"Titanic"-Hausbesuche in Hessen Gestatten, Bökel, Bökel und Bökel

"Sei nicht dumm, wähl nicht das Ekel, wähle lieber Gerhard Bökel!" Im Selbstversuch prüften Redakteure des Satiremagazins "Titanic" die Popularität des hessischen SPD-Spitzenkandidaten. Fazit: Der Herausforderer von Ministerpräsident Roland Koch bei den Landtagswahlen scheint seiner potenziellen Wählerschaft weitgehend unbekannt zu sein.

Von Kristina Wahl


Die falschen Bökels: "Bökel, Bökel, Bökel, Bökel, Bökels Neue, Bökel, v.l.n.r." ("Titanic"-Originalbildunterschrift)
Titanic

Die falschen Bökels: "Bökel, Bökel, Bökel, Bökel, Bökels Neue, Bökel, v.l.n.r." ("Titanic"-Originalbildunterschrift)

Frankfurt - Bewaffnet mit roten Nelken, selbstbeklebten SPD-Streichholzschachteln, SPD-Logos, aussagekräftigen Autogrammkarten und einem überzeugenden Wahlslogan "(Warum nicht mal Bökel wählen? Na?") gaben sich sechs "Titanic"-Mitarbeiter abwechselnd als Gerhard Bökel aus und versuchten, den ohnehin "vergurkten" Wahlkampf der SPD zu retten. In billige Polyester-Anzüge gekleidet zogen drei Zweierteams bürgernah durch Frankfurt-Bornheim und machten in insgesamt 20 Haushalten Stimmung für die Sozialdemokraten. In keiner Weise gaben sie sich dabei Mühe, dem 56-jährigen Spitzenkandidaten der Hessen-SPD ähnlich zu sehen. Warum auch? "Den Dings, den kennt ja niemand, diesen Bökel", ätzte "Titanic"-Chefredakteur Martin Sonneborn.

Er behielt Recht. "Es hat sich leider gezeigt, was wir vermutet haben." Der Gegenspieler von "Hessen-Hitler Roland Koch" ("Titanic") sei selbst unter SPD-Wählern und Parteimitgliedern "derart unbekannt, dass er sich selbst beim morgendlichen Blick in den Spiegel nicht erkennen würde", befand Sonneborn.

Gefälschte Bökel-Autogrammkarte (mit "Titanic"-Redakteur): Allgemeinplätze, die niemandem weh tun
Titanic

Gefälschte Bökel-Autogrammkarte (mit "Titanic"-Redakteur): Allgemeinplätze, die niemandem weh tun

In der Tat: Keiner der Hausbesuchten, vom 21-jährigen Abiturienten über den 35-jährigen Vertreter bis zur 102-jährigen Oma stellte die Identität des vermeintlichen Spitzenpolitikers in Frage: "Ja, sicher kenn ich Sie!" Oft wurden die falschen Bökels sogar aus dem Fernsehen "wiedererkannt". Dabei müssen die bürgernahen Fake-Politiker ein recht skurriles Bild abgegeben haben. Denn "Titanic"-Redakteure sehen nicht unbedingt so aus, wie man sich respektable Politiker vorstellt. Dennoch führten die Satiriker selbst überzeugte Genossen an der Nase herum.

Vielerorts stießen die Bökels zwar auf Ablehnung und wurden gar nicht erst hereingebeten. Fanden sie allerdings Einlass in die guten Stuben der Frankfurter, konnten sie zumeist für die SPD punkten. 15 Stimmen hätten die Redakteure der SPD durch ihren Einsatz gesichert, berichtet Sonneborn stolz. Die Dreistigkeit der Redakteure wurde oft für bare Münze genommen: "Guten Tag, Gerhard Bökel, ich bin Ihr Spitzenkandidat. Darf ich Ihnen diese Wahlkampf-Nelke überreichen? Und hätten Sie vielleicht Lust, mich dafür am 2. Februar zu wählen? Dafür gab es bei einem Wähler erst mal einen Schnaps und wertvolle Ratschläge für einen erfolgreichen Wahlkampf: "Die Außenwerbung, schwaches Bild. Du musst mal aus der Defensive herauskommen."

Der echte Bökel: Selbst eingefleischte SPD-Anhänger wissen nicht, wie er aussieht
DDP

Der echte Bökel: Selbst eingefleischte SPD-Anhänger wissen nicht, wie er aussieht

Ob Politikverdrossenheit oder schlichte Naivität, fast alle fielen auf die Bökel-Doubles rein. "Tschüss, Herr Bökel, ich gönn' Ihnen 90 Prozent. Ich wähl' Sie auf jeden Fall!", rief ein Heimgesuchter den "Titanic"-Redakteuren zum Abschied hinterher. Denn: "Wer will schon einen Ministerpräsidenten, der aussieht wie Koch?" Einer fand sogar, dass Bökel "in echt" viel besser aussehe als auf den Plakaten.

Selbst bei offensichtlichem Unfug blieben die potenziellen Wähler arglos: "Wenn wir nicht in der SPD wären, würden wir auch lieber Koch wählen. Aber wir sind natürlich SPD, dann wär's ja Quatsch." Dieses falsche Bökel-Zitat leuchtete ein. Auch die noch so schwachsinnigste Autogrammkarte stieß auf Anklang: "Möglicherweise besser als irgend jemand anderes" oder "Bekannt durch diese Karte", "Weil die SPD keinen anderen hat" und "Mein Motto, ihr Motto" lauteten die Slogans. Allgemeinplätze, die niemandem weh tun.

Nach der "Titanic"-Aktion stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien die hessische Wählerschaft eigentlich ihr Kreuzchen macht. Der "echte" Bökel-Slogan wirkt in diesem Zusammenhang jedenfalls fast zynisch: "Weil es um Menschen geht". Der Spitzenkandidat ist zumindest auch einigen eingefleischten SPD-Anhängern weitgehend unbekannt, ergab der "Titanic"-Test. Beste Chancen also für die CDU. Die Erlebnisse der wackeren Wahlkämpfer sind in der neuen "Titanic"-Ausgabe (erscheint am 31. Januar) nachzulesen. Titel: "Schweinchen Babe will's noch mal wissen". Titelheld: Hessens Ministerpräsident Roland Koch...

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