Tote Hosen-Serie auf MTV "Wir brauchen keine Quote"

Ozzy Osbourne hat es vorgemacht: Real-Life-Dokus beleben alte Pop-Recken neu und garantieren ordentliche Quoten. Mit der gestern auf MTV gestarteten Serie "Friss oder stirb" soll jetzt der Alltag der Toten Hosen die Mattscheibe erobern. Bericht von einer Pressekonferenz zwischen Enthusiasmus und toter Hose.

Von Ulf Lippitz


Pop-Punker Die Toten Hosen: "Näher ran geht nicht"
MTV

Pop-Punker Die Toten Hosen: "Näher ran geht nicht"

Elmar Giglinger hatte noch nie ein Problem damit, Fernsehformate vollmundig anzupreisen. Der Programmdirektor von MTV Deutschland verteidigte die Sendung "Jackass" im März 2003 als "authentisch, rebellisch und innovativ". In der Show bestehen Freiwillige Mutproben, bei denen Knochen und vor allem Genitalien argen Belastungen ausgesetzt werden. Giglingers Besänftigung verhallte ungehört. Der deutsche Ableger "Freak Show" musste eingestellt werden. Der verantwortlichen Landesmedienanstalt in München war das Format zu provokant.

Suppe, Mutti, alte Videos

Jetzt sitzt Giglinger samt Sender in Berlin und redet wieder über innovatives Fernsehen, z.B. über "Friss oder stirb", die TV-Show der Toten Hosen. Sie soll den Alltag der Düsseldorfer Punkband zeigen, wie sie auf Tour geht, über Suppenverpflegung streitet oder mit Mutti alte Videos ansieht. "Näher ran geht nicht", weiß der Mann von MTV - und setzt selbstbewusst nach: "Es wird Zeit für Authentizität." Tja dann.

 Logo von "Friss oder Stirb": Absolute Perlen
MTV

Logo von "Friss oder Stirb": Absolute Perlen

Giglinger prescht vor, Campino zügelt. Der Sänger des Quintetts betont, dass die Sendung "nichts mit Ozzy Osbourne zu tun hat" - private Peinlichkeiten und Befindlichkeiten sind tabu. Der 42-jährige Rocker erklärt: "Ich werde mich nicht vor die Kamera stellen und sagen: Das ist meine Freundin, das ist mein Kind, das ist mein Klopapier." Giglinger glaubt trotzdem: "Da sind absolute Perlen dabei."

Als Perle gilt zum Beispiel ein Tour-Abstecher der Hosen nach Sofia, Zagreb und Belgrad im Frühjahr 2004. Mit der Band wird rausgeschaut, aus dem Bus, aus dem Flugzeug, deHotelfenster. Faust, ein Roadie der Band, moniert: "Keine Weiber." Ein anderer Roadie überlegt: "Mal sehen, was der Bulgare zu bieten hat."

Nächster Boxenstopp ist der Golfplatz. Das Konzept der Show brilliert unter anderem mit der Idee, die Hosen bei artfremden Tätigkeiten zu filmen. "Kann Schicki-Sport Spaß machen?", fragt Campino skeptisch auf dem Weg zur Übungsranch. Am Ende des Tages hat er gelernt, wie man beim Golf mogelt und was eine Pappel ist. Die nächste Folge trumpft mit Extremsport auf: Die Hosen beim Fallschirmsprung. Echte Männerängste artikulieren sich. "Was ist, wenn der Tandem-Partner eine Schwuchtel ist?", fragt Campino. Wie hatte Giglinger versprochen: absolute Perlen.

Hosen-Chef Campino: Bitte keine Erbsensuppe
AP

Hosen-Chef Campino: Bitte keine Erbsensuppe

Solche Episoden sollen den Comedy-Charakter der Sendung betonen. Szenen werden auf Punchlines zugeschnitten. Große Klappe, hohe Quote - so das Kalkül. Campino hat hier zweifelsohne die Nase vorn. Der Alltag manifestiert sich allerdings woanders - zum Beispiel während eines Bandmeetings. Die Gruppe verhandelt, ob es bei "Rock am Ring" nur Bouletten oder auch ein vegetarisches Gericht geben soll. Einer schlägt Suppe als Alternative vor. "Aber keine Erbsensuppe", wirft Campino ein, "das ist so spießig-miefig". Wie wäre es mit Kürbis-Karotte? Ein Kompromiss ist gefunden. Das ist absurdes Theater à la Sven Regener: banal, schräg und ehrlich.

Riskierte kalkulierte Nähe

Eine intime Band-Studie wie der Metallica-Film "Some Kind Of Monster" kam nicht zustande. Konflikte stehen ausdrücklich nicht zur Debatte. "Jedes Mitglied hat ein Veto. Er kann die Reißleine ziehen, wenn er glaubt, eine Szene würde seine Privatsphäre verletzen", sagt Campino nach der Vorstellung einiger Sequenzen. Und da der Sänger das Zensurrecht selbst in Anspruch genommen hat, schnurrt ein feucht-fröhlicher Abend in einem Belgrader Hotelzimmer auf einen kurzen Ausschnitt zusammen.

Die Idee fürs Blödelfernsehen mit Musikerbeteiligung kam den Toten Hosen, weil jahrelang selbst gedrehtes Filmmaterial in Hinterzimmern verstaubte. Sie beauftragten einen Regisseur mit der Sichtung und entwarfen ein Konzept - MTV war prompt interessiert. In der Band war nicht jeder glücklich über das neue Engagement. Gitarrist Michael Breitkopf gibt auf der Pressekonferenz unumwunden zu: "Am Anfang konnte ich es überhaupt nicht leiden, dass die Kamera überall dabei war." Sein leicht gequälter Gesichtsausdruck spricht Bände. "Breiti", wie der Gitarrist gerufen wird, tritt dementsprechend selten auf dem Bildschirm in Erscheinung. Campino beschwichtigt diplomatisch: "Die Nähe ist Chance und Risiko zugleich."

 TV-Helden Hosen: Veto gegen die ungeliebte Kamera
DPA

TV-Helden Hosen: Veto gegen die ungeliebte Kamera

So richtig nah soll man den deutschen Spaß-Punkern aber auch gar nicht kommen. "Friss oder stirb" liefert passable Unterhaltung, kurzweilig und garantiert frei von Provokation. Dennoch spricht Giglinger begeistert von einem "echten Minderheiten-Programm". Dass die Band in ihrer 20-jährigen Geschichte Millionen Platten verkauft und eine treue Fanbasis erobert hat, muss irgendwie in Vergessenheit geraten sein. "Wir brauchen keine Quote.", gibt Campino dementsprechend selbstbewusst zu Protokoll. Giglinger nickt bestätigend. Übrigens: Am 11. Oktober erscheint das neue Album der Toten Hosen "Zurück zum Glück". Aber die TV-bedingte PR kommt den Düsseldorfern sicher wahnsinnig ungelegen.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.