Toiletten-Kunst Die Not stinkt zum Himmel

2,6 Milliarden Menschen leben immer noch ohne richtiges WC - ein Griff ins Klo für die Entwicklungshilfe. Die German Toilet Organization will Abhilfe schaffen - mit einer delikaten Kunstaktion am Potsdamer Platz.

Von Daniel Haas


Jack Sim hat ein Faible für schmutzige Geschäfte. Wenn der Unternehmer aus Singapur über Fäkalien und Verdauung, Abwasser und Toiletten spricht, dann leuchten seine Augen. "Schauen Sie, der macht es falsch!", sagt er und zeigt auf eine der 35 Figuren, die seit gestern den Potsdamer Platz bevölkern. "In dieser vornübergebeugten Haltung werden die Innereien zusammengedrückt, eine komplette Darmentleerung ist dann nicht möglich."

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Toiletten-Ausstellung: Schiss haben für die Kunst
Der Betroffene kann es leider nicht hören: Er ist aus Holz und Plastik und steht für das neue Bewusstsein, das die German Toilet Organization mit Sims Hilfe fördern will. 2,6 Milliarden Menschen leben nach wie vor ohne angemessene Toilette, die gesundheitlichen Folgen - vor allem für alte Menschen, Frauen und Kinder in Entwicklungsländern - sind fatal.

Aber auch Deutschland muss in Sachen WC-Kultur die Hosen runter lassen. Die öffentliche Notdurfteinrichtungen sind schlecht konstruiert, oft verwahrlost und zudem geprägt von urinalem Machismo: Frauenklos sind aufgrund von Raummangel grundsätzlich überfüllt, Behinderten-WCs eine Seltenheit und meist auf Rollstuhlfahrer zugeschnitten.

Deshalb die Pappkameraden, die sich vor dem Crown Plaza Hotel notdürftig hinter einer Tüte, einem Stein oder einer Aktentasche verstecken. "Where would you hide?" ist der Titel der Ausstellung, und natürlich hat jeder sie schon gehabt: die Angst, bei einer perestaltischen Aktion in publico erwischt zu werden.

Verstecken wollen sich Sim, der 2001 die World Toilet Organization gegründet hat, und seine deutschen Mitstreiter nicht: Man hat eine Mission von nicht nur entwicklungspolitischem und wirtschaftlichem, sondern auch kulturellem, ja sprachtheoretischem Format. Dass die Lage buchstäblich beschissen ist, weiß man dabei schon länger: In Indien verrichten 700 Millionen Menschen ihr Geschäft im Freien, täglich sterben weltweit 6000 Kinder an leicht vermeidbaren Krankheiten wie Diarrhöe. Auch dass WC-Hygiene einen Wirtschaftsfaktor darstellt, ist bekannt: In Städten mit schlechter Kanalisation bleiben die Investoren fern. "Wenn man nicht auf die Toilette gehen kann", so Entrepreneur Sim, "kann man nicht produktiv arbeiten."

Schwer verdaulich - nicht nur für Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Politik - ist das Thema jedoch bereits auf rhetorischer Ebene: "Eine gesellschaftsfähige Sprache rund ums Klo existiert einfach nicht", erklärte Thilo Panzerbieter, Sprecher der German Toilet Organization. Tatsächlich sind die gängigen Vokabeln für unser Geschäft entweder vulgär, unklar, kindlich verniedlichend oder Wortmonstren des ärztlichen Fachjargons ("Defäkation").

Für Sim kommt vor der Toiletten- deshalb die Gesprächskultur: "Kinder lernen von früh an: Sprich nicht über solche Sachen", sagt der Aktivist. "Aber nur wer darüber spricht, kann lernen." Die Ordnung des Diskurses, das weiß Sim, hat uns im Griff: Wenn gesellschaftliche und kulturelle Konstellationen bestimmte Themen und Redeweisen tabuisieren, wird über die Worte auch die Wirklichkeit verdrängt. Sie kehrt dann allenthalben in Form zotiger Folklore zurück oder gerinnt zur Drohformel: Wenn du nicht studierst, wirst du Toiletten putzen, heißt ein Merksatz schwarzer Pädagogik, den auch Sim zu hören bekam. "Falsch!", sagt er, "man braucht Know-how, um eine Toilette instand zu halten, gut ausgebildete Fachkräfte. Die sollten nicht Klofrauen - oder männer, sondern WC-Manager heißen."

Die Misere der Terminologie ist zudem eine der Ikonografie: "Wasser ist leben", lautet das Motto einer aktuellen Unicef-Kampagne - Abwasser markiert in unserem kulturellen Bilderhaushalt dementsprechend das genaue Gegenteil: Schmutz, Verfall, Krankheit. Die Konzentration der Entwicklungshilfe auf Wasserversorgung bei gleichzeitiger Vernachlässigung eines angemessenen Abwassermanagements ist also auch ein Dilemma der medialen Repräsentation. Welcher Politiker lässt sich schon gern vor einer Toilette ablichten, wenn er einen Brunnen einweihen kann?

Sim hat kein Image-Problem, die Semiotik des Stuhlgangs und der verwandten Themen meistert er so unbeschwert, als ginge es um Kosmetik. Natürlich würden die Leute sich erst einmal lustig machen, wenn von einer Welt-Toiletten-Organisation die Rede ist, aber nach dem Ulk käme das Interesse. Humor sei das beste Mittel zur Förderung delikater Projekte, sagt er, das habe er von einem thailändischen Senator gelernt, der sich für die kostenlose Verteilung von Kondomen einsetzte. "Sei bereit, mit den Leuten über dich Witze zu machen. Denn danach werden sie dir zuhören", sagt er stolz. Dann stellt er sich schützend vor eine Figur und lacht.



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