"Titanic"-Chef über Islam-Titel "Muslime als säbelschwingende Irre? Das ist rassistisch"

Verstehen die Muslime einfach keine westliche Satire? Im Interview spricht "Titanic"-Chefredakteur Leo Fischer über den Islam-Titel des Satiremagazins, die Mohammed-Karikaturen in "Charlie Hebdo" und die Gefahr von Applaus von Marine Le Pen.

Titanic

SPIEGEL ONLINE: Wie finden Sie die Mohammed-Karikaturen in "Charlie Hebdo"?

Fischer: Das sind keine Karikaturen, die in "Titanic" erscheinen könnten. Sie sind relativ einfach gestrickt. Angesichts der Proteste in der muslimischen Welt, bei denen es sogar Tote gab, sind die Veröffentlichungen allerdings eine relativ harmlose und friedliche Reaktion. Die Leute von "Charlie Hebdo" haben niemanden getötet.

SPIEGEL ONLINE: Die Sache ist zweischneidig. Auf der einen Seite berufen sich die Satiriker von "Charlie Hebdo" auf die Pressefreiheit, auf der anderen Seite heizen sie islamfeindliche Stimmungen an.

Fischer: Applaus von der falschen Seite möchte niemand bekommen. Wenn Satire einfach so im luftleeren Raum dumpfe Stimmungen anspricht, ist es rechte Satire. Und Beleidigung ohne jeden Anlass ist zudem langweilig. Als wir den Papst-Titel gemacht haben...

SPIEGEL ONLINE: ...auf dem Titel ihrer Juli-Ausgabe zeigten sie Benedikt XVI. mit Urinfleck auf der Soutane...

Fischer: ...wurde uns vorgeworfen: Mit Mohammed hättet ihr euch das nicht getraut. Es war allerdings eine Satire vor dem konkreten Hintergrund der Vatileaks-Affäre. Jetzt ist Mohammed in aller Munde, darauf reagieren wir. Billige Schmähfilme wie "Innocence of Muslims" heizen weltweit die Stimmung an - es könnte sein, dass in diesem Fahrwasser auch Bettina Wulff anfängt, sich mit billiger Islamkriktik zu profilieren. Das lehnen wir ab.

SPIEGEL ONLINE: Ist es denn Mohammed, der auf ihrem Titel zu sehen ist?

Fischer: Das weiß ich nicht genau. Das ist eine Filmszene.

SPIEGEL ONLINE: Es könnte allerdings sein, dass nicht alle Muslime weltweit Ihren Humor verstehen.

Fischer: Das kann passieren. Aber wir schlagen uns ja auf die Seite der Protestierer. Ich fürchte, dass Bettina Wulff dem Aufruhr in der muslimischen Welt neuen Schwung verleihen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Oder es ist die "Titanic", die diesen Aufruhr wieder anfacht.

Fischer: Wir sehen uns absolut auf der Seite der Rechtgläubigen.

SPIEGEL ONLINE: Und auch auf der Seite derer, die mit Islamwitzen ihre Auflage steigern?

Fischer: Bisher hat "Titanic" noch keine ausgeprägte deutschislamische Leserschaft. Wenn wir auf diese Weise muslimische Satirefreunde als Abonnenten gewinnen können, habe ich nichts dagegen.

SPIEGEL ONLINE: Das Cover von "Charlie Hebdo" zeigt neben dem Muslim im Rollstuhl auch einen Juden - mit der Zeile, man dürfe sich über beide nicht lustigmachen. Ist das nicht die typische rechte Stammtischthese, man dürfe über Juden und Muslime nicht frei reden?

Fischer: Das Titelbild verstehe ich anders. Es ist eine Anspielung auf dem Film "Ziemlich beste Freunde."

SPIEGEL ONLINE: "Titanic" jedenfalls ist nicht für ihre Judenwitze bekannt.

Fischer: Da irren Sie sich. Auf dem Höhepunkt der Affäre um Günter Grass' Gedicht "Was gesagt werden muss" hatten wir auf dem Titel die Zeile "Die Wahrheit über Juden."

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht ist sich Grass ja sogar mit "Charlie Hebdo" einig, dass man nicht frei über Juden reden darf.

Fischer: Das ist allerdings völlig grotesk. Ständig behaupten Leute in aller Öffentlichkeit, man dürfe Israel nicht kritisieren. Grass hat Israel in der "Süddeutschen Zeitung" kritisiert. Ist das keine Öffentlichkeit?

SPIEGEL ONLINE: "Charlie Hebdo" erhält in Frankreich nun Zuspruch von der extremen Rechten, von Marine Le Pen.

Fischer: Die hängen sich da dankbar dran. Das ist eine durchschaubare Strategie.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie persönlich sich eigentlich von extremen Islamisten bedroht?

Fischer: Ich halte die Erwartung, dass europäische Muslime säbelschwingende Irre sind, für rassistisch. Ich setze auf ihr Verständnis - und ihre Gleichgültigkeit.

Das Interview führte Sebastian Hammelehle

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