Topographie des Terrors: Glückliches Ende eines Trauerspiels

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Es war ein Berliner Schildbürgerstreich: Ein bereits begonnener Bau für ein NS-Dokumentationszentrum wurde wegen zu hoher Kosten abgerissen, dann geschah jahrelang nichts. Nun soll in Berlin endlich die Stiftung "Topographie des Terrors" eine Heimstatt erhalten.

Berlin - Klaus Wowereit war an diesem Tag ganz selbstkritisch. Die Geschichte eines Dokumentationszentrums für die "Topographie des Terrors" als Erfolg zu bezeichnen "will selbst mir, der sehr optimistisch formulieren kann, sehr, sehr schwerfallen".



Das ist das ehrliche Eingeständnis des Regierenden Bürgermeisters von Berlin für eine Posse, die die Republik jahrelang staunend beobachtete. Nach über einem Jahrzehnt des Fast-Stillstands soll es endlich auf dem Prinz-Albrecht-Gelände vorangehen, wo sich einst die Terrorzentralen des NS-Regimes befanden.

Dort, wo heute ein Reststück der Berliner Mauer steht, hatten Gestapo, Sicherheitsdienst und Reichsicherheitshauptamt von 1933 bis 1945 ihre Herrschaftszentralen. Hier standen einst die Schreibtische der Organisatoren der millionenfachen Vernichtung, Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich. Hier wurden über Zehntausend Menschen zwischen 1933 und 1945 festgehalten, gedemütigt und gefoltert. Heute zeugen nur noch Keller-Überreste davon. Die einst herrschaftlichen und für ihre Politik von den NS-Machthabern missbrauchten Paläste aus dem 19. Jahrhundert fielen dem Abrisswahn nach dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer.

Ein schlichter Bau

Im elften Stock des nahegelegenen Europahauses wurde heute der offizielle Baubeginn verkündet. Eine Powerpoint-Präsentation zeigte das künftige Ausstellungs- und Dokumentationszentrum der Stiftung "Topographie des Terrors". Der Entwurf der Architektin Ursula Wilms aus dem Berliner Büro Heinle, Wischer und Partner ist unscheinbar und unspektakulär. Nichts hat diese Version mehr gemein mit dem Bau, den einst der Schweizer Architekt Peter Zumthor für das Gelände geplant hatte. Sein Projekt, bautechnisch nicht unkompliziert, war vom Unglück begleitet - und von einer Berliner Politik, die sich nach Jahren des freigiebigen Geldverteilens Mitte der Neunziger in Finanznöten wiederfand. Zumthors ambitionierter Bau wurde so, unverschuldet, zum Symbol für das Ende des kurzen goldenen Zeitalters, als viele in Berlin noch glaubten, es würde nach dem Fall der Mauer stetig aufwärts gehen.

Das Gegenteil war der Fall. Die ökonomische Krise fraß sich tief ein in die Hauptstadt.

Eigentlich sollte Zumthors Bau schon 1998 stehen. Das Dokumentationszentrum, das seit 1987, den Feierlichkeiten zum 750-jährigen Jubiläum der Stadt, in einem Provisorium auf dem Gelände untergebracht war, hätte dann erstmals eine feste Heimstatt erhalten.

Doch es kam ganz anders.

Nachdem der Schweizer Zumthor schon 1993 den Wettbewerb gewonnen hatte, beschloss die damalige Große Koalition in Berlin drei Jahre später auf einer Sparklausur, den Beginn des Baus auf das Jahr 2000 zu verschieben.

Öffentlicher Druck und die Sorge um das Ansehen der Stadt sorgten zwar noch für ein Umsteuern und die Freigabe der ersten Millionentranchen. Doch der halbherzige Baubeginn in der Zeit des CDU/SPD-Senats endete schließlich mit der rot-roten Koalition. Der SPD/PDS-Senat unter Wowereit verfügte schließlich einen Baustopp. Es war das Eingeständnis eines grandiosen Scheiterns: Die Kosten des einst auf 45 Millionen Mark taxierten mehrstöckigen Glas- und Stahl-Gebäudes drohten zu explodieren.

Schließlich erfolgte 2004 der Abriss - ein in der Baugeschichte durchaus üblicher, im Falle einer NS-Gedenkstätte aber einmaliger Vorgang. Zumthor erhielt zwar vom Senat eine Abfindung, schied aber im bitteren Streit. Ein Berliner Projekt hatte damit sein schmähliches Ende gefunden.

"Lieber eine Hütte als ein Palast"

Nicht alle waren darüber unglücklich. Der Bau des Schweizers schien vielen Kritikern von Anbeginn zu sehr Symbol an sich zu sein. Wilms hat dagegen einen Funktionskörper vorgelegt - oder, wenn man es bösartig formulieren will, einen schlichten Kasten. Der Abteilungsleiter beim Bundesbeauftragten für Medien und Kultur, Hermann Schäfer, erklärte es heute so: Eine "symbolträchtige Architektur" sei an diesem Ort "nicht angebracht". Damit stand er nicht allein. Der jetzige Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, Andreas Nachama, hatte von Anbeginn an Zumthors Bau gezweifelt. Gegenüber dem "Tagesspiegel" erklärte er jüngst, ihm sei an dieser Stelle eine "Hütte lieber als ein Palast".

Und so wird es geschehen.

Nach Streit und Kampf will man in Berlin nur noch nach vorne blicken. Bereits Ende 2009 soll der Rohbau stehen, möglicherweise nach dem Einziehen der Stiftung zum 65. Ende des Zweiten Weltkriegs am 8./9. Mai 2010 die Eröffnung begangen werden. Rund 19 Millionen Euro wurden für Wilms Bau veranschlagt, die Gesamtkosten teilen sich Bund und Land. Im Erdgeschossbereich des Neubaus wird Platz geschaffen für die Dauerausstellung - und Wechselexponate. Im unteren Bereich zieht die auf 20.000 Bände taxierte Stiftungs-Bibliothek samt Konferenzsaal ein.

Wie so oft, wenn sich architektonischer Durchschnitt durchsetzt, fiel in Berlin heute auf der Pressekonferenz das Stichwort von der "Transparenz". Nachama grenzte sich noch einmal indirekt gegen Zumthors eher geschlossenen Bau ab: Tagsüber hätten die Besucher den Blick frei durch die Fenster auf das Gelände selbst. "Es ist eben nicht irgendeine Blackbox", warb Nachama für den Wilms-Entwurf. Immerhin durfte heute schon einmal Klaus Wowereit zusammen mit dem Staatssekretär im Bundesbauministerium, Engelbert Lütke Daldrup und dem Abteilungsleiter im Kulturstaatsministerium, Hermann Schäfer, eine Webcam starten. Das war ein schönes Zeichen für ein Projekt, das einst in Agonie versank. Die Kamera, auf dem benachbarten Martin-Gropius-Bau installiert, soll täglich den Baufortgang dokumentieren.

So kann sich also am Ende jeder im Internet davon überzeugen, ob es diesmal mit der "Topographie des Terrors" vorangeht.

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