Toilettenmonumente in Kenia Bürgerbewegung auf dem Klo

Was haben Demokratie und politische Unabhängigkeit mit Toiletten zu tun? Eine ganze Menge! In der kenianischen Hauptstadt Nairobi baut der Unternehmer David Kuria "Ikotoilets" - gepflegte, monumentale Gebäude, die sich nicht nur zu Zentren für die erwartbaren Geschäfte entwickeln.

Rafael Ziegler

Stellen Sie sich vor, das erste Monument einer Metropole ist eine Toilette - und alle gehen hin. 2010 besuchten über eine Million Nutzer die "Toilettenmonumente" in Kenias Hauptstadt Nairobi - von Sozialunternehmer David Kuria gebaute öffentliche Toiletten. Damit sind seine "Toilet Monuments" die meistbesuchten Begegnungsstätten der kenianischen Hauptstadt. Doch Kuria will noch mehr: Seine Monumente sollen zu einer Demokratisierung der Politik beitragen. Sanitärversorgung, sagt Kuria, Gandhi zitierend, ist wichtiger als Unabhängigkeit.

Kenia erlangte 1963 die Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft. Aber allein die Befreiung von Fremdherrschaft kann die Frage, was für Freiheiten denn nun im positiven Sinne gefordert werden, nicht ersetzen. Unabhängigkeit ohne angemessene Ernährung, Wasserversorgung und Behausung ist kein zukunftsfähiges Ideal. Und eben auch nicht ohne einen geschützten Raum für die Notdurft.

Im Umfeld der Toiletten blüht das Geschäft

Aber welche Unabhängigkeitsbewegung kämpft schon für Toiletten? Wir reden lieber vage über Unabhängigkeit als konkret über Toiletten, selbst dann, wenn sie sich - wie die öffentlichen Toiletten in Kenia - in desolatem Zustand befinden. Dennoch ist Unabhängigkeit ohne die Befriedigung von Grundbedürfnissen nicht dauerhaft möglich. Also was tun? Kurias Idee: Toilettenmonumente. Seit 2007 baut der Architekt mit seinem Unternehmen Ecotact tatsächliche Bedürfnisanstalten: Sie bieten saubere Toiletten für Frauen und Männer, eine Dusche, eine Behindertentoilette, Waschbecken und Seife - und sie stechen gleichzeitig im Stadtbild hervor. Kurias wuchtige "Ikotoilets" stehen an zentralen Plätzen Nairobis.

Sie integrieren gleichzeitig Schuhputzservice, Getränke und "Airtime" für Mobiltelefone in der zugehörigen "Toilet Mall". Kurias Toiletten, sagt anerkennend ein Souvenirverkäufer in Nairobis Central Park, sind ein echtes Geschäft und ziehen daher weitere Unternehmen an. Das Nairobi City Council erhält jeden Monat Anträge für die Eröffnung oder Übernahme weiterer öffentlicher Toiletten.

Der Souvenirverkäufer arbeitet neben dem Nyayo-Monument, das an die ersten Jahre der Regierung von Arap Moi (1978 bis 2002) erinnert. Welches Bedürfnis es heute noch erfüllen soll, scheint die jetzige politische Klasse freilich vergessen zu haben: Von dem gewaltigen Denkmal bröckeln die Fliesen. Ganz im Gegensatz dazu werden die "Ikotoilets" permanent von Putzmännern und Putzfrauen gewartet. Denn der Erhalt von Kurias Toiletten-Monumenten hängt auch davon ab, ob ausreichend Sauberkeit und Sicherheit die Zahlungswilligkeit der Nutzer erhält. Fünf Shilling (etwa vier Euro-Cent) kostet ein Besuch. In fünf Jahren muss Ecotact die Baukosten - rund 18.000 Euro pro Monument - für die Toiletten wieder einnehmen und gleichzeitig die laufenden Kosten tragen. Kuria ist mit der Stadt Nairobi eine Public-Private Partnership eingegangen. Ein Geschäftsmodell "purely on hygiene", rein auf Hygiene gegründet, wie er sagt.

Das Ziel: Lohn für die Notdurft

Purely ("rein") ist ein Lieblingsadjektiv von Kuria. Urin und Fäkalien sind für ihn Ressourcen. Sein Ziel: die Besucher seiner Monumente für ihre Ressourcen bezahlen zu können. Um aus dem in den Toiletten gesammelten Urin Dünger herstellen zu können, kooperiert Ecotact mit der Jomo Kenyatta Universität in einem Forschungsprojekt. Außerdem hat das Unternehmen an erste Toiletten Biogasanlagen angeschlossen.

Im Frühjahr 2011 wurde am Markt von Dagoreti in der Peripherie Nairobis eines der jüngsten Toilettenmonumente eröffnet, es ist das höchste Gebäude auf dem Marktplatz, von überall sichtbar wie die Kirche in einer europäischen Stadt. Und wie diese sofort erkennbar. Die Grundstruktur deutet das Dach einer traditionellen Hütte an, erklärt Gerald Ndung'u, Architekt bei Ecotact: Unabhängigkeit beginne zu Hause. Die Grundfarbe Ziegelrot erinnert an die rote kenianische Erde - und schluckt den in Nairobi allgegenwärtigen Staub.

Auf dem Markt von Dagoreti erzählt eine Verkäuferin, dass sie bisher an Markttagen möglichst nichts gegessen und getrunken habe, um nur nicht auf die Toilette zu müssen. Die alte öffentliche Toilette auf dem Markt sei in einem unwürdigen Zustand. Mit Blick auf die neue "Ikotoilet" habe sie sich zunächst gefragt, ob hier ein Hotel oder eine Bank eröffnet werde. Die Toilettenmonumente werden in einer Reihe mit den Tempeln moderner Städte wahrgenommen.

Aber sind sie deswegen ein weiterer Beleg für die Entweihung alles Heiligen in der Kultur des Kapitalismus? Kurias Prachtstück, eine "Ikotoilet" mit Säulen, steht gegenüber dem Hilton-Hotelturm in Nairobis Central Business District. Sie ist im Gegensatz zur gegenüberliegenden Nobel-Herberge fast allen Kenianern zugänglich. Die Toilette wird so auch zum egalitären Gegenmonument für den Alltag.

Die "Family-Mega-Card" für Slum-Bewohner

Fünf Shilling sind ein Preis, den viele Kenianer gerne für saubere und sichere Toiletten ausgeben und dafür sogar dankbar sind. "Great job, proud to be Kenyian", hat eine Frau in eines der Gästebücher der Toilette geschrieben. In der Stadt Nanyuki sollte eine "Ikotoilet" geschlossen werden. Daraufhin kam es zu einer Demonstration, die erfolgreich die Wiedereröffnung der Toilette einforderte.

Fünf Shilling sind andererseits viel Geld für die Bewohner der Slums von Nairobi. Neben den dünnen, grauen und dicht aneinandergebauten Häusern des Slums von Mathare ist die "Ikotoilet" ein farbiger Fremdkörper. Kuria versucht es hier mit einer "Family-Mega-Card": Familien können ein Monatsabo für einen Euro kaufen. Die Toiletten werden durchaus genutzt, besonders früh morgens und spät abends, wenn die Bewohner von oft weit entfernten Arbeitsplätzen zurückkehren. Doch genau hier, wo die Not am Größten ist, versagt das Geschäftsmodell. Bisher hat Kuria keinen Shilling aus den Familienabos erhalten.

Dennoch ist es die "Slumtoilette", auf die sich die internationale Wahrnehmung zumeist konzentriert. Kuria wird gelobt als Ghetto-Entrepreneur, geboren in Kibera, dem berühmt-berüchtigtsten Slum, wo er Toiletten baue. Tatsächlich ist Kuria weder in Kibera geboren, noch steht dort bisher eine "Ikotoilet". Denn auch Kuria steht in den Slums vor riesigen Herausforderungen.

Der Kampf gegen die Stadtverwaltung

Und damit kommen wir zurück zu Gandhi: Sind Toiletten wichtiger als Unabhängigkeit? Unabhängigkeit erfordert selbstbestimmte, geregelte Landnutzung. Genau diese fehlt in den "informal settlements", wie die kenianische Politik die Armenviertel nennt, und damit die Slums gleichzeitig tendenziell ignoriert. Dementsprechend gibt es für die "Ikotoilet" in Mathare keinen Vertrag, und kein Kanalisationssystem. Nairobis Wasserversorgungsgesellschaft hat im August 2010 sogar die Wasserhähne aus der Toilette reißen lassen - wegen eines Streits über die Wasserentnahme.

Unabhängigkeit im Sinne geregelter Landnutzung ist genauso wichtig wie Toiletten - oder, um Ghandis These zu variieren, Unabhängigkeit und Toiletten sind gleich wichtig: Es geht um sich gegenseitig verstärkende Freiheiten. Der Schriftsteller Ngugi Wa Thiong'o hat die komplexen Motive der kenianischen Unabhängigkeitsbewegung in zahlreichen Werken analysiert: Freiheit von Fremdherrschaft, aber auch Sicherheit, Familie, Arbeit und Kollaboration. Dafür wurde er von der kenianischen Regierung 1977 ins Gefängnis geworfen. Im Gefängnis schrieb er einen Roman - auf Toilettenpapier.



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