Tod von "Penthouse"-Gründer Guccione Von einem, der auszog, Amerika auszuziehen

Er war der Gegenspieler des "Playboy"-Erfinders Hugh Hefner: Mit "Penthouse" verdiente Bob Guccione Millionen von Dollar - doch dem steilen Aufstieg folgte ein bitterer Niedergang. Jetzt ist Bob Guccione in Texas gestorben.

AP

Hamburg/Dallas - Für das kulturelle Selbstverständnis des späten 20. Jahrhunderts war die Frage in manchen Kreisen fast so bedeutend wie die, ob man Pepsi oder Coke, Burger King oder McDonald's, Prince oder Michael Jackson bevorzuge: "Penthouse" oder "Playboy"?

Bob Guccione, als Cartoonist und Manager einer Kette von chemischen Reinigungen nicht übermäßig erfolgreich, gründete "Penthouse" 1965 in London. Er habe dem seinerzeit als Hochglanzprodukt geltenden "Playboy" eine bodenständigere Konkurrenz entgegensetzen wollen, berichtete er später. 1969 kam das Blatt erstmals auch in Gucciones Heimatland, den USA, auf den Markt.

Seine Fotoästhetik galt als direkter und provokativer als die des "Playboy" - auf dem Höhepunkt der Sexwelle der späten Sechziger setzte Guccione, anders als Hugh Hefners Blatt, auf unverhüllte Geschlechtsteile. Die Konkurrenz zog nach - und so war es eigentlich Gucciones Verdienst, dass amerikanische GIs auf die Frage, welche Veränderung in ihrer Heimat ihnen während des Vietnam-Kriegs am meisten aufgefallen sei, antworten konnten: "Schamhaare im 'Playboy'."

Der Verleger selbst pflegte die typische Latin-Lover-Ästhetik der siebziger Jahre: Besuchern zeigte er sich in weit aufgeknöpftem Seidenhemd, engen Lederhosen und weißen Boots, selbstverständlich ohne Socken. An einer Halskette trug er, so berichtete eine frühere Mitarbeiterin in "Vanity Fair", eine Nachbildung seines eigenen Geschlechtsteils - vergoldet.

"Financial Times" im Sexclub

Gucciones publizistische Weggefährtin war seine Frau Kathy Keeton. Er hatte die Südafrikanerin 1965 in der Garderobe eines Londoner Nachtclubs kennengelernt. Weniger die Tanzkünste seiner späteren Frau haben ihn beeindruckt, erzählte Guccione später, sondern die augenscheinlich gründlich gelesenen Ausgaben der "Financial Times", die dort herumlagen.

Keeton brachte die Geschäftstüchtigkeit mit, die dem dilettierenden Künstler Guccione fehlte. Gemeinsam gründeten die beiden "Penthouse" - noch am Erscheinungstag waren alle 120.000 Exemplare der Startauflage ausverkauft.

Was damals als sensationell galt, markiert heute einen historischen Tiefstand: 2010 verkaufte die amerikanische Ausgabe von "Penthouse" durchschnittlich 178.000 Exemplare pro Monat.

Im Zenit stand Gucciones Karriere im September 1984: Eine Ausgabe mit Nacktaufnahmen von Vanessa Williams, der ersten schwarzen Miss America, verkaufte sich annähernd sechs Millionen Mal. Guccione, 1930 in Brooklyn geboren, galt als einer der reichsten Männer der USA. Sein Verlagsimperium General Media wurde auf einen Wert von 300 Millionen Dollar geschätzt, die Gesamtauflage der Guccione-Blätter (dazu gehörte zeitweilig auch das Alternative-Rock-Magazin "Spin") weltweit auf fast fünf Millionen. "Penthouse" erschien in 16 Ländern.

Mini-Atomreaktor vom "Penthouse"-Verleger

Gucciones Idole waren Caligula, einer der berüchtigsten römischen Kaiser, und der schillernde Milliardär Howard Hughes. 1979 erlebte Guccione mit der Verfilmung des Lebens von Caligula seine erste große Pleite: Das halbpornografische Historienepos von Tinto Brass, unter anderem mit Peter O'Toole und Hellen Mirren in den Hauptrollen, brachte einen Verlust von mehr als 17 Millionen Dollar. Auch mit einem Casino-Projekt in Atlantic City verlor der "Penthouse"-Verleger Millionen. Gucciones kurioseste, nicht weniger verlustträchtige Idee allerdings war, 82 Wissenschaftler mit der Entwicklung eines Mini-Atomreaktors zu beauftragen, der kostengünstige Energie liefern sollte - der Plan wurde bekanntlich nie umgesetzt.

Gucciones Aufstieg folgte ein geradezu romanhafter Niedergang: Steuerschulden, Nachstellungen von Sittenwächtern während der späten Reagan-Jahre. 1997 starb seine Frau Kathy Keeton; 1998 erkrankte Guccione selbst an Krebs. Auflagen und Umsätze des "Penthouse"-Imperiums gingen mit dem Siegeszug weltweit frei im Internet verfügbarer Pornografie massiv zurück. Seine auf einen Wert von 150 Millionen Dollar geschätzte Kunstsammlung mit Werken von Degas, Renoir und Picasso musste Guccione 2002 verkaufen.

2004 schied er aus seinem Unternehmen aus. Seine Anteile übernahm der Investor Marc Bell. 2006 erzwangen Gläubiger den Verkauf von Gucciones Luxuswohnung in Manhattan, die Einrichtungsgegenstände wurden 2009 versteigert - für einen Bruchteil ihres ursprünglichen Werts. Jetzt hatte der "Penthouse"-Verleger nicht mal mehr ein Penthouse. Guccione verließ seine Heimatstadt New York und verbrachte seine letzten Lebensmonate in Texas.

Wie seine Familie mitteilte, ist Bob Guccione nun in einem Krankenhaus im texanischen Plano gestorben. Er wurde 79 Jahre alt.

Sein Nachfolger Bell hatte im Sommer 2010 auch dem "Playboy" ein Übernahmeangebot gemacht. Dessen Gründer Hugh Hefner lehnte ab. So musste Guccione zwar den Verfall seines Lebenswerks mitansehen - die Vereinigung von "Penthouse" mit seinem größten Konkurrenten aber, die blieb ihm erspart.

sha/AP



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