Serie "Das Wort" Jesus war nicht tolerant

Ständig wird von ihr gesprochen und ständig wird sie von allen Seiten eingefordert: Die Toleranz. Aber was bedeutet das Wort eigentlich? Eine Begriffsanalyse von Jan Hedde.

Sticker für Toleranz
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Sticker für Toleranz


Kaum eine Haltung hat eine derartig steile Karriere aufzuweisen - die der Toleranz. Sie gilt als Tugend, wenn nicht sogar die Tugend. Wer nicht tolerant ist, hat es zu Recht schwer; kein reflektierter Mensch wird sich selbst als intolerant bezeichnen, und schon leise geäußerte Zweifel an der Toleranz sind sozial desintegrierend.

Toleranz wird geübt gegenüber anderen Meinungen und Ideen, aber auch Menschen anderer Hautfarbe, sexueller Orientierung und Religion, Ethnie, Weltanschauung, Herkunft, Abstammung, gegenüber Menschen jeder Nationalität und jeden Geschlechts, jeden Alters und jeder Behinderung. Kurz: Toleranz übt, wer Teil der Mehrheit ist und Toleranz genießt, wer davon abweicht.

Dabei schleichen sich in die Wahrnehmung dieses Begriffes Ungenauigkeiten ein, durch nachlässige Verwendung verursacht, aber auch durch Überladung mit anderem, was wünschenswert, aber nicht zugehörig ist.

Zunächst ist Toleranz entgegen der weitverbreiteten Meinung nämlich keine Tugend. Weder geistliche noch weltliche Aufzählungen der Tugenden nennen sie.

Toleranz ist eine Haltung eigener Art, deren Qualität die Neuzeit geschaffen hat. Die Antike kennt diese Toleranz nicht. Jesus war nicht tolerant, Jesus war demütig und duldsam. Galerius, der römische Kaiser, der im Jahr 311 verfügte, dass Christen von nun an nicht mehr zerhackt und verbrannt würden, war nicht tolerant, er war klug. In dem von William Penn im 17. Jahrhundert als "heiliges Experiment" gegründeten Staat Pennsylvania galt volle Toleranz, allerdings nur in Bezug auf Religionen.

Die Toleranz ist ein Produkt der Aufklärung, also des ausgehenden 18. Jahrhunderts - allerdings mit dem Fokus auf Religion und Weltanschauungen. Eingeschränkt war die Toleranzidee zu der Zeit aber noch weiter durch die Anwendung auf das Verhältnis zwischen Gruppen, also beispielsweise Katholiken und Juden oder Protestanten und Baptisten. John Stuart Mill radikalisierte im 19. Jahrhundert den Begriff: Er wendet ihn auf Gruppen und Einzelne an. Das ist im Wesentlichen der heutige Stand.

Toleranz urteilt nicht, sondern sieht

Klugheit, Duldsamkeit, Demut und Toleranz harmonieren, bedingen einander aber nicht. Toleranz meint, in Ableitung von ihrer wörtlichen Herkunft, ein Dulden und Ertragen. Toleranz ist demnach Neutralität, nicht die der gottgefälligen Seele, sondern des aufgeklärten Verstandes. Toleranz urteilt nicht, sondern sieht. Toleranz ist ihrer Natur nach passiv und eignet sich nicht zur Rettung anderer.

Dementsprechend ist Toleranz eine lösbare Aufgabe.

Goethe ist in seinen "Maximen und Reflexionen" der Meinung, Toleranz solle nur eine vorübergehende Gesinnung sein, sie müsse zur Anerkennung führen. Nur Dulden heiße Beleidigen. Es fällt auf, dass sich Goethe nicht zur Frage äußert, was mit dem nicht Tolerierbaren zu geschehen habe. Für ihn ist alles Geistige tolerierbar und anerkennenswert, ohne Unterschied nach künstlerischer, religiöser oder politischer Überzeugung. Für ihn gibt es nichts, was nicht tolerierbar ist, keinen Gedanken, kein Wort, keine Idee. Was immer auch gedacht oder gesagt wird, ist anerkennenswert, weil es von einem Individuum gedacht oder gesagt ist. Diese Haltung zeigt einen fundamentalen Respekt für alles Menschliche und ist Humanismus in reinster Form.

Toleranz ist in der Gegenwart ein täglich verwendeter, positiver Kampfbegriff. Tolerantsein wird gefordert, und das mit guten Gründen. Leider gehen die Essenz des Begriffes und seine Nützlichkeit dadurch weitgehend verloren.

Der Toleranz wird meist ein Objekt beigegeben, dem gegenüber Toleranz zu üben ist. Flüchtlinge stehen aktuell hoch im Kurs, einige religiöse Minderheiten, generell alle für schwach erklärten Menschen. Sie sollen nicht angegriffen werden, sondern im Gegenteil beschützt und willkommen geheißen, versorgt, getröstet, integriert. Alle diese gesellschaftlichen Ziele sind lebens- und erstrebenswert, aber eben nicht Gegenstand von Toleranz.

Man kann einen Flüchtling nicht tolerieren, denn sein Schicksal ist eine Tatsache, ebenso wie es die Hautfarbe, Herkunft oder das Geschlecht eines Menschen ist. Die Frage nach der Toleranz stellt sich nicht, weil Tolerieren oder Nicht-Tolerieren keinen Unterschied macht: Die Tatsache bleibt. Der Begriff hat deshalb ausschließlich das Geistige zum Inhalt.

Toleranz ist die Haltung des aufgeklärten, wachen Individuums, das sich selbst im anderen erkennen kann. Sie ist keine Klasseneigenschaft, sondern Staatsräson, nicht parteilich, sondern unparteiisch. Toleranz ist die Fantasie, dass man auch auf der anderen Seite stehen könnte.

Unglücklich dagegen ist das kämpferische "Keine Toleranz der Intoleranz!", denn auch dieser Parole liegt ein schiefes Verständnis des Begriffes zugrunde. Meist auf Nazis und deren Mitläufer gemünzt, drückt er eine an sich begrüßenswerte Haltung aus, die aber ihre Spur verliert. Denn meist ist das, was als Intoleranz bezeichnet wird, nicht Gedanke oder Wort, sondern Handlung im tatsächlichen Sinne oder Delikt. Dann ist es keine Frage der Meinung, sondern ein Fall für das Gericht. Keine Gesellschaft muss Angriffe auf sich hinnehmen.

Toleranz endet beim Nicht-Tolerierbaren, das seiner Natur nach nicht geduldet werden kann, weil es die Sphäre von Gedanke und Wort verlassen hat. Wird dagegen nicht Delikt, sondern Meinung als intolerabel bekämpft, negiert sich eine Toleranz, die Toleranz erzwingen will. Es gibt keine An-Sich-Toleranz, die zwischendurch mal Pause macht, ohne ihre Existenz aufzugeben.

Oder: Toleranz ist, wenn's weh tut.

Jan Hedde, 52, ist Jurist und untersucht an dieser Stelle alle zwei Wochen ein Wort.



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