Neubau-Ruine Torre de David Im Turm des Bösen

Wo wohnen tödlich sein kann: Mitten in Caracas lebten bis zu 1300 Menschen illegal in einem Hochhaus, das nie fertig gebaut wurde. Alejandro Cegarra hat die Bewohner fotografiert, die wissen: "In Venezuela redet man nicht, man schießt."

Alejandro Cegarra

SPIEGEL ONLINE: Herr Cegarra, Sie haben die Bewohner eines nie fertig gestellten Hochhauses in Caracas fotografiert. Es heißt, dort wohnten nur Kriminelle, der Turm sei das Zentrum des Bösen - spätestens seit es in der US-Serie "Homeland" so dargestellt wurde. Hatten Sie mal Angst, als Sie da waren?

Cegarra: Ich hatte zuvor auch gehört, dass dort alle nur mit Waffen herumlaufen. Ich war fünf Monate lang immer wieder dort - und hatte niemals Angst. Einmal hatte es sehr stark geregnet und ich bin mit dem Auto nicht mehr weggekommen, da bot mir sogar jemand einen Schlafplatz an. Er sagte auch noch: "Am Morgen schauen wir nach deinem Auto."

SPIEGEL ONLINE: Woher dann das schlechte Image?

Zur Person
  • Alejandro Cegarra
    Alejandro Cegarra wurde 1989 in Caracas, Venezuela geboren. Vor vier Jahren begann er Fotografie und Publicity zu studieren. Seit 2012 arbeitet er als Fotograf für die Zeitungen "Ultimas Noticias", "Ciudad Caracas" und "2001". Seit November 2013 arbeitet Cegarra als Stringer für die Associated Press. Für seine Serie "The Other Side of the Tower" hat er mehrere Preise gewonnen.
Cegarra: Am Anfang sind da ja wirklich Menschen eingezogen, die aus dem Gefängnis gekommen sind. Man löst in Venezuela Auseinandersetzungen nicht mit reden, sondern man schießt auf die Leute. Wenn es einen Mord in einem Slum gibt, ermittelt die Polizei meist nicht mal. Glauben Sie mir, drinnen ist es sicherer als draußen im Slum. Die Menschen haben im Turm sogar so eine Art Demokratie.

SPIEGEL ONLINE: Ach, ja? Und wie funktioniert die?

Cegarra: Das Hochhaus ist eine kleine Stadt in der Stadt. Ein Anführer, der alles organisiert, ist Präsident des Turms. Die Menschen respektieren ihn. Zudem hat jede Etage einen Anführer und dann gibt es noch alle fünf Etagen jemanden, der den Etagen-Führern vorsteht. Jeden Monat tagt die Regierung und berät über Entscheidungen.

SPIEGEL ONLINE: Die Bewohner haben das Hochhaus vor mehr als sieben Jahren besetzt. Wie lief das ab?

Cegarra: Bevor die Menschen den Turm besetzt haben, stand er etwa 14 Jahre leer. Jetzt wohnen etwa 1300 Leute dort. Viele von ihnen waren vorher auf der Straße. Dann hat eine Gruppe von Leuten den Turm an einem Tag erobert. Die als erste da waren, sind in die unteren Etagen eingezogen. Die anderen wohnen weiter oben.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Eigentümer denn nie dagegen protestiert?

Cegarra: Die Regierung ist der Eigentümer, sie konnte nichts dagegen tun.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht das Leben der Bewohner aus?

Cegarra: Die meisten arbeiten irgendwas: Sie putzen Autos, verkaufen Hotdogs, jobben in Einkaufszentren. Die Kinder gehen zur Schule. Wenn die Bewohner frei haben, spielen sie Domino oder gehen raus, reparieren Autos oder trinken.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit wurde das Haus überhaupt gebaut?

Cegarra: Es ist zu 60 oder 70 Prozent fertig geworden, Bäder und Toiletten sind drin, es gibt Strom und einmal in der Woche Wasser. Aber es fehlen teilweise Fenster und innen die Wände. Die Menschen trennen sich ihren Wohnraum mit Tüchern und Decken ab.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Etagen sind bewohnbar?

Cegarra: Der Turm hat 46 Etagen, davon sind 28 bewohnt. Weiter oben kann man nicht leben. Dort wurden keine Wohnungen mehr gebaut.

SPIEGEL ONLINE: Wie gefährlich ist es, in so einem hohen Turm zu wohnen, in dem nicht alle Wände eingezogen worden sind und es nicht überall Fenster gibt?

Cegarra: Das Wasser ist schmutzig, die Luft dreckig, es stinkt: Die Menschen werfen ihren Müll nach unten – und der wird nur einmal im Monat abgeholt.

SPIEGEL ONLINE : Sind auch mal Leute nach unten gestürzt?

Cegarra : Ja. Zum Beispiel sind mal zwei Betrunkene im Parkhaus herumgefahren. Das zieht sich zehn Stockwerke nach oben und nach außen hin gibt es keinerlei Absperrung. Die zwei sind falsch abgebogen und in die Tiefe gestürzt. Auch andere Unfälle geschehen: Vor drei Monaten ist ein Rohr von oben heruntergefallen und hat ein Kind erschlagen. Es liegen auch immer mal tote Katzen und Hunde herum, die von oben heruntergefallen sind.

SPIEGEL ONLINE: Und in so einem Haus bleiben die Bewohner?

Cegarra: Seit Sommer 2014 ziehen die Leute langsam aus.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Cegarra: Die Regierung stellt ihnen Wohnungen zur Verfügung. Zuerst kommen die Alten und Kranken dran. Niemand hätte das erwartet, eine große Überraschung für alle.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihre Fotoserie "The Other Side Of The Tower" genannt. Was ist sie, die andere Seite des Turms?

Cegarra: Ich hatte in dem Hochhaus ein Chaos erwartet, es galt ja, wie gesagt, als Zentrum des Bösen in Caracas. Doch als ich da war, sah ich etwas anderes: eine gut organisierte Gesellschaft. Das einzige Ziel dieser Leute war es doch nur, ein Zuhause zu finden.

Das Interview führte Kristin Haug für das Fotoportal seenby.

insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
t dog 23.01.2015
1. Venezuela
hat seine Ölquellen verstaatlicht. Deshalb ist es im US TV das pure Böse.
Korken 23.01.2015
2. nur s/w und kein Eintrittsgeld
Von vielen Reportern, die dort waren hört man, dass man für eine Reportage u.ä ein Eintrittsgeld an den obersten Demokraten dort entrichten muss, gerne wiederholend, wenn es länger dauert. War das hier nicht der Fall. Außerdem, warum mal wieder nur s/w Aufnahmen? Unnötige Tristesse. Genau wie damals Ende 1989 Anfang 1990 als das Projekt entlang der Berliner Mauer zusammen mit den Grenztruppen ablief, eine einmalige Gelegenheit, den gesamten Mauerverlauf aus Grenztruppensicht abzulichten - aber nur s/w. Eine einmalige Chance vertan für die Nachkommen!
Noctim 23.01.2015
3. Entmystifiziert
Vor einigen Tagen/Wochen hatte glaube ich sogar Galileo über den Turm berichtet. Die Verhältnisse waren nach deutschen Gesichtspunkten schon prekär, aber die ultimative Bedrohung erschloss sich dem Reporter jetzt nicht. Am gefährlichsten an dem Gebäude sind die vollkommen ungesicherten Treppen, die förmlich im nichts schweben. Ansonsten leben die Bewohner dort ziemlich unspektakulär. Statt Miete an den Besitzer, wird halt Schutzgeld an die Gang gezahlt, die sich aber offenbar halbwegs zurückhält.
nadennmallos 23.01.2015
4. Super Bilderstrecke ...
... Endlich mal ein Fotobeitrag wo alles passt: der Blick für die Situation, der Aufbau. Sehr, sehr schön!!
Stevy B64 23.01.2015
5. Hat des öfteren eine Rolle in Film & TV!
Der Torre hat mich schon in der Serie "Homeland" als Kulisse beeindruckt...
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