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Tough Guy Challenge: Blut, Schweiß und Spaß

Eiswasser, Schlamm und Feuer - die Tough Guy Challenge im britischen Perton gilt als das härteste Rennen der Welt. Ist es auch, finden Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig und ihr Autorenkollege Aleks Scholz. Und außerdem die vergnüglichste Art, einen Sonntag zu verbringen.

Das Rennen beginnt mit einem Cross-Country-Lauf, der über Wiesen, durch Dornengestrüpp und schließlich in Schlangenlinien einen steilen Abhang hinauf und hinab führt. Was denn der Nachbar in seinem kleinen Tagesrucksack bei sich trage, erkundigen wir uns. "Bloß einen Fleecepullover, falls ich friere oder nass werde". Überrascht sehen wir ihn an. Der Versuch, bei der Tough Guy Challenge warm und trocken zu bleiben, mutet ähnlich sinnlos an wie der Einsatz eines Feuerlöschers in einer Supernova. Nach dem Beginn der Hindernisstrecke dauert es noch etwa zehn Minuten, bis jeder Teilnehmer nässer, kälter und dreckiger ist als ein toter Laubfrosch. Dieser Zustand wird durch immer tiefer werdende Schlammgräben hergestellt, in denen man sukzessive zunächst bis zu den Knien, dann bis zum Bauch, schließlich bis zum Hals in einer stinkenden Brühe versinkt. Aber die Menge verschluckt den seltsamen Nachbarn, und wir werden nie erfahren, was aus ihm und seinem Fleecepullover geworden ist.

Es ist nicht leicht, beim "Tough Guy" Wahrheit und Beschönigung oder vielmehr Verabscheulichung der Tatsachen voneinander zu trennen. Der Wettbewerb in der Nähe von Wolverhampton in Mittelengland wird in der Berichterstattung immer wieder als "eines der härtesten Rennen der Welt" bezeichnet. Die Pressefotos zeigen Angst, Blut und schmerzverzerrte Gesichter. Einerseits ist das alles nicht falsch: Wer teilnimmt, bekommt es mit Schlamm, Eiswasser, Höhenangst, Klaustrophobie, Stacheldraht, Feuer und Elektroschocks zu tun.

Aber das Wesentliche ist für Reporteraugen unsichtbar: Es gibt, so unwahrscheinlich das klingt, kaum eine vergnüglichere Art, einen Januarsonntag zu verbringen. Jedes normale Kind kommt regelmäßig von oben bis unten verdreckt nach Hause und wird dafür nur selten gelobt. Ab einem gewissen Alter ziehen die meisten Menschen es dann vor, ohne Dreck weiterzuleben, vermutlich, weil es kein gesellschaftlich anerkanntes Hobby ist, im Schlamm herumzuwühlen. Beim "Tough Guy" darf man sich nicht nur vollständig bekleidet auf einem riesigen Abenteuerspielplatz im Dreck wälzen, man bekommt auch noch eine Medaille dafür, und die Umstehenden jubeln einem zu. Nie hat Erwachsensein so viel Spaß gemacht.

Die Teilnehmer wissen das und treten in Baströckchen, Batman-Kostümen, Abendkleidern, mit aufgemalten Schnurrbärten oder als Schlümpfe verkleidet an. Sie sind, so die am häufigsten zu hörende Begründung, betrunken im Pub zur Teilnahme überredet worden und haben - zumindest in unserer Startgruppe, den "Wetnecks" - ähnlich viel Zeit wie wir auf das Training verwendet, nämlich gar keine. Wer richtige Handschuhe statt Bauarbeiter- oder Spülhandschuhen trägt, gehört schon zu den professioneller gekleideten Läufern. Die fröhlichen Briten werfen sich hingebungsvoll in den Schlamm, singen Lieder beim Durchkriechen enger Betonröhren und helfen sich gegenseitig über die schwierigen Stellen. Da sowohl beim Start als auch beim Zieleinlauf nicht gerade Präzisionsmessmethoden walten und man im Mittelfeld viel Zeit mit Schlangestehen vor den Hindernissen verbringt, sind alle Ergebnisse ohnehin relativ.

Schreie vom nächsten Wasserloch

Bis kurz vor dem Start gibt es gute Gründe, daran zu zweifeln, dass das Rennen überhaupt stattfindet. Jeder Teilnehmer bekommt etwa 20 Seiten mit wirren und widersprüchlichen Informationen zugeschickt und muss einen "Death Warrant" unterschreiben, der den Veranstalter von jeder Haftung freistellt. Versicherer machen einen weiten Bogen um den "Tough Guy" mit seinen windschief aus rohen Baumstämmen und Seil gebastelten Hindernissen. Wer sich beim "Tough Guy" verletzt, tut das laut Death Warrant "aufgrund eigener Unfähigkeit".

Entsprechend entspannt ist die Durchführung. Es gibt weder Kommandoterror noch Absperrzäune, stattdessen herrscht freundliches Chaos. Unbewachte Scheunen dienen der Gepäckaufbewahrung, eine Dudelsackkapelle spielt, und der in Tartan gewandete Veranstalter Mr. Mouse gibt von einem Hügel herab mit weißen Handschuhen so würdevolle wie unverständliche Signale. Eigentlich kann das alles gar nicht klappen, aber es klappt reibungslos.

Ungefähr nach der Hälfte des finalen Parcours, der "Killing Fields", hört man laute Schreie vom nächsten Wasserloch. Hier, am "Fear Tunnel", wird "Tough Guy" ein kleines bisschen weniger fröhlich, denn zum ersten Mal muss man vollständig untertauchen, unter vier dicken Balken durch und anschließend ans Ufer schwimmen. Die Gesichter der Auftauchenden zeigen eine Mischung aus Schock und freudiger Überraschung, noch am Leben zu sein. Kaltes Wasser im Gesicht vermindert über einen Reflex die Atmung und den Herzschlag, und damit auch die Fähigkeit, die Luft anzuhalten und koordinierte Bewegungen durchzuführen. Noch mehrfach darf man an diesem Tag aus eiskalten Tümpeln aussteigen. Schon wenige Stunden später hört dann auch das unkontrollierbare Zittern auf.

Mr. Mouses schmutziges Wunderland

Ob tatsächlich auch dieses Jahr wieder ein Drittel der Teilnehmer gar nicht erst ins Ziel gelangt ist, weiß nur Mr. Mouse selbst, der in Interviews und auf der "Tough Guy"-Website enthusiastisch mit Metaphern von Krieg und Tod hantiert. Die Hindernisse tragen Namen wie "Somme Surprise", "Stalag Escape", "Vietcong Tunnels" und "Death Plunge". Dieses Marketing durch Abschreckung scheint gut zu funktionieren - obwohl das Rennen nicht aktiv beworben wird, sind die Teilnehmerzahlen in den vergangenen 20 Jahren von knapp 100 auf mehr als 5000 gestiegen. Von den Erlösen finanziert sich die "Mr. Mouse Farm for Unfortunates", auf der alte Pferde ihr Gnadenbrot bekommen.

Denn Mr. Mouse ist kein böser Mensch: "I teach people happiness", erklärt er. Damit ist hier vermutlich vor allem die Relativität des Glücks gemeint: Schon nach kurzer Zeit freut man sich über jedes Wasserloch, in das man nur teilweise untertauchen muss. Beim Herumrobben unter Stacheldrahtgewirr ist man zufrieden darüber, dass der Schlamm ein paar Grad wärmer ist als das Wasser in den Tümpeln. Und hurra, danach kommen wieder Hindernisse ganz ohne Stacheldraht!

Das Glück einer heißen Dusche nach dem Rennen muss allerdings warten, denn die Duschsituation hätte Georges Bataille froh gestimmt: Nackte Gestalten beiderlei Geschlechts drängen sich unter kalten Tröpfelduschen in einer knietiefen Brühe aus Schlamm, Rettungsdecken und aufgegebenen Kleidungsstücken. Obwohl viele im Ziel ankommen, gibt es offiziell keine Gewinner: "No one completed the course in its entirety." Der geschickte Mr. Mouse hat rechtzeitig ein Regelwerk entworfen, an dem selbst ehrgeizige Teilnehmer gescheitert sind.

Oder auch nicht, wer will schon das Gegenteil beweisen? Wir jedenfalls werden auch im nächsten Januar wieder einen Ausflug in Mr. Mouses schmutziges Wunderland unternehmen. Vielleicht diesmal als Pferd verkleidet.

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Tough Guy Challenge: Stacheldraht, Feuer und Elektroschocks


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