Trauer um Erich Böhme Der Mann mit der rotierenden Brille

Er war Nachrichten-Junkie, ein toller Geschichtenerzähler und er war Erfinder der politischen TV-Talkshow in Deutschland. Nun ist der ehemalige SPIEGEL-Chefredakteur Erich Böhme im Alter von 79 Jahren gestorben. Ein Rückblick auf die Arbeit eines großartigen Journalisten.

DPA

Von Hartmut Palmer


"Hinter der Bordwand scheppert es gewaltig. Kapitänin Angela und Mannschaft liegen sich wegen des Kurses in den Haaren. Guido Westerwelles Leichtmatrosen, seit wenigen Wochen an Bord, verlangen nach einer großen Steuerreform, sonst, so die Neulinge, hätten sie gar nicht erst angeheuert. Merkels erster CDU-Offizier Wolfgang Schäuble hat indessen die Hand fest auf der Schiffskasse. Die Kapitänin schwimmt..."

Solche Sätze wird man in deutschen Zeitungen künftig nicht mehr lesen können. Erich Böhme hat sie geschrieben. Sie erschienen genau eine Woche vor seinem Tod in der "Sächsischen Zeitung" für die er immer noch als Kolumnist arbeitete, obwohl er nach eigenem Bekunden am liebsten "Bahnwärter an einer stillgelegten Strecke in Frankreich" hätte sein wollen.

Aber das war natürlich eine seiner typischen ironischen Koketterien. Zum Bahnwärter taugte dieser Vollblutjournalist nun wirklich nicht. Ohne seine Zeitungen, die der Nachrichten-Junkie jeden Tag verschlang und ohne seine wöchentlichen Kolumnen hätte er sich tatsächlich wie auf dem Abstellgleis gefühlt.

Ein großartiger Geschichtenerzähler

Böhme wollte wissen, was passiert und den Leuten in der ihm eigenen, bilderreichen Sprache erzählen, warum es passiert. Das war immer und blieb bis zum Schluss das Lebenselixier dieses großen Journalisten.

Böhme war ein großartiger Geschichtenerzähler - im kleinen Kreise übrigens genauso wie in seinen Artikeln und Kommentaren. Populär und einem breiten Publikum bekannt wurde er allerdings nicht durch das, was er im SPIEGEL und anderswo schrieb, sondern durch seine bahnbrechende Arbeit als Moderator im Fernsehen, seiner zweiten Journalistenpassion. Erich Böhme hat in Deutschland die politische TV-Talkshow erfunden. Viele haben versucht, ihn nachzuahmen, nur wenige kamen an ihn heran.

Mit seinem "Talk im Turm" - von 1990 bis 1998 vom Privatsender Sat.1 ausgestrahlt - prägte er sich den Deutschen als schlagfertiger, witziger und kluger Talkmaster ein. Wie er da - Sonntag für Sonntag - in seinem Sessel mehr hing als saß, die Lesebrille von der Nase nahm, wie einen Propeller rotieren ließ, an den Bügeln kaute und im hessischen Falsett seine Fragen stellte - das hat es vorher noch nicht und nach ihm nie mehr gegeben.

Die Gabe, Menschen aufzuschließen

Denn Böhme hatte die Gabe, Menschen aufzuschließen, ihr Vertrauen zu gewinnen, sie zum Reden über sich zu bringen und ihnen dabei Geheimnisse zu entlocken, die sie anderen nicht anvertraut hätten. So recherchierte er schon seine Geschichten im SPIEGEL, für den er 31 Jahre lang gearbeitet hat: Zuerst als Wirtschaftskorrespondent in Bonn, dann als Leiter des Bonner SPIEGEL-Büros und dann - von 1973 bis 1989 als Chefredakteur in Hamburg.

Vier Jahre - von 1990 bis 1994 - war er danach Herausgeber des einstigen SED-Blattes "Berliner Zeitung", die vom Verlag Gruner und Jahr gekauft worden war. Sein Ehrgeiz war es, daraus eine Art deutsche "Washington Post" zu machen - was ihm allerdings nicht gelang.

Politiker mussten vor ihm auf der Hut sein. Denn so kumpelhaft nett dieser Mann auftrat, so vertrauenerweckend harmlos das "hessische Schlappmaul" (Böhme über Böhme) daherredete - er war immer hellwach und hakte sofort nach, wenn er Ungereimtheiten entdeckte. Das "Krokodil" nannten sie ihn deshalb, weil er "scheinbar teilnahmslos in der Sonne liegt und hin und wieder zuschnappt".

So enthüllte er als junger SPIEGEL-Redakteur die skandalösen Begleitumstände, die zum Bau des Heerespanzers HS 30 führten und in dessen Mittelpunkt Franz Josef Strauß (CSU) stand, mit dem er gleichwohl auch später noch "manche Flasche Champagner" leerte. Als Chefredakteur trieb er seine Leute dazu an, immer weiter zu bohren und zu suchen, wenn sie glaubten, irgendwelchen Machenschaften auf die Spur gekommen zu sein: Beim Flick-Konzern etwa, bei der gewerkschaftseigenen Neuen Heimat und 1987 beim Kieler Ministerpräsidenten Uwe Barschel, der seinen SPD-Gegenkandidaten Björn Engholm mit Stasi-ähnlichen Methoden überwachen ließ.

"So etwas gehört sich nicht"

Es war Böhme, der den Ruf des SPIEGEL festigte, das wichtigste investigative Nachrichtenmagazin Europas zu sein - im Fall Barschel sogar gegen den Rat seines Freundes und Herausgebers Rudolf Augstein, der bei der Geschichte zunächst "kalte Füße" (Böhme) hatte.

Böhme liebte die Teamarbeit. Als er noch Chef des Bonner Büros war, hing in seinem Arbeitszimmer eine große Schultafel. Freitags, wenn es galt, die Titelgeschichte oder den Aufmacher zu schreiben, versammelte er alle daran beteiligten Kollegen und ließ sie erzählen, was sie in Erfahrung gebracht hatten. Das Wichtigste schrieb er mit Kreide an die Tafel. Manches wurde wieder weggewischt, anderes kam hinzu. Am Ende wurde die Sekretärin hereingerufen und Böhme diktierte das, was stichwortartig an der Tafel stand, durch Zurufe von den Kollegen ergänzt, druckreif für den Fernschreiber - Computer gab es damals noch nicht.

Aus seiner linksliberalen Haltung machte Böhme keinen Hehl. Am Tag des Misstrauensvotums im April 1972, als die Union - vergeblich - versuchte, den SPD-Kanzler Willy Brandt wegen dessen Ostpolitik zu stürzen, stand der rechtslastige ZDF-Moderator Gerhard Löwenthal - das westliche Gegenstück zum DDR-TV-Propagandisten Carl Eduard von Schnitzler - vor Erich Böhme an der Brüstung der Pressetribüne des Bonner Bundestages. Nachdem die Abstimmung für die Union verlorengegangen war, zischelte der TV-Mann wütend in Richtung Brandt: "Dich kriegen wir noch!" Böhme packte ihn am Kragen, schüttelte ihn und rief: "Ich habe genau gehört, was Sie gesagt haben. So etwas gehört sich nicht in einem demokratischen Parlament."

"Ei, des iss ein bisschen lieblos geschriwwe"

Er war bei den Kollegen beliebt, weil er ihre Arbeit achtete. Wenn er mit einem Artikel nicht zufrieden war, zerfetzte er das Manuskript nicht, wie andere Chefredakteure, sondern er sagte mit leiser Stimme: "Ei, des iss ein bisschen lieblos geschriwwe." Dann wusste der Betreffende, dass er sich noch einmal hinsetzen und neu formulieren musste. Und wenn Augstein dem Chefredakteur Böhme einen Kommentar brachte, pflegte der zu sagen, wenn er den Text für nicht druckbar hielt: "Ei Rudolf, des Thema is ja gut, aber des Stück is net pulitzerpreisverdäschdisch." Dann wusste Augstein, dass es so nicht gedruckt werden würde.

Einmal schrieb Böhme einen Kommentar, der Augstein nicht gefiel. Es war im Oktober 1989, die Mauer stand zwar noch aber man fing an, über die "Wiedervereinigung" zu reden. "Ich will nicht wiedervereinigt werden", schrieb Böhme. Jahre später wurde er gefragt, was sein größter Erfolg gewesen sei. Böhmes Antwort: "Mein Aufsatz: 'Ich will nicht wiedervereinigt werden'." Und was war Ihre dramatischste Fehlentscheidung? "Diesen Aufsatz veröffentlicht zu haben." Wenige Monate später musste er den Hamburger Chefsessel räumen.

Am Ende seines Lebens war er dann doch "wiedervereinigt". 2003 lernte er Angelika Unterlauf kennen und lieben, die zu DDR-Zeiten bekannteste Nachrichtensprecherin im DDR-Fernsehen. 2004 heirateten sie. Seine Hoffnung war mit ihr "so alt zu werden, dass ich noch ein paar Bücher lesen und viele Flaschen Rotwein trinken kann." Im Februar nächsten Jahres wäre Böhme 80 geworden. Er hätte es, wie es seine Art war, gewiss gebührend gefeiert. Sein plötzlicher Tod hat diese Hoffnung zunichte gemacht.



insgesamt 35 Beiträge
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Widerspiegler 29.11.2009
1. Erich Böhme
Vielen Dank für alles!
Gustav 29.11.2009
2. SED-Blatt
Ich bin zwar kein ehemaliger DDR-Bürger, aber nach allem, was ich von Journalisten-Kollegen weiß, war die Berliner Zeitung, die Erich Böhme nach der Wende neu aufbaute, kein "SED-Blatt". Es wird in der Redaktion sicher eine Menge 101-prozentige Realsozialisten gegeben haben, aber wenn mit dieser Etikettierung gar gemeint sein sollte, dass das Blatt eine Parteizeitung wie das Neue Deutschland war, dann ist das eindeutig falsch. Und was ist eigentlich damit gemeint, dass die Berliner Zeitung eine deutsche Washington Post werden sollte und es dann nicht geworden ist? Jedenfalls ist sie, trotz der wechselvollen Geschichte der letzten Jahre, die beste Berliner Tageszeitung. Dieses schnelle und unpräzise Abwatschen des Autors im Vorbeigehen ärgert mich.
mooringman, 29.11.2009
3. Böhme
R.I.P. Erich Böhme!Ich hab ihn und seine Arbeit immer gemocht,er war ein richtig guter....viele davon gibt es heute nicht mehr. Und zu seiner Zeit war "Der Spiegel" auch noch kritisch und lesenswert,heute ist es "Mainstream"!
haltetdendieb 29.11.2009
4. R.i.p.
Erich Böhme
Born to Boogie, 29.11.2009
5. Besten Dank
War'n guter Mann.
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