hergé jung war, waren die Pfadfinder sehr populär. Hergé übernahm für sich den moralischen Code, der den Jungs dort beigebracht wurde, und übertrug ihn später auf seine Figur Tim. In späteren Lebensjahren war Hergé sehr fasziniert von östlicher Philosophie, von Zen-Buddhismus und Taoismus.

SPIEGEL ONLINE: War es reines Interesse am Buddhismus oder schon religiöses Verhalten?

Farr: Interesse an Werten und Moral. Er fand diese Werte im Buddhismus ebenso wie bei den Pfadfindern und in manchen Dingen auch im Christentum. Er war sicher nicht an eine Religion gebunden. Ihm ging es um den Platz des Menschen in der sehr unperfekten Welt, die er um sich herum sah. Er war eine sehr sensitive Person, Ungerechtigkeit und alles Schlechte regten ihn auf.

SPIEGEL ONLINE: Waren die Tim-Bücher eine Antwort auf oder eine Flucht vor dieser unperfekten Welt?

Farr: Hergé sagte selber, Tim sei sein Alter Ego. Tim ging für ihn in die Welt, um Dinge zu richten. Er unterstützte Minderheiten, wie die Zigeuner in "Die Diamanten der Sängerin", oder die Chinesen in "Der blaue Lotos". Er unterstützte die Underdogs.

SPIEGEL ONLINE: Immer wieder tauchen, teilweise surreale, Träume in Hergés Comics auf. Was faszinierte ihn an Träumen?

Farr: Er nahm Träume sehr ernst. Als seine erste Ehe nach dem Krieg zerbrach, fühlte er sich sehr unwohl. Er fühlte sich gleichzeitig von anderen Frauen angezogen, aber auch schuldig deswegen. In den Träumen tauchte seine Frau auf und hielt ihm sein Verhalten vor. Das war sehr erdrückend und führte beinahe zu einem Nervenzusammenbruch. Er hatte dann, was Psychologen "weiße Aussetzer" nennen: Alles im Traum wird weiß. Ein Psychologe riet ihm, Tim aufzugeben, um von den Träumen loszukommen. Hergé sandte Tim stattdessen nach Tibet, um dort seinen verschollenen Freund Tschang aus "Der blaute Lotos" zu finden. Und in Tims Tibet gab es all diesen Schnee. Hergé zeichnete die weißen Aussetzer aus seinen Träumen in den Comic und überwand so seine Krise.

SPIEGEL ONLINE: Hergé sagte einmal "Tim, das bin ich!"

Farr: Ja, in der Art, wie es Flaubert bezüglich "Madame Bovary" meinte. Alles von ihm war in diesem Charakter. Deshalb wollte er auch, dass Tim mit ihm stirbt.

SPIEGEL ONLINE: Liest man die Bücher chronologisch, sieht man wie Hergé sich als Künstler verändert. Tim aber bleibt immer gleich. Es entsteht also eine immer größere Distanz zwischen den beiden.

Farr: Es war die Grundkonzeption von Tim als Charakter, dass er sich nicht ändern sollte. Das betrifft auch die Art, wie er gezeichnet wurde: ein runder Kopf, Punktaugen, Knopfnase. Tintin sollte ein Held sein, mit dem sich die Leser – und zwar vorrangig Kinder – identifizieren sollten. Hergé kompensierte diese Starre, indem er Charaktere schuf, die das exakte Gegenteil von Tim waren. Kapitän Haddock ist das beste Beispiel. Man sieht jede Falte in seinem Gesicht. Er altert auch in den Büchern. Auch die Castafiore verändert sich äußerlich sehr stark. Sie wirkt in späteren Büchern sehr viel glamouröser. Der Hauptcharakter ist also anonym und von unbestimmtem Alter, aber die Charaktere um ihn herum kompensieren seine Einfachheit.

SPIEGEL ONLINE: Insgesamt gesehen - war es eine Hassliebe zwischen Hergé und Tim?

Farr: Es wurde zu einer. Zu Anfang genoss Hergé Tim. Er hatte unglaublichen Spaß und war überrascht von dem sofortigen Erfolg seiner Geschichten. Aber nach dem Krieg wollte er nur noch weg von Tim. Er fand es sehr fordernd, jede Woche zwei Seiten zu produzieren. Es gibt eine Zeichnung von ihm sitzend am Schreibtisch, an der Arbeit zu Tim – und Tim sitzt auf einem Buch auf seinem Schreibtisch und treibt ihn mit einer Peitsche an. Hergé wurde geradezu gezwungen, Tim fortzusetzen. Ab da wurde es eine Hassliebe.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnte man einen erfolgreichen Künstler wie Hergé zu einer Arbeit zwingen?

Farr: Das waren wieder Hergés Moralvorstellungen. Er hasste es, Menschen zu enttäuschen. Wenn es ein Wort gibt, das ihn menschlich zusammenfasst, dann ist das "Loyalität". Wieder ein Einfluss der Pfadfinder. Das bereitete ihm viele Scherereien nach dem Krieg, denn eine Menge seiner Freunde aus Vorkriegstagen waren Kollaborateure unter der deutschen Besatzung gewesen. Aber statt sich von ihnen abzuwenden, blieb er ihnen verbunden. Ebenso seinen Lesern. Er bekam jeden Tag Post, Briefe von Kindern aus aller Welt, die ihn fragten, was Tim als nächstes erleben würde. Er konnte diese Menschen nicht enttäuschen.

Das Interview führte Stefan Pannor


Michael Farr: "Auf den Spuren von 'Tim & Struppi'", Carlsen Comics, 204 Seiten, 35 Euro



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