"Topmodel"-Star Darnell Tränen lügen nicht - oder?

Was ist das für ein Mann, der im Fernsehen Tränen zeigt? Auf Heidi Klums Bühne, wo sonst das wahre Leben nur gespielt wird, reifte Bruce Darnell zum authentischen Star - zwischen Illusion und Emotion. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" traf den "Topmodel"-Juroren.

Von Harald Staun


Wer Bruce Darnell treffen will, muss erst an Angelika Mester-Witt vorbei, und wer an Angelika Mester-Witt vorbei will, muss nach Stommeln. Stommeln ist ein Traum für halbherzige Stadtflüchtlinge, zehn Minuten vom Kölner Hauptbahnhof entfernt, Häuser aus roten Klinkersteinen, in den Gärten stehen wettkampftaugliche Planschbecken, es gibt eine hübsche Windmühle aus dem Mittelalter und eine Synagoge, die sich einmal im Jahr der Kunst öffnet.

Wo Stommeln aufhört, liegt die Modelagentur „fashion4art“, die Firma von Mester-Witt, in einer kleinen Villa am Ortsrand. Bruce Darnell sitzt zum verabredeten Interview in einem Ledersessel vor dem Schreibtisch seiner Agentin, und was das Vorbeikommen betrifft, so ist das eher schwierig: Mester-Witt wird während des gesamten Gesprächs an ihrem Schreibtisch sitzen bleiben, als sei das eben so üblich, sie wird ein wenig auf der Tastatur ihres Computers herumtippen und ein paar Akten lochen.

Nur gegen Ende, als die Fragen ein wenig direkter werden, wird sie sich kurz einschalten. Die Anwesenheit der Agentin stört ein wenig die Illusion einer intimen Gesprächssituation, auf die Journalisten sonst Wert legen. Auf seine Antworten hat sie wohl eher keinen direkten Einfluss: Sie kennt Darnell seit 25 Jahren. Sie muss sich gar nicht im selben Raum befinden, um neben ihm zu sitzen.

Was die Intimität betrifft, so muss man die Vorzeichen sowieso umkehren bei einem Mann, der seine persönlichsten Seiten regelmäßig einem Millionenpublikum präsentiert. Als Laufstegtrainer und Jurymitglied entwickelte er sich sehr schnell zum heimlichen Star der Pro-Sieben-Castingshow "Germany’s Next Topmodel", und wenn am kommenden Donnerstag die zweite Staffel zu Ende geht, wird es höchste Zeit, das "heimlich" zu streichen.

"Hat Bruce wieder geweint?"

Darnells Eskapaden sind das eigentliche Spannungsmoment der Sendung, der man längst anmerkt, dass auch die Produzenten den begründeten Verdacht haben, die steigenden Quoten könnten vor allem der Popularität ihres "Running Gags" ("taz") Darnell zu verdanken sein. Nicht nur der professionelle Pannenjäger Raab interessiert sich mittlerweile eher dafür, welche unfreiwilligen Weisheiten das strauchelnde Deutsch des Amerikaners zutage fördert ("Die Handetasche muss lebendisch sein"), als für die völlig undurchschaubare "Entscheidung", wer in die nächste Runde kommt.

Nur als Bühne für Darnells obligatorische Emotionsausbrüche ist der offizielle dramaturgische Höhepunkt noch sehenswert. Beim Schulhofschwatz am Tag nach der Show ist die erste Frage nicht mehr: "Wer ist ausgeschieden?", sondern: "Hat Bruce wieder geweint?" Eine rhetorische Frage: Seine Noten verteilt Darnell regelmäßig in Form von Tränen. Das ist sein Markenzeichen: Er ist der Mann, der im Fernsehen weint.

Und womöglich hat auch die zunehmende Profilierung von Heidi Klum als Scharfrichterin damit zu tun, dass die Rolle der liebevollen Beichttante inzwischen an Bruce vergeben wurde. Zum Interview bestellt er grünen Tee, er sitzt auf seinem Sessel in der beneidenswert aufrechten Haltung einer Ballettschülerin, er trägt ein weißes Hemd und eine Jeans, er sieht sehr dünn aus, was ausnahmsweise nicht daran liegt, dass das Fernsehen die Menschen in der Regel dicker macht. Alles an Darnell ist irritierend sauber; er ist, was eine große Leistung ist, adretter als die meisten Vorgärten in Stommeln. Und dennoch passt er nicht besonders gut hinein in diese bundesrepublikanische Bausparerromantik.

An Weihnachten in den Keller gesperrt

Aber wahrscheinlich hat Bruce Darnell noch nie irgendwo reingepasst: In seiner Kindheit, verriet er neulich dem Fachmagazin "Bravo", wurde er von seiner Familie geächtet; er wuchs in Colorado auf, als fünftes von zehn Kindern, und dass er als Einziger nicht der Sohn seines Vaters war, das ließ ihn der Rest der Familie deutlich spüren. Er durfte nicht mit seinen Geschwistern auf der Couch sitzen, an Weihnachten wurde er in den Keller gesperrt. Mit 18 trat Darnell in die Army ein, bei den Fallschirmspringern, und dass er auch dort nicht unbedingt zur Führungspersönlichkeit reifte, das muss er nicht lange erklären.

Nach sechs Jahren verließ er das Militär und ging nach Deutschland. Weitere sechs Jahre jobbte er in Diskotheken, und spätestens wenn er davon erzählt, dass er dort Gläser spülte, bevor er angesprochen und zu einem Casting eingeladen wurde, kommen die ersten leichten Zweifel an der Wahrheit; aber vielleicht ist es dann doch die Wirklichkeit, die so einfallslos ist, immer noch ausgerechnet Tellerwäschern zum Erfolg zu verhelfen.

Es ist nicht leicht zu sagen, wo genau der Kern der Figur "Bruce" liegt, zwischen Karikatur und Maskottchen. Und was von dieser Rolle dem Wesen des Menschen Darnell entspringt, das lässt sich auch nach einem persönlichen Treffen nur ein bisschen besser erahnen. Es ist ja prinzipiell nie ganz zu klären, was das für Gestalten sind, die all die sogenannten Castingshows bevölkern, die Bohlens, "D’s" und Onkel Steins; ob es sich dabei um Privatpersonen handelt, um Schauspieler auf Zeit oder im Gegenteil um eher fiktive Charaktere.



insgesamt 3 Beiträge
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zambucar 20.05.2007
1. Schmerzvolle Tätigkeit
"Topmodel" ist für mich eine Sendung so dümmlich, dass es weh tut, zuzusehen. Das Unwichtigste spiegelt sich in den Gesichtern der Teilnehmer/-Innen als absolute Welt-Wichtigkeit wider. Da wundere ich mich eher, wenn jemand nur in Tränen ausbricht. Wäre diese Dümmliche denen, die in solch einer Show mitarbeitet bewusst,sie würden vor Schmerzen schreien! Doch wen kann das noch wundern. Spätestens seit "Big Brother", "Deutschland sucht den Superstar" und nun "Germany`s next Top Model" leben wir doch in einer Zeit zwischen Wahn und Wirklichkeit. Allerdings, wie mir scheint,laufen wir der Wirklichkeit immer schneller davon. Die Inkarnation der Verdummung unserer Jugend feiert täglich neue Triumphe. Wozu suchen wir für unsere Jugend da noch nach Lehrstellen, haben wir doch genügend Leerstellen. R.Lübbers
Rainer Helmbrecht 20.05.2007
2. Schamlos!!!
Zitat von sysopWas ist das für ein Mann, der im Fernsehen Tränen zeigt? Auf Heidi Klums Bühne, wo sonst das wahre Leben nur gespielt wird, reifte Bruce Darnell zum authentischen Star - zwischen Illusion und Emotion. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" traf den "Topmodel"-Juroren. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,483737,00.html
Die Frage ist nicht ob dieser Mensch weint, sondern wie tief ein Mensch sinken kann. Ich habe (ich schwöre, eine DVD gesehen, die genau da zu Ende war) und diesen Ausschnitt gesehen. Abgesehen davon, dass ich zu weinenden Männer nicht so einen Bezug habe, aber wie in dieser Sendung junge Menschen erniedrigt werden, ist unglaublich. Wir diskutieren über die Würde von zwei menschlichen Zellen und ein Millionen Publikum ergötzt sich daran, wie Juroren künstlich die Spannung steigern um ihren Müll abzusondern. Man verurteilt Jugendliche, die ihre Mitschüler mobben und erniedrigen und gestehen diesen Müll-Werkern eine Sendung zu, die genau dieses Verhalten als gestalterisches Mittel einsetzen. Dieser Beitrag war geeignet erwachsene Männern und Frauen zum Heulen zu bringen. MfG, Rainer
modediktator 20.05.2007
3. Dramaaaa Baby!!!!
Zitat von sysopWas ist das für ein Mann, der im Fernsehen Tränen zeigt? Auf Heidi Klums Bühne, wo sonst das wahre Leben nur gespielt wird, reifte Bruce Darnell zum authentischen Star - zwischen Illusion und Emotion. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" traf den "Topmodel"-Juroren. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,483737,00.html
Der eigentliche Unterhaltungswert von oberzickigen, stutenbissigen Nachwuchsmodels und der bereits sehr voraussehbaren Siegerin einer jeden Staffel ist unglaublich schnell ausgeschöpft. Wäre da kein Bruce Darnell mit seinen schräg zusammengewürfelten Wortkombis, die Sendung würde so schnell ins Nachtprogramm verbannt werden wie seinerzeit “Invasion”…. ;) Klar, für den routinierten SPIEGEL Online Leser ist "Germany's next Topmodel" an Flachheit kaum zu überbieten. Mit Verstand darf man an die Sendung sowieso nicht herangehen - dieser wird nach drei Minuten (spätestens) eh ausgehebelt. Bruce Darnell ist Entertainment und verpaßt der müden Veranstaltung überhaupt irgendeinen Pep. (Bei der Heulnummer zu Mandys Ausscheiden ist es mir allerdings auch fast hochgekommen - das war nicht gerade Oscar verdächtig... ;) )
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