Trauer um Peter Zadek: "Eine nicht vorstellbare anarchistische Energie"

Mit großer Bestürzung haben Prominente und Weggefährten auf den Tod von Peter Zadek reagiert - zum Teil auf sehr persönliche Weise. So verglich der Schauspieler Gert Voss die Zusammenarbeit mit Zadek mit einer großen Reise: "Mit allen Aufs und Abs - man brauchte sehr viel Mut."

Hamburg - Als Leuchtturm seines Bühnenlebens hat der Burgtheater-Schauspieler Gert Voss den Regisseur Peter Zadek gewürdigt. Zadek sei der Mensch gewesen, von dem er in seinem Leben am meisten gelernt habe. "Er hat einen Schauspieler davon befreit, sich zu verstellen und ihn dazu gebracht, sich zu enthüllen", sagte Voss in Wien. Zadeks Verhältnis zu den Schauspielern sei immer durch sehr großes Vertrauen gekennzeichnet gewesen: "Ich habe ihm in der Arbeit alles geglaubt."

Voss hatte unter anderem am Wiener Burgtheater und am Berliner Ensemble in vielen Produktionen mit Zadek zusammengearbeitet und mit ihm seine größten Erfolge gefeiert. Seine Darstellung des Shylock in der Zadek-Inszenierung von Shakespeares "Kaufmann von Venedig" wurde legendär.

Für ihn persönlich sei Zadek der größte Regisseur überhaupt gewesen. So wie ein guter Musiker jeden falschen Ton sofort höre, habe er sofort gemerkt, wenn sich ein Schauspieler verstelle. "Er hat einem alle Sicherheitsnetze weggenommen, die man sich als Schauspieler so aufspannt", sagte Voss. Die Zusammenarbeit mit Zadek sei wie eine große Reise gewesen, "mit allen Aufs und Abs, nicht gemütlich sondern aufregend - man brauchte sehr viel Mut."

Peter Zadeks Leben war nach Worten seines Theaterkollegen Tom Stromberg das Theater. "Er hat eigentlich immer gesagt, wenn ich nicht mehr inszenieren kann, dann möchte ich lieber sterben", sagte Stromberg am Donnerstag in Berlin. "Peter wollte ja noch für Wien eine Oper vorbereiten. Ich könnte mir vorstellen, dass einfach der Gedanke, dass die Kraft nicht mehr reicht, um zu inszenieren, dass er dann vielleicht einfach gesagt hat, dann lasse ich es lieber", so Stromberg. Zusammen mit Zadek hatte er 2005 eine freie Theaterproduktionsgesellschaft gegründet.

"Zadek war jemand, der immer unabdingbare Qualität gefordert hat", sagte Stromberg. "Er wollte immer das Beste und Perfekte." Das habe manchmal sehr lange gedauert und für die Schauspieler natürlich auch sehr anstrengend und quälend sein können. "Aber jemandem, der intelligent und charmant ist und der Humor hat, dem verzeiht man natürlich auch alles."

"Er hat das Theater revolutioniert"

Von dem gemeinsamen Projekt, zu dem auch eine Theaterakademie gehört, habe sich Zadek zuletzt weitgehend zurückgezogen, weil er schon sehr schwach und krank gewesen sei. "Wir haben jetzt vier Jahrgänge der Akademie durchgezogen und sind dabei, Gelder für den nächsten Jahrgang zu suchen. Sein Tod gefährdet die Akademie nicht, er hatte sich in den vergangenen zwei Jahren aus verständlichen Gründen schon sehr zurückgezogen."

Der Intendant und Regisseur Jürgen Flimm hat mit großer Betroffenheit auf den Tod von Peter Zadek reagiert. Es habe in den vergangenen Jahrzehnten kaum einen bedeutenderen Regisseur als ihn gegeben, sagte der Intendant der Salzburger Festspiele. "Er hat das Theater in einer Weise revolutioniert, wie man es sich in den verschlafenen fünfziger Jahren kaum denken konnte", sagte Flimm. Mit seiner Radikalität und seiner unermüdlich frischen Sicht auf alte und neue Texte sei Zadek immer ein großes Vorbild gewesen.

"Er wird mir persönlich sehr fehlen", sagte ein sehr betroffen wirkender Flimm. Es komme ihm vor, als kenne er Zadek schon seit 100 Jahren. "Es ist ein schreckliches Jahr", beschrieb Flimm auf sehr persönliche Weise seine Stimmung nach dem Tod der Choreografin Pina Bausch vor einigen Wochen und des Regisseurs Jürgen Gosch Mitte Juni.

"Zadek hat eine Generation von Theatermachern wesentlich geprägt"

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) würdigte Zadek als einen der bedeutendsten Regisseure der Gegenwart. Wie kaum ein anderer Künstler habe er die deutsche Bühnenlandschaft seit den sechziger Jahren geprägt und verändert. "Die künstlerische Energie seiner Inszenierungen war beispiellos", erklärte Neumann. "Wie Shakespeare, in dessen Tradition er sich sah, gelang es Zadek, populäres Theater mit hohem intellektuellem Anspruch zu verbinden."

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) betonte, Zadeks Tod sei ein großer Verlust für die internationale Theaterwelt und für das Kulturleben in der Hauptstadt. Seine Verbundenheit mit Berlin sei um so höher zu schätzen, als er mit dem Machtantritt der Nazis mit seiner Familie aus der Stadt emigrieren musste.

Mit Bestürzung hat auch der Intendant des Hamburger St. Pauli-Theaters, Ulrich Waller, auf die Nachricht vom Tod Peter Zadeks reagiert. "Wir trauern um einen Freund und einen der größten Regisseure des deutschen Theaters, dem auch das St. Pauli Theater viel verdankt", sagte Waller am Donnerstag in Hamburg. "Sein bis zum Schluss unbestechliches Auge und seine nie versiegende Neugierde werden uns fehlen." Im St. Pauli-Theater hatte er zuletzt 2008 Luigi Pirandellos Parabel "Nackt" inszeniert.

Als großen Verlust für die Theaterwelt hat Ulrich Khuon den Tod von Peter Zadek bezeichnet. "Zadek war ein epochaler Theaterregisseur, der meine Generation von Theatermachern wesentlich geprägt hat", sagte der zukünftige Intendant des Deutschen Theaters in Berlin am Donnerstag. Er habe in den sechziger und siebziger Jahren "eine bis dahin nicht vorstellbare anarchistische Energie, die gleichzeitig sinnlich und durchdacht war, ins Theater gebracht". "Sein 'Lear', sein 'Hamlet', sein 'Kaufmann von Venedig' haben für uns das Theater quasi neu erschaffen", sagte Khuon, der im August die Intendanz des Deutschen Theaters Berlin übernimmt. "Das hatte Leichtigkeit, war nie schwer, aber dennoch tiefgehend. Diese Verbindung war ganz entscheidend. Wir verlieren eine große Kraft."

sha/dpa/ddp

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