Europäische Ehrung Timothy Garton Ash erhält den Karlspreis

"Englischer Europäer und europäischer Engländer": Der Historiker Timothy Garton Ash erhält den Karlspreis für seine Bemühungen um ein starkes, kritisches, dialogbereites Europa.

Timothy Garton Ash
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Timothy Garton Ash


Wie fremd vielen Briten der Kontinent ist, zeigte zuletzt die Brexit-Entscheidung in diesem Jahr. Der britische Historiker und Publizist Timothy Garton Ash hat in seinen Büchern indes immer für ein starkes, vereintes Europa geworben. Er steht für fundierte Informationen vor allem zu Osteuropa und zu der deutschen Vereinigung.

Der 61-jährige Professor leitet ein Zentrum für europäische Studien an der Universität Oxford und gilt als einer der aktuell wichtigsten Geschichtsforscher. In seinen Büchern wirbt er für einen freien Austausch der Meinungen im Internet trotz aller Missbrauchsversuche für Hassbotschaften.

Jetzt erhält Garton Ash den Karlspreis 2017. Das Werk des herausragenden Wissenschaftlers sei Anstoß einer vor allem in Europa notwendigen Debatte über Normen und Werte, begründete das Karlspreis-Direktorium die Entscheidung. Der Karlspreis wird seit 1950 für besondere Verdienste um die europäische Einigung verliehen.

"Er tritt dafür ein, dass die Demokratie und ihre Prinzipien, eine liberale und offene Debattenkultur sowie die Verteidigung der Wahrheit gegenüber der Lüge in der Kommunikation erhalten bleiben", heißt es weiter in der Begründung. "Garton Ash bietet den Populisten und Vereinfachern unserer Zeit die Stirn und entwickelt Ideen wie wir uns in der globalisierten Welt verhalten sollten."

Der Geisteswissenschaftler leiste wertvolle Beiträge zum Selbstverständnis Europas. Das Brexit-Votum der Briten im Juni habe der bedeutende "englische Europäer und europäische Engländer" als größte Niederlage seines politischen Lebens bezeichnet. Er wolle aber nicht aufgeben, für eine enge Bindung des Vereinten Königreichs und der EU einzutreten.

Garton Ash spricht Deutsch und Polnisch - seine Frau stammt aus Krakau - und ist regelmäßig für Informationsreisen und Diskussionen in Deutschland. "Schuld" an seinem Interesse an Deutschland sei der Schriftsteller Thomas Mann gewesen, sagt er. Für seine Doktorarbeit recherchierte er 1978 in West- und Ost-Berlin und geriet ins Visier der Stasi. Im Buch "Akte Romeo" beschreibt Ash die Suche nach seinen Stasi-Akten und die nachträgliche Auseinandersetzung mit den auf ihn angesetzten Stasi-Spitzeln. Zu den bekanntesten Werken in Deutschland zählen"Ein Jahrhundert wird abgewählt" mit Reportagen aus "den Zentren Mitteleuropas" und "Redefreiheit" zum Austausch im Netz.

Der Brite ist der 59. Träger des Preises, der nach Kaiser Karl dem Großen (747/748 - 814) benannt ist. Im vergangenen Jahr war Papst Franziskus in Rom mit dem Preis ausgezeichnet worden.

cbu/dpa



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