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Problemviertel-Fotograf Vergara: Amerikas urbane Wirklichkeit

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Camilo José Vergara fotografiert heruntergekommene Wohnviertel in den USA. Stets kehrt er an dieselben Orte zurück - seine Bilder dokumentieren, wie unaufhaltbar sich der Verfall breitmacht.

Ransom Gillis verkaufte früher sehr erfolgreich Textilwaren, er ließ sich eine Stadtvilla bauen, aus rotem Backstein, mit einem kleinen Turm, ein bisschen verwinkelt. Rund 100 Jahre später entdeckte Camilo José Vergara das Haus und fotografierte es. In den kommenden Jahren und Jahrzehnten fuhr Vergara dann immer wieder zu dem Gebäude und dokumentierte mit seiner Kamera, wie irgendwann das Dach leckte, das Türmchen einstürzte und schließlich nur noch das Gerippe der Villa stand. Solche Motive sucht Vergara. Sie sind Zeugen der Vergänglichkeit.

Ende der Sechzigerjahre war Vergara aus Chile in die USA gekommen. In einem Land, in dem es den meisten Menschen gut ging, trieb es ihn zu denen, denen es nicht gut ging. Mehr als 40 Jahre lang reiste er in Städte wie das niedergehende Detroit, in Randgebiete und Problemviertel von Metropolen.

Die 4337 West Madison Street. Immer wieder

Vergara, Jahrgang 1944, fotografierte Menschen, die Straßen fegen, an Autos gelehnt den Tag vertrödeln, auf Bürgersteigen schlafen oder auf Holzhockern darauf warten, dass die Zeit vergeht. Das Museum für Photographie in Braunschweig zeigt Vergaras Bilder nun in der Ausstellung "Tracking Time - Documenting America's Post-Industrial Cities". To track - aufspüren, verfolgen, aufstöbern, ausfindig machen. Vergara jagt den Spuren nach, die die Zeit hinterlässt.

Im Gegensatz etwa zum Dokumentarfotograf Nicholas Nixon, der von 1975 bis 2010 jedes Jahr vier Schwestern fotografierte, hielt Vergara die Spuren der Zeit nicht an Menschen, sondern an Gebäuden oder Straßenzügen fest. So machte er etwa immer wieder Aufnahmen von der 4337 West Madison Street in Chicago. Zu sehen sind dort kleine Läden, die im Laufe der Zeit immer andere Sachen anbieten; aus dem Fast-Food-Restaurant wird ein Sicherheitsunternehmen, eine Drogerie mit Eisverkauf, ein Reifenverkauf. Oder umgekehrt.

"Pigs Feet, $ 2,59, 5lb"

"Ich bin zu einem Archivar des Untergangs geworden, ein Fotograf der Wände, Gebäude und Straßenblöcke. Backsteine, Schilder, Bäume und Bürgersteige haben zu mir gesprochen und mir das Wahrhafteste über urbane Wirklichkeit erzählt", schreibt Vergaras auf seiner Homepage. Seine Motive geben aber noch mehr preis. Sie erzählen von der Gesellschaft jenseits der white picket fences, der weißen Gartenzäune, die vor schönen Häusern in reichen US-Stadtvierteln stehen.

Eine Gesellschaft, in der Jugendliche in einem Trümmerfeld nach etwas Wertvollem suchen, in der Kinder auf der Straße Wasser von einem Feuerhydranten trinken, in der ein Mann vor einer tristen weißen Häuserwand liegt und neben einem umgekippten grün- und lilafarbenen Einkaufswagen schläft. Die Stadt scheint die Menschen auf diesen Bildern zu verschlingen. Sie wirken klein, gänzlich unwichtig.

Vergara will das so. Seine Protagonisten sind seelenlose Hochhäuser, verschmutzte Straßen, eingeschlagene Fensterscheiben. Oder das Fisch- und Fleischgeschäft "Four Brothers", das mit simplen Werbeschildern informiert: "Chicken Wings, 5lb, $ 3,99", "Pork Ribs, $ 1,79, lb", "Pigs Feet, $ 2,59, 5lb".

Vergara hat einmal geschrieben, man könne durch Porträts einfach zu wenig über Menschen erfahren - Fotos von den Orten, die sie bewohnen, sagten viel mehr aus. Er konzentriert sich daher nicht darauf, arme Menschen zu zeigen, das Porträt des großstädtischen Amerikas würde so zu sehr auf eine Minderheit eingeschränkt.

Vor viereinhalb Jahren kam Vergara übrigens auch mal nach Berlin, um Bilder zu machen. Er fuhr mit der S-Bahn nach Marzahn, in den Wedding, nach Neukölln. Gesucht hat er heruntergekommene Stadtviertel, Menschen, die sich verprügeln. Gefunden hat er eine Wurstbude, den Ostbahnhof und das Männerklo eines türkischen Restaurants. Das Ruhrgebiet oder einige ostdeutsche Städte hätten Vergara vermutlich auch gefallen.


"Tracking Time - Documenting America's Post-Industrial Cities", Museum für Photographie Braunschweig, bis 11.12.2014, Ausstellungshalle Hamburger Straße 267; bis 28. 12. Torhäuser

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1. Beruhigend, zu wissen, dass
wermoe 18.10.2014
bei uns alles mit 15 jähriger Verspätung wie in Amerika zerfällt ...
2. Wenn ich groß bin,
frommunichwithlove 18.10.2014
werde ich auch Problemviertel-Fotograf.
3. Komm nach Germany,
syssifus 18.10.2014
fotografiere hier die heruntergekommenen Wohnviertel, die auch immer schlimmer und mehr werden.Beginne in Berlin Neuköln,weiter über Dortmund,Duisburg,Offenbach,Hamburg,Frankfurt usw. usf.
4. Was ist ein Schloss?
*42* neu 19.10.2014
Diese Problemviertel gibt es überall, wurde einst reichlich (http://bilder.fuessen.de/uploads/pics/schloss-neuschwanstein.jpg) übertrieben was ein Schloss ist wird kulturell nicht nur in den USA abgebaut, Probleme entwickeln sich mit der Verschlossenheit (http://blog.tetti.de/sites/default/files/images/schloss-950-2857.preview.jpg) gegenüber eigenen Problemzonen ^^
5. Wo ist
altmannn 19.10.2014
denn der Untergang? Für mich sehen die gleichen Straßen auf den neueren Bildern besser und gepflegter aus.
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